Liebe Leserin, lieber Leser,
wussten Sie, dass die Polarnacht nicht dunkel ist? Ich nicht. Einmal bin ich im Winter nach Grönland gereist, um die sogenannte mørketid, die Dunkelzeit, zu erleben. In ihrer extremsten Form ist sie eine einzige Dauernacht, die Polarnacht. Davon spricht man, wenn die Sonne 24 Stunden nicht über den Horizont steigt. Im Norden Grönlands dauert diese Phase dreieinhalb Monate. Ich landete spätabends, also in der Nacht der Polarnacht, die ich dunkler vermutete als den Tag der Polarnacht. Doch der Mond schien hell, sein Licht reflektierte an der Schneedecke und strahlte in den Raum zurück. Die Frostluft wirkte rein und klar, alles bekam Schärfe und Kontur. Ich konnte weiter sehen als je zuvor. Mittags mühte sich die Sonne vergeblich über den Horizont, dabei färbte sie den Himmel tiefblau. Der Tag dämmerte ein paar blaue Stunden vor sich hin. Dann wurde es wieder Nacht, also mondhell.
Seine eigenen Erfahrungen mit der Dunkelheit machte unser Autor Dirk Liesemer bei der Recherche für eine Geschichte in der vorliegenden Ausgabe. Vor allem damit hatte er nicht gerechnet: mit einem Sonnenbrand.
Im Frühling reiste er gemeinsam mit Fotograf Emile Ducke auf eine kleine Insel vor Wales, nach Ynys Enlli (oder Bardsey Island, wie ihr englischer Name lautet). Für unseren Titel sollten sie dort die Nacht erkunden. Die Insel zählt offiziell als „Dark Sky Sanctuary“, auf Deutsch: Lichtschutzgebiet, und damit zu den dunkelsten Orten des Planeten. Unüblich für die Jahreszeit hatten sie auf Ynys Enlli sieben Tage lang ausschließlich Sonne und blauen Himmel. Natürlich waren Ducke und Liesemer viel im Dunkeln unterwegs, aber tagsüber führten sie Gespräche mit den auf der Insel lebenden Menschen. Mit allen Gesprächspartnern saß Liesemer unter freiem Himmel, unterhielt sich über Dunkelheit und Lichtverschmutzung – und merkte nicht, wie sehr ihm dabei die Sonne im Gesicht brannte (Seite 56).
Das Dezember/Januar-Heft ist unser Jahreswechselheft. Und unsere Verlagsumwandlungsausgabe. Vom nächsten Jahr an sind wir eine Genossenschaft. Kommen Sie an Bord, werden Sie Teil der Crew! Mit Ihrer Einlage helfen Sie uns, Kurs zu halten. Wer in der Dunkelheit navigieren möchte, braucht Sterne.
Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen
Dimitri Ladischensky
Chefredakteur
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