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Liebe Leserin, lieber Leser,
als Johann Wolfgang von Goethe auf meinem Lehrplan stand, pflegte ich eine aufrichtige Feindschaft zu einer fantasielosen Deutschlehrerin. Gleichwohl habe ich es ihr zu verdanken, dass sein Werk mich durch mein bisheriges Leben begleitet hat. Ganze Passagen des „Faust I“ musste ich auswendig lernen, dazu Gedichte und Balladen – Texte, die in meinem Kopf widerhallen, bisweilen aus dem Nichts auftauchen wie ein unerwartetes Geschenk. Wofür natürlich zuallererst die Wortmacht des Meisters und nicht die Impertinenz der Deutschlehrerin verantwortlich ist.
Bei einer Redaktionskonferenz fiel sein Name, und wir wurden, so wie ich Mephistos Verse, den Gedanken nicht mehr los: Ließe sich der Dichterfürst vom Meer aus betrachten? Oder besser: Wie betrachtete er das Meer? Es ist die größte Freude bei der Arbeit an diesem Magazin, dass dessen Ansatz neue Perspektiven öffnet – und tatsächlich: Bei Goethe fanden wir einen Schatz. 23 000 Objekte seiner naturwissenschaftlichen Sammlung lagern in Weimar im Verborgenen. Darunter ein präparierter Hai, ein Stück Tau der britischen Marine, ein auf ozeanblauen Stoff gebettetes Medusenhaupt. Für mare hat die Klassik Stiftung die Schubladen geöffnet und das Fotografenpaar Heidi und Hans-Jürgen Koch Goethes Geist eingefangen, der nicht genug davon bekommen konnte, die Welt und damit auch die Meere zu erforschen. Und wenn man seinen Gedanken zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin und Biologin Margrit Wyder folgt, dann hat er sogar geahnt, dass der Mensch seinen eigenen Lebensraum mehr und mehr bedroht (Seite 70).
Weil in der globalen Konflikt- und Krisenlage Menschen oft nur als Randnotiz erscheinen, kann man nicht dankbar genug sein für die Arbeit von Fotografinnen wie Forough Alaei, die seit Jahren Fischerinnen auf der iranischen Insel Hengam begleitet. Ihre Heimat in der Straße von Hormus ist zum Brennpunkt der Weltpolitik geworden, die Hoffnung auf ein gutes Leben für die Frauen und ihre Familien in weite Ferne gerückt (Seite 12). Bilder aus besseren Zeiten aber sind nicht nur traurige Erinnerungen, sondern auch starke Botschafter dafür, was es in der Gegenwart zu verteidigen gilt. Eine Freiheit etwa, wie sie die Gay Community in den 1970er-Jahren auf Fire Island fand, festgehalten in lebensprallen Fotografien der New Yorkerin Meryl Meisler zu einer Zeit, in der der Spaß unendlich zu sein schien, auch weil ihn sich niemand nehmen ließ (Seite 44). Ähnliches erkannte übrigens auch Goethes Faust gegen Ende des Dramas zweiten Teils für sich: „Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“
Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen
Martina Wimmer

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