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Der Mann, der sich durch die Bücherstapel in seinem Souterrainbüro den Weg zur Treppe hinauf ins Wohnzimmer bahnt, hat einen konzentrierten Blick. Sein Bart und sein Haar sind grau, aschgrau wie dieser Vormittag in Istanbul. Seine Stimmung scheint nicht viel besser, er wirkt brummig. Fast meint man, er würde einen hinauswerfen. Doch so schlimm ist es nicht. Er habe keine schlechte Laune, sagt er. Er habe bloß die Nase voll. Dann lässt er sich in seinen Sessel fallen. Murat Belge, das linksliberale Gewissen der Türkei, ein Vorzeigebürgerrechtler für die einen, ein Verräter für manch andere.
In 26 Büchern hat Belge sein Land und Istanbul beschrieben. Stadtviertel erklärte er anhand alter Handwerke. Die byzantinischen Schichten unter der modernen Metropole ließ er über alte Zisternen, Paläste und Stadtmauerreste wieder aufleben. Mühelos sprang er von Architektur zu Literatur und von Politik zu Alltagsgeschichte, oft garniert mit historischen Klatschgeschichten. Doch mit dem Schreiben sei es nun vorbei. Belge, der lange politisch mitmischte und die türkischen Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg „Völkermord“ nannte, als viele sich noch vor dem Wort wegduckten, sagt: „Es fühlt sich an wie eine Krankheit, ich glaube nicht mehr so recht, dass beim Schreiben noch etwas herauskommt.“ Zu bleiern wirke der Alltag unter Präsident Recep Tayyip Erdo˘gan inzwischen. Er konzentriert sich jetzt auf seine Arbeit an der Universität, wo er Vergleichende Literaturwissenschaft lehrt, mit 83 Jahren.
Öfter als früher sitzt er inzwischen mit seiner Frau im Wohnzimmer vor dem großen Fenster. Dann blicken sie von der Anhöhe ihres Stadtteils Beyo˘glu hinüber auf den asiatischen Teil der Stadt. Dann lassen sie die Schiffe vor sich den Bosporus entlangziehen, der sich hier ins Marmarameer öffnet. Bei guter Sicht sind dort am Horizont zwei winzige Punkte auszumachen, zwei kleine Inseln.
Yassıada heißt die eine, die bekanntere. Seit einigen Jahren wird sie Demokratie- und Freiheitsinsel genannt. Ein Hotel und eine Moschee sind dort gebaut worden und ein Museum. Es erinnert an einen Schauprozess, der dort nach dem Militärputsch im Oktober 1960 begann und den viele Türken bis heute nicht vergessen haben. Für den ersten frei gewählten Ministerpräsidenten Adnan Menderes und zwei seiner Minister endete der Prozess am Galgen. Yassıada war ein Schock, der dem Land bis heute in den Knochen steckt, der das Leben Hunderter Gefolgsleute von Menderes’ Demokratischer Partei durchkreuzte, denen lebenslange Strafen drohten, wie dem Publizisten und Parteivordenker Burhan Belge.
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Der Hamburger Autor Nils Klawitter, Jahrgang 1966, und der Istanbuler Fotograf Yusuf Sayman, Jahrgang 1976, brauchten drei Anläufe, um es mit Murat Belge auf die Insel Yassıada im Marmarameer zu schaffen. Einmal fuhr wegen zu starken Windes kein Schiff, dann musste Belge wegen seines Blutdrucks die Überfahrt verschieben. Schließlich bestiegen die drei bei Nieselregen und trüber Sicht die betagte Fähre, bis Yassıada plötzlich wie eine Geisterinsel vor ihnen auftauchte.
| Seitenzahl | 30 |
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| Vita | Der Hamburger Autor Nils Klawitter, Jahrgang 1966, und der Istanbuler Fotograf Yusuf Sayman, Jahrgang 1976, brauchten drei Anläufe, um es mit Murat Belge auf die Insel Yassıada im Marmarameer zu schaffen. Einmal fuhr wegen zu starken Windes kein Schiff, dann musste Belge wegen seines Blutdrucks die Überfahrt verschieben. Schließlich bestiegen die drei bei Nieselregen und trüber Sicht die betagte Fähre, bis Yassıada plötzlich wie eine Geisterinsel vor ihnen auftauchte. |
| Person | Von Nils Klawitter und Yusuf Sayman |
| Seitenzahl | 30 |
| Vita | Der Hamburger Autor Nils Klawitter, Jahrgang 1966, und der Istanbuler Fotograf Yusuf Sayman, Jahrgang 1976, brauchten drei Anläufe, um es mit Murat Belge auf die Insel Yassıada im Marmarameer zu schaffen. Einmal fuhr wegen zu starken Windes kein Schiff, dann musste Belge wegen seines Blutdrucks die Überfahrt verschieben. Schließlich bestiegen die drei bei Nieselregen und trüber Sicht die betagte Fähre, bis Yassıada plötzlich wie eine Geisterinsel vor ihnen auftauchte. |
| Person | Von Nils Klawitter und Yusuf Sayman |