Irans Töchter des Meers

Irans Töchter des Meers

Auf der Insel Hengam in der Straße von Hormus lebten und arbeiteten bislang 30 Fischerinnen. Der Irankrieg hat ihr Leben grundlegend verändert, viele von ihnen mussten die Insel verlassen

Während der zwei Flugstunden von Teheran überquert man die Berge im Norden, fliegt über die warmen Ebenen im Süden, und dann, plötzlich, taucht am Horizont das endlose, schimmernde Blau des Persischen Golfs auf. Sobald man diese azurblaue Weite erblickt, regt sich etwas im Inneren – eine Aufregung, das Gefühl, anzukommen an einem Ort, an dem sich der Duft des Meers mit dem eigenen Atem mischt. Dieses Gefühl erlebte ich zum ersten Mal 2018, als ich Hengam betrat – eine Insel, auf der Farbe, Licht und Leben eine andere Bedeutung haben.

Es war nicht nur die natürliche Schönheit der kleinen Insel im Südiran, die mich lockte. Stille Strände und klares Wasser machen Hengam zu einem Ziel vieler Touristen, aber was mich interessierte, war anderswo zu finden: im Leben von etwa 30 Frauen, die an der Küste der Insel arbeiten und einen Gutteil der Wirtschaft und der Kultur auf ihren Schultern tragen. Frauen, die nicht nur im Iran außergewöhnlich sind, sondern genauso in den benachbarten Golfstaaten. Sie sind die einzigen Frauen, die selbst aufs Meer hinausfahren und mit Haken fischen.

Die Insel Hengam ist etwa 36 Quadratkilometer groß und zählt drei Dörfer mit einigen Hundert einheimischen Familien. Der griechische Seefahrer Nearchos war der Erste, der die Insel im vierten Jahrhundert v. Chr. erwähnte. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde sie vorübergehend von den Portugiesen besetzt; später, im Jahr 1913, errichteten die Briten dort einen Marinestützpunkt. Seit den späten 1940er-Jahren fahren Öltanker auf ihrem Weg in die Straße von Hormus an Hengam vorbei.

Die kleine Insel ist Teil einer Region, in der das Leben seit Jahrhunderten vom Meer und vom Schiffsverkehr bestimmt wird. Dank der Lage nahe der Straße von Hormus ist der südliche Iran seit je für den Seehandel ebenso wichtig wie für den kulturellen Austausch.

Doch hinter der geografischen Bedeutung verbirgt sich der Alltag von Menschen, deren Überleben von diesem Seegebiet abhängt. Für viele Familien ist es die Quelle, aus der sie ihr Leben bestreiten, ein Ort, der sie mit Einkommen und Nahrung versorgt und ihnen eine Zukunft bietet. Männer und Frauen leben gleichermaßen seit Generationen mit dem Meer, aber mein Interesse galt jenen Frauen, die, im Gegensatz zu dem Bild, das man sich gemeinhin von Küstengemeinden macht, unmittelbar mit dem Meer arbeiteten. Frauen, die mit Schnur und Haken Fische fingen, den Fang parierten und verkauften, Kunsthandwerkliches herstellten und in Strandnähe an Ständen feilboten und, bedingt durch den wachsenden Tourismus, in jüngerer Vergangenheit eine tragende Rolle bei der Vermittlung der Kultur der Insel spielten.


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mare No. 178

mare No. 178Oktober / November 2026

Fotografie und Text von Forough Alaei

Forough Alaei, 1989 im iranischen Arak geboren, studierte Jura, ehe sie ihre Leidenschaft für Fotografie entdeckte. Als autodidaktische Fotografin beschäftigt sie sich in ihren Arbeiten mit den sozialen und kulturellen Realitäten des heutigen Irans, wobei ihr besonderes Augenmerk dem Leben, den Rechten und den Erfahrungen iranischer Frauen gilt. Ihre Fotografien wurden in Publikationen wie Time, The New Yorker, The Guardian, National Geographic, Paris Match und anderen veröffentlicht.

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Seitenzahl12
VitaForough Alaei, 1989 im iranischen Arak geboren, studierte Jura, ehe sie ihre Leidenschaft für Fotografie entdeckte. Als autodidaktische Fotografin beschäftigt sie sich in ihren Arbeiten mit den sozialen und kulturellen Realitäten des heutigen Irans, wobei ihr besonderes Augenmerk dem Leben, den Rechten und den Erfahrungen iranischer Frauen gilt. Ihre Fotografien wurden in Publikationen wie Time, The New Yorker, The Guardian, National Geographic, Paris Match und anderen veröffentlicht.
PersonFotografie und Text von Forough Alaei
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VitaForough Alaei, 1989 im iranischen Arak geboren, studierte Jura, ehe sie ihre Leidenschaft für Fotografie entdeckte. Als autodidaktische Fotografin beschäftigt sie sich in ihren Arbeiten mit den sozialen und kulturellen Realitäten des heutigen Irans, wobei ihr besonderes Augenmerk dem Leben, den Rechten und den Erfahrungen iranischer Frauen gilt. Ihre Fotografien wurden in Publikationen wie Time, The New Yorker, The Guardian, National Geographic, Paris Match und anderen veröffentlicht.
PersonFotografie und Text von Forough Alaei
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