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Ihr Tag beginnt mitten in der Nacht. Dumpfe Stille liegt über dem portugiesischen Städtchen Vila Real de Santo António, stockfinster ist der Himmel. Um 3.25 Uhr fährt der Bus nach Spanien, bringt Carmina, Albertina, Augusta und ihre acht Kolleginnen über den Guadiana zur Fabrik. Straßenlampen legen oranges Licht auf die glänzenden Pflastersteine. Kühle, feuchte Luft, das Meer ist spürbar nah.
Zehn Minuten vorher tauchen die ersten Frauen aus dem Dunkel auf. Gebückte Haltung, eilige, lautlose Schritte in flachen Schuhen, bunte Leggings, weite Pullover, Tasche über der Schulter, in der Hand ein Beutel mit Arbeitskittel.
Die Bar an der Haltestelle hat gerade geöffnet, unter dem Glastresen liegen noch Croissants vom Vortag. Carmina bestellt Kaffee, setzt sich draußen an einen Tisch, kramt Zigaretten aus der Tasche. Ein Blick auf die Uhr: reicht noch.
Albertina kommt dazu. Sie ist um 2.30 Uhr aufgestanden, wie immer. „Ich geh ins Bad, zieh mich an. Geh in die Küche, mache Kaffee, trinke ein Glas Wasser.“ Jeden Morgen, erst einmal ein Glas Wasser. „So ist das Leben.“
„So ist das Leben“, nickt Carmina, 2.30 Uhr aufstehen. Augusta schüttelt den Kopf, nein, nein, 2.50 Uhr. „Hör mal, dann habe ich doch immer noch eine halbe Stunde …“
Nacht für Nacht, Montag bis Freitag, seit mehr als 20 Jahren geht das so. 2002 suchte die spanische Unión Salazonera Isleña (USISA) erfahrene Arbeiterinnen für ihre neue Fischkonservenfabrik in Isla Cristina in Andalusien, nahe der Mündung des Guadiana. Fündig wurden die Spanier auf der anderen Seite des Grenzflusses, in Vila Real de Santo António.
Am Anfang waren sie fast 50 Grenzgängerinnen und brauchten einen Reisebus. Inzwischen sind die meisten Kolleginnen in Rente, für die verbliebenen elf reicht ein Kleinbus, der sie in einer guten halben Stunde in die spanische Fabrik bringt. Sie sind zwischen Anfang 50 und Mitte 60 und werden die letzten Portugiesinnen aus Vila Real de Santo António sein, die der Arbeit folgen, die ihre Mütter, Großmütter und Tausende Frauen des Orts fast 150 Jahre lang gemacht haben: kleine Fische in Handarbeit für Konserven filetieren. Nicht in Spanien, sondern hier, in den Fabriken von Vila Real.
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Kirsten Wulf, Jahrgang 1963, Autorin in Genua, traute ihren Augen nicht, als in der spanischen Fabrik die gelben Dosen von Angelo Parodi übers Fließband liefen – dieselben, die sie zu Hause in Genua bislang für eine italienische Spezialität gehalten hatte.
Ephraim Bieri, Jahrgang 1980, Fotograf in Bern und im portugiesischen Olhão, begann 2022, die Fischer vor seiner Haustür zu fotografieren. Diese Arbeit führte ihn zu den Fischkonserven und den letzten Arbeiterinnen.
| Seitenzahl | 56 |
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| Vita | Kirsten Wulf, Jahrgang 1963, Autorin in Genua, traute ihren Augen nicht, als in der spanischen Fabrik die gelben Dosen von Angelo Parodi übers Fließband liefen – dieselben, die sie zu Hause in Genua bislang für eine italienische Spezialität gehalten hatte. Ephraim Bieri, Jahrgang 1980, Fotograf in Bern und im portugiesischen Olhão, begann 2022, die Fischer vor seiner Haustür zu fotografieren. Diese Arbeit führte ihn zu den Fischkonserven und den letzten Arbeiterinnen. |
| Person | Von Kirsten Wulf und Ephraim Bieri |
| Seitenzahl | 56 |
| Vita | Kirsten Wulf, Jahrgang 1963, Autorin in Genua, traute ihren Augen nicht, als in der spanischen Fabrik die gelben Dosen von Angelo Parodi übers Fließband liefen – dieselben, die sie zu Hause in Genua bislang für eine italienische Spezialität gehalten hatte. Ephraim Bieri, Jahrgang 1980, Fotograf in Bern und im portugiesischen Olhão, begann 2022, die Fischer vor seiner Haustür zu fotografieren. Diese Arbeit führte ihn zu den Fischkonserven und den letzten Arbeiterinnen. |
| Person | Von Kirsten Wulf und Ephraim Bieri |