„Ozean, gönn’ uns dein ewiges Walten!“

„Ozean, gönn’ uns dein ewiges Walten!“

Goethe, ein Meeresforscher?! Wer seine Sammlung in Weimar zu ­Gesicht bekommt – und sein Werk kennt –, ist sich darin sicher

Im Oktober 1786 stand Johann Wolfgang von Goethe bei Venedig erstmals an einem Strand und stellte beeindruckt fest: „Das Meer ist doch ein großer Anblick!“ Als Kulisse für eine dramatische Handlung verwendete der 1749 in Frankfurt am Main geborene Dichter den Ozean aber schon im „Urfaust“, also der frühesten Fassung des Fauststoffs, die er zwischen 1772 und 1775 niederschrieb. Gretchen singt hier die Ballade vom König in Thule, als sie in ihrem Kämmerchen der ersten Begegnung mit Faust nachsinnt.

Das sagenhafte Thule, die nördlichste menschliche Ansiedlung, wird in dem oft vertonten Lied zum Schauplatz einer Treue über den Tod hinaus: Der König hat von seiner sterbenden Geliebten einen goldenen Becher erhalten. Er will nur noch aus diesem trinken und ihn auch nicht seinen Erben überlassen, als er selbst den Tod nahen fühlt. So wirft er ihn ins tiefe Meer – es ist seine letzte Handlung: „Die Augen täten ihm sinken, / Trank nie einen Tropfen mehr.“ Der Ozean wird so zum Komplizen für des Königs Wunsch: Der Becher ist auf ewig verloren – oder vor jedem menschlichen Zugriff geborgen. Ein treuer Liebhaber, wie ihn sich Gretchen in diesem Lied erträumt, ist Faust jedoch gerade nicht. Er stürzt sie letztlich ins Verderben.

Tödlich endet auch die Geschichte vom Fischer, die Goethe 1778 im Ton eines Volkslieds geschrieben hat. Eine Nixe wendet ihre Verführungskunst an dem naiven Fischer an und lockt ihn mit schmeichelnden Worten zu sich ins Wasser. Die Ballade endet mit den sprichwörtlich gewordenen Versen: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin / Und ward nicht mehr gesehn.“ Doch die Handlung des Fischers ist eher an einem Binnengewässer zu denken. Sie entstand vielleicht als Echo auf den Suizid eines jungen Hoffräuleins in der Ilm, der sich im Januar 1778 in der Nähe von Goethes Gartenhaus ereignet hatte und damals Tagesgespräch in Weimar war.

Zwei Jahre zuvor war Goethe Minister in Sachsen-Weimar geworden, wo er seinen Lebensmittelpunkt fand. Der junge Herzog Carl August beauftragte ihn, die Bergwerke in Ilmenau wieder in Betrieb zu setzen – was allerdings, trotz jahrelanger Bemühungen, nie zu einer lohnenden Ausbeute von Silber und Kupfer führte. Hingegen animierte diese Aufgabe Goethe zu einer intensiven Beschäftigung mit Mineralogie und Geologie. „Ich habe mich diesen Wissenschaften, da mich mein Amt dazu berechtigt, mit einer völligen Leidenschaft ergeben“, schrieb er im Oktober 1780 an seinen Darmstädter Freund Johann Heinrich Merck. Die Natur, die er als Dichter besungen hatte, wurde ihm nun zum Gegenstand der Forschung – doch ohne dabei ihren Zauber zu verlieren. Im Gegenteil: „Die Welt kriegt mir nun ein neu ungeheuer Ansehn“, schrieb er am 8. September 1780 an die Freundin Charlotte von Stein.


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mare No. 178

mare No. 178Oktober / November 2026

Von Margrit Wyder und Heidi und Hans-Jürgen Koch

Margrit Wyder, geboren 1954 in Zürich, ist Germanistin, Biologin und Präsidentin der Goethe-Gesellschaft Schweiz. Ihr besonderes Interesse gilt Goethes Reisen und seinen naturwissenschaftlichen Schriften. 2026 hat sie mit Helmut Hühn den Band „,Bewegliche Ordnung‘. Goethes Naturforschung“ herausgegeben.

Heidi und Hans-Jürgen Koch fotografieren gern Objekte, die über ihre physische Existenz hinaus erzählen. Goethes Sammlung war für sie ein glücklicher Umstand, dabei stets begleitet von den Worten des Meisters: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“

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Seitenzahl70
Vita

Margrit Wyder, geboren 1954 in Zürich, ist Germanistin, Biologin und Präsidentin der Goethe-Gesellschaft Schweiz. Ihr besonderes Interesse gilt Goethes Reisen und seinen naturwissenschaftlichen Schriften. 2026 hat sie mit Helmut Hühn den Band „,Bewegliche Ordnung‘. Goethes Naturforschung“ herausgegeben.

Heidi und Hans-Jürgen Koch fotografieren gern Objekte, die über ihre physische Existenz hinaus erzählen. Goethes Sammlung war für sie ein glücklicher Umstand, dabei stets begleitet von den Worten des Meisters: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“

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Margrit Wyder, geboren 1954 in Zürich, ist Germanistin, Biologin und Präsidentin der Goethe-Gesellschaft Schweiz. Ihr besonderes Interesse gilt Goethes Reisen und seinen naturwissenschaftlichen Schriften. 2026 hat sie mit Helmut Hühn den Band „,Bewegliche Ordnung‘. Goethes Naturforschung“ herausgegeben.

Heidi und Hans-Jürgen Koch fotografieren gern Objekte, die über ihre physische Existenz hinaus erzählen. Goethes Sammlung war für sie ein glücklicher Umstand, dabei stets begleitet von den Worten des Meisters: „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“

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