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Am Beispiel von Fire Island ließe sich so etwas wie eine queere Kulturgeschichte erzählen – oder zumindest besonders anmutige Fußnoten derselben. Immerhin wurde die Insel bereits seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Essays und Gedichten verewigt, in Fotografien und Gemälden. In den 1960er-Jahren hat der Romancier und afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist James Baldwin dort Quartier genommen, der Dramatiker Edward Albee hat sein berühmtes Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ dort geschrieben und der quirlige Truman Capote sein legendäres „Frühstück bei Tiffany“.
Nicht nur in den berühmt-berüchtigten Jahren des vermeintlich reuelosen Sex war Fire Island ein Magnet, sondern schon in restriktiveren Jahrzehnten zuvor. So zeigen die Gemälde von Paul Cadmus (1904–1999) und Jared French (1905–1988) um 1940 Männerkörper vor maritimem Hintergrund, deren offensive Sinnlichkeit stärker betört als die routinierte Epheben-Erektion-Kombination des Fotografen Robert Mapplethorpe, der die Insel drei Jahrzehnte später besuchte. Cadmus war schwul, French bisexuell, dessen Frau Margaret French (1906–1998) heterosexuell.
Der als durchaus dynamisch vorstellbare Charakter ihrer Dreierbeziehung wird auch auf jenen frühen Zeugnissen insularer Erotik deutlich – und ist in bedeutenden Museen wie dem New Yorker MoMA oder dem Getty Museum in Los Angeles zu bewundern: Männer (mitunter auch Frauen), die ihre Gliedmaßen unter sommerlichem Licht strecken, während ihre Blicke eine Ahnung davon geben, was für ein temporäres Glück sie gerade leben, ja, mit allen Fasern ihres Körpers an sich zu ziehen trachten.
Der Tod blieb gerade auf Fire Island nicht individuell, auch wenn das tragische Ende des jungen Dichters Frank O’Hara, der 1966 bei einem nächtlichen Ausflug von einem Jeep erfasst wurde und danach Maler mehrerer Generationen auf düstere Weise inspirierte: amerikanischer Hardcore-Realismus meets alteuropäisch geprägte Darstellung von Kreuzabnahme und Pietà. Die während der Aids-Epidemie entstandenen Gemälde wie etwa jene des Malers Paul Thek zeigen dann nicht zufällig vor allem verwaiste Strände, menschenleere, von Laub bedeckte Veranden, während spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts die Lebenslust wieder zurückgekehrt ist.
Auch Wolfgang Tillmans scheint vom „neuen“ Fire Island gar nicht genug bekommen zu können; seine Inselfotografien, changierend zwischen juvenilem Übermut und Melancholie, waren auf Retrospektiven im MoMA zu sehen, dazu in der Londoner Tate Modern und im Centre Pompidou in Paris. Während eine aufstrebende junge Künstlerin wie Aya Brown (Jahrgang 1995) Frauen in heftigster Umarmung porträtiert, gelehnt an einen Pinienstamm auf einem derCruising-Pfade der Insel. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch Browns subversive Bilder „museumsreif“ werden und beitragen zur „Fireislandisierung“ der Kunstgeschichte.
Bis dahin sind sie im opulenten Bildband „Fire Island Art: 100 Years“ zu entdecken, der kürzlich in New York bei Monacelli erschienen ist und auf mehr als 300 Seiten ein denkbar bezirzendes Kompendium darstellt. Um Hemingways Paris-Hommage ein wenig abzuwandeln: Fire Island, a moveable feast.
Marko Martin, Jahrgang 1970, lebt als Schriftsteller und freier Publizist in Berlin. Meeres- und vor allem Jules-Verne-Fan seit Kindheitstagen, gesteht er, die technische Detailhuberei in dessen Romanen stets ungleich weniger interessant gefunden zu haben als die Psychologie ihrer Helden, Antihelden, Protagonisten und Freaks.
| Seitenzahl | 52 |
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| Vita | Marko Martin, Jahrgang 1970, lebt als Schriftsteller und freier Publizist in Berlin. Meeres- und vor allem Jules-Verne-Fan seit Kindheitstagen, gesteht er, die technische Detailhuberei in dessen Romanen stets ungleich weniger interessant gefunden zu haben als die Psychologie ihrer Helden, Antihelden, Protagonisten und Freaks. |
| Person | Auf der Besucherliste: James Baldwin, Truman Capote, Edward Albee. Fire Island war schon ein Fluchtpunkt der queeren Kultur, lange bevor dort der Disco-Beat den Ton angab |
| Seitenzahl | 52 |
| Vita | Marko Martin, Jahrgang 1970, lebt als Schriftsteller und freier Publizist in Berlin. Meeres- und vor allem Jules-Verne-Fan seit Kindheitstagen, gesteht er, die technische Detailhuberei in dessen Romanen stets ungleich weniger interessant gefunden zu haben als die Psychologie ihrer Helden, Antihelden, Protagonisten und Freaks. |
| Person | Auf der Besucherliste: James Baldwin, Truman Capote, Edward Albee. Fire Island war schon ein Fluchtpunkt der queeren Kultur, lange bevor dort der Disco-Beat den Ton angab |