Fähnchen im Wind

Fähnchen im Wind

Die Flagge, unter der ein Handelsschiff fährt, ist längst zu einem globalen Geschäftsmodell geworden. Das Preisdumping wird zu einem Thema der Sicherheit auf den Weltmeeren

Manchmal muss es erst zu einer Katastrophe kommen, damit sich etwas ändert. Am Morgen des 16. März 1978 stellt die Mannschaft der „Amoco Cadiz“ fest, dass die Ruderanlage ausgefallen ist. Manövrierunfähig treibt das Schiff bei Windstärken von acht bis zehn im Atlantik, unmittelbar vor der Küste der Bretagne. Beim Abschleppversuch läuft der 330 Meter lange Supertanker auf den Felsen von Portsall auf. Er zerbricht in drei Teile, und mehr als 220 000 Tonnen Rohöl fließen in den Ozean. Die Bilder gehen um die Welt: im Öl verendende Seevögel und Helfer, die mit Schaufeln und Schrubbern vergeblich versuchen, die zähe Masse von den Stränden zu entfernen.

Bei der Untersuchung der Katastrophe werden diverse Mängel aufgedeckt: unzureichende Schulung der Besatzung, vernachlässigte Sicherheitsstandards an Bord sowie eine lückenhafte Überwachung des technischen Zustands des Schiffs, das in Liberia registriert ist. Die liberianische Flagge hat damals einen schlechten Ruf. Eine Flag of Convenience, eine Billigflagge, die Reeder mit niedrigen Steuern lockt, es mit der Sicherheit aber nicht so genau nimmt. Der Fall der „Amoco Cadiz“ macht deutlich, wie hoch der Preis unsicherer Schiffe unter billiger Flagge für Meere und Küsten sein kann.

14 europäische Staaten schließen sich daraufhin zusammen und verabschieden 1982 das Paris Memorandum of Understanding (Paris MoU), das unangekündigte Hafenstaatkontrollen vorsieht – mit der Möglichkeit, ein Schiff bei gravierenden Mängeln festzuhalten. Seitdem stehen den laschen Anforderungen mancher Flaggenstaaten die umso strengeren Kontrollen der Hafenstaaten gegenüber. Das Ausflaggen lässt sich so nicht verhindern. Doch wird ein unzureichend gewartetes Schiff im Hafen in die Kette gelegt, kann das den Reeder teuer zu stehen kommen.

„Jeder Tag, den ein Schiff im Hafen festgesetzt wird, kann den Eigner je nach Schiffsgröße auch schon mal 70 000 Euro oder mehr kosten“, sagt Christian Bubenzer von der BG Verkehr, der Berufsgenossenschaft für die Verkehrsbranche. Als Einflaggungsmanager soll Bubenzer deutsche Reeder dafür gewinnen, wieder mehr Schiffe unter der heimischen Flagge zu betreiben.


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mare No. 178

mare No. 178Oktober / November 2026

Früher zeigte die Flagge am Heck, wo ein Schiff zu Hause war. Heute ist die Schiffsflagge eine käufliche Dienstleistung – mit Folgen für die Sicherheit auf den Weltmeeren

Schon als Kind liebte Sebastian Junge, Jahrgang 1962, Journalist in Timmendorfer Strand, seinen Flaggenatlas. Eine seiner Lieblingsflaggen ist die von Tuvalu. Die neun Sterne im endlosen Blau stehen für die bewohnten Inseln des Archipels. Perfekt, um sich wegzuträumen.

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Seitenzahl64
VitaSchon als Kind liebte Sebastian Junge, Jahrgang 1962, Journalist in Timmendorfer Strand, seinen Flaggenatlas. Eine seiner Lieblingsflaggen ist die von Tuvalu. Die neun Sterne im endlosen Blau stehen für die bewohnten Inseln des Archipels. Perfekt, um sich wegzuträumen.
PersonFrüher zeigte die Flagge am Heck, wo ein Schiff zu Hause war. Heute ist die Schiffsflagge eine käufliche Dienstleistung – mit Folgen für die Sicherheit auf den Weltmeeren
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