Licht aus!

Licht aus!

Die Azoreninsel Corvo schaltet das Licht aus, wenn Sturmtaucher flügge werden. Tausende der Seevögel wurden so bisher gerettet

Tânia Pipa war noch im Pyjama. Trotzdem ging sie sofort zur Kneipe, durch die Gassen des einzigen Orts der Insel. Ein Zecher hatte sie mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt. Gegenüber der Kneipe lag wieder einer am Boden. Mit eigenen Kräften würde er nicht heimkommen. Also sammelte Pipa ihn auf.

Es waren Nächte wie diese, in denen viele verloren auf den Wegen endeten. Bewohner fanden die cagarros überall. So nennen sie die Meeresvögel auf Corvo, der kleinsten Insel der Azoren. Biologinnen wie Tânia Pipa nennen sie auch „Corys“, für Corysturmtaucher (Calonectris borealis).

Beifang, Plastik, Wilderei, Katzen und Klimawandel: Seevögel gehören zu den am stärksten bedrohten Vogelgruppen. Zum Absturz aber brachte die Sturmtaucher künstliches Licht.

Mehr als drei Viertel aller Corysturmtaucher brüten auf den Inseln im Ostatlantik. Ein Paar behütet dabei ein einziges Ei. Ihr graubraunes Gefieder fügt sich in die dunklen Höhlungen und Felsspalten der Klippen, in denen sie nisten. Jedes Jahr im Oktober und November verlassen die jungen Sturmtaucher nachts ihre Nester. Sie sind vor drei Monaten geschlüpft, und ihre Eltern sind schon aufgebrochen. In den Nächten vor ihrem ersten Flug trauen sie sich immer wieder hinaus, üben und strecken ihre Flügel. Auf dem offenen Atlantik verbringen sie die ersten fünf bis sieben Lebensjahre, fliegen weit in seinen Süden.

Nur ein Sprung vom Hang hinein in den Wind wäre es. Doch kaum aus dem Nest, ist da grelles Licht. Es hängt wie eine Glocke über den Orten der Inseln, quillt aus Laternen, Autos, Häusern. Geraten die unerfahrenen Sturmtaucher hinein, kommen sie kaum wieder hinaus. Bis sie erschöpft bruchlanden, sich in Ecken verstecken oder auf der Straße kauern. Manche verhungern, werden überfahren oder gefressen. Das Phänomen ist in der Forschung als „Fallout“ bekannt. Auch andernorts, wie auf Hawaii oder La Réunion, fallen junge, in Höhlen nistende Seevögel auf ihren ersten Flügen nieder.

Von Hunderten Zugvögeln, die aufs Deck von Feuerschiffen fielen oder an Leuchttürmen zerschmetterten, wurde schon vor über 100 Jahren erzählt. Heute erhellen selbst Satelliten im Orbit den Nachthimmel. „Die Menschheit hat unseren Planeten in einen leuchtenden Nebel gehüllt“, schreiben Forscher in einem Weltatlas der künstlichen Himmelshelligkeit („The New World Atlas of Artificial Night Sky Brightness“). Zusehends dehnt sich dieser Nebel aus.


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mare No. 178

mare No. 178Oktober / November 2026

Von Merlin Menze und Andrea D. Zanenga

Merlin Menze, Jahrgang 1991, Autor in Hamburg, hat vor Jahren selbst bedrohte Vögel beringt und ausgewildert. Nun schrieb er die Corvo-Geschichte mit Blick auf den niemals dunklen Hamburger Hafen.

Andrea D. Zanenga, geboren 1995, Dokumentarfotograf in Mailand, beobachtete die Sturmtaucher nachts mit einer Wärmebildkamera – „ein beinahe surreales Sehen im Dunkeln“, wie er sagt.

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Seitenzahl108
Vita

Merlin Menze, Jahrgang 1991, Autor in Hamburg, hat vor Jahren selbst bedrohte Vögel beringt und ausgewildert. Nun schrieb er die Corvo-Geschichte mit Blick auf den niemals dunklen Hamburger Hafen.

Andrea D. Zanenga, geboren 1995, Dokumentarfotograf in Mailand, beobachtete die Sturmtaucher nachts mit einer Wärmebildkamera – „ein beinahe surreales Sehen im Dunkeln“, wie er sagt.

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Merlin Menze, Jahrgang 1991, Autor in Hamburg, hat vor Jahren selbst bedrohte Vögel beringt und ausgewildert. Nun schrieb er die Corvo-Geschichte mit Blick auf den niemals dunklen Hamburger Hafen.

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