Eskapismus in Canvas

Eskapismus in Canvas

Praktisch oder Distinktionsobjekt? Seesäcke lösen Emotionen aus

Es gibt Wörter, die müssen nur ausgesprochen werden, um schlagartig Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Nicht wenige davon sind maritimer Natur: Meeresrauschen. Wellengang. Brandung. Schiffspassage. Schon ihr Klang, wohlig-elegant und zugleich beflügelnd, lässt den Geist auf Reisen gehen, versetzt die Sinne fast zwangsläufig an Küsten oder auf Ozeane und erinnert nebenbei sogar noch an eine bestimmte Art des Unterwegsseins auf den Meeren – vornehm, kühn oder entschleunigt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Begriff des Seesacks, wenngleich seiner Bezeichnung nicht unbedingt die größte klangliche Eleganz innewohnt. Auch die wohl simpelste Variante eines Gepäckstücks vermittelt augenblicklich ein Gefühl von Abreise, das Bild eines spontanen, womöglich ungewissen Fortgehens und lädt so die Fantasie auf ein Abenteuer ein, ja auf eine Robinsonade – denn abseits seiner betörenden Einfachheit ist der Seesack naturgemäß und unweigerlich mit Matrosen und Schiffsreisen verbunden.

Seine Geschichte und damit sein Streifzug durch die Welt – im wahrsten Sinn – begann im 17. Jahrhundert, als Seeleute ihre Habseligkeiten noch in recht minderwertigen und wasserdurchlässigen Taschen transportierten. Auf den Meeren wurden diese meist mit Segeltuch aus Hanf, auch bekannt unter dem Namen Canvas (vom griechischen Wort für Hanf: kánnabis), geflickt, das wiederum robust und wasserdicht war und damals ausschließlich in der flandrischen Stadt Duffel produziert wurde. Ab dem darauffolgenden Jahrhundert fertigten die dortigen Tuchmacher auch Taschen aus Materialien wie dicker Wolle, Leinen oder Leder an, Sattelgurte dienten als Trageriemen, die Schnürlöcher wurden aus Messing gegossen; noch heute zeugt der englische Ausdruck für den Seesack und andere Taschen in seiner typischen Zylinderform von der einst exklusiven Herkunft: duffel bag.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 178. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 178

mare No. 178Oktober / November 2026

Von Stephan Sura

Stephan Sura, Jahrgang 1986, ist freier Autor aus Köln. Vor einiger Zeit kaufte er sich selbst einen Seesack, ein schlichtes Exemplar aus Baumwolle, dessen Trageriemen ab einem bestimmten Gewicht nur leider ziemlich in die Schultern schneiden. Trotzdem benutzt er ihn fast täglich – gerade, wenn es schnell gehen muss.

Mehr Informationen
Seitenzahl40
VitaStephan Sura, Jahrgang 1986, ist freier Autor aus Köln. Vor einiger Zeit kaufte er sich selbst einen Seesack, ein schlichtes Exemplar aus Baumwolle, dessen Trageriemen ab einem bestimmten Gewicht nur leider ziemlich in die Schultern schneiden. Trotzdem benutzt er ihn fast täglich – gerade, wenn es schnell gehen muss.
PersonVon Stephan Sura
Seitenzahl40
VitaStephan Sura, Jahrgang 1986, ist freier Autor aus Köln. Vor einiger Zeit kaufte er sich selbst einen Seesack, ein schlichtes Exemplar aus Baumwolle, dessen Trageriemen ab einem bestimmten Gewicht nur leider ziemlich in die Schultern schneiden. Trotzdem benutzt er ihn fast täglich – gerade, wenn es schnell gehen muss.
PersonVon Stephan Sura
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite