Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist schon lange her, aber ich kann mich noch gut an meine Reise nach Mexiko-Stadt erinnern. Mein Vater und ich stiegen im Zentrum aus dem Taxi, als es uns wie ein Schlag traf: die Luft. Sie roch nach Abgasen, kratzte im Hals und brannte in den Augen. Am Abend bekam ich Fieber. Es war, als würde der graue Schleier der Stadt bis in mein Gehirn dringen. Ich fühlte mich elend. Mexiko-Stadt war in den 1990er-Jahren berüchtigt für seinen Smog.
Seither ist viel Zeit vergangen, doch die Luftverschmutzung haben wir Menschen offenbar noch immer nicht im Griff. Zwar gibt es heute weniger Blei, Kadmium und Kohlenmonoxid in der Luft als früher. Laut einem aktuellen Bericht der Europäischen Umweltagentur atmen dennoch neun von zehn Europäern noch schmutzige Luft.
Da fragt man sich: Wo gibt es sie überhaupt noch, wirklich saubere Luft? Die Antwort lautet: an der Nordwestspitze der Insel Tasmanien, an einem felsigen Vorsprung am Meer. Der Ort heißt Cape Grim. Dort messen Forscher Luft, die zuvor Tausende Kilometer über den Südlichen Ozean gereist ist. Sie gilt als die sauberste Luft der Welt. So rein, dass sie zum weltweit gültigen Maßstab geworden ist für das, was wirklich in der Atmosphäre steckt.
Unsere Redaktion beschloss, mich dorthin zu schicken, nach Tasmanien. Ich machte mich also voller Vorfreude auf den Weg. Wie würde sie wohl sein, die Luft am Cape Grim? Wie würde sie riechen?
Ich kann schon einmal vorwegnehmen: Ich weiß es nicht. Als ich an der Luftstation ankam, hatte mich ein fieser Infekt erwischt. Meine Nase war dicht, mein Kopf brummte. Ausgerechnet. Doch die Menschen dort erklärten mir, dass ich im Grunde nichts verpasse. „Gute Luft riecht man nicht. Das ist das Schöne daran“, erzählte mir etwa Nicola Charles, eine Imkerin, die dort aufgewachsen ist. Und Sarah Prior, die Leiterin der Luftstation, vertröstete mich mit den Worten: „Schauen Sie sich das Meer an, den Horizont mit den Klippen, diese Weite – das macht die Luft.“
Sarah hatte recht. Noch nie wirkte die Welt auf mich so klar wie in diesen Tagen am Cape Grim. Vor allem bei Westwind, wenn die Luft direkt vom Ozean herüberwehte, bot sich mir dieses Schauspiel: Konturen, die scharf bleiben, selbst in der Ferne. Und ein Grün, das plötzlich eine Tiefe bekommt und sich in so vielen verschiedenen Tönen zeigt, als sei ein Farbkasten explodiert.
Dieses Bild nahm ich mit nach Hause. Und als ich später im dunstigen Frankfurt landete, hatte ich etwas, woran ich mich festhalten konnte. Meine Nase allerdings brauchte noch eine Weile, bis sie sich erholte. Jetzt kann sie endlich wieder riechen – die Dieselabgase der Autos vor meiner Haustür.
Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen
Jan Keith
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