„Über den Atlantik kann man nicht mit Strom fahren“

Im mare-Interview spricht Umweltökonom Martin Cames über die komplexen Fragen der Klimaneutralität in der Schifffahrt, über Tempo 30 auf See, den geeignetsten Treibstoff für Schiffsmotoren und warum die Politik Lösungen so schleppend vorantreibt

Die Vereinten Nationen wollen die Treibhausgasemis­sionen bei der Schifffahrt bis 2050 auf null drücken. Fahren Containerschiffe bald nur noch elektrisch?
Nein. Über den Atlantik etwa kann man nicht mit Strom fahren, das würde viel zu große Batterien erfordern. Aber es gibt inzwischen alternative Kraftstoffe, die mithilfe von Strom zum Beispiel aus CO2 und Wasser gewonnen werden und deutlich weniger Platz brauchen als in einer Batterie gespeicherter Strom: die sogenannten E-Fuels. Nutzt man zu deren Produk­tion erneuerbare Energie, dann sind E-Fuels nahezu klimaneutral.

Das Problem ist also gelöst?
Leider nein. Der herkömmliche, auf Erdöl basierte Kraftstoff hat noch immer die mit Abstand höchste Energiedichte. Bisher kommt da keine synthetisch hergestellte Alternative heran. Man braucht bei E-Fuels also mehr Treibstoff an Bord und kann aus Platzgründen pro Fahrt weniger Waren transportieren.

Was ist die beste Alternative zum klassischen Schweröl?
Zunächst einmal gibt es Kraftstoffe wie Biodiesel, die aus erneuerbaren Ressourcen gewonnen werden, etwa aus schnell wachsenden Pflanzen wie Mais. Wollte man solche Kraftstoffe allerdings im gro­ßen Stil nutzen, bräuchte man riesige Anbauflächen. Das könnte die Versorgung mit Nahrungsmitteln gefährden. Schon daher sind E-Fuels empfehlenswerter: Methanol oder Ammoniak. Methanol wird mithilfe von Strom aus CO2 und Wasser hergestellt. Für Ammoniak benö­tigt man Stickstoff und Wasser. Und auch Wasserstoff, der umweltfreundlich ausschließlich aus Wasser erzeugt werden kann, eignet sich als Treibstoff für Schiffe.

Welcher Kraftstoff wird sich am Ende durchsetzen?
Das ist noch nicht ganz klar. Fährt man mit Methanol oder Ammoniak, benötigt man für die gleiche Strecke ungefähr doppelt so viel Treibstoff wie bei Schweröl. Bei Wasserstoff sogar noch größere Mengen. Man muss also sehr genau schauen, wo man unterwegs zwischentanken kann. Fachleute haben aber errechnet, dass Überfahrten von Nordamerika bis nach Indien oder China selbst mit Wasserstoff technisch möglich wären. Die Herausforderung besteht jetzt vor allem darin, die Infrastruktur aufzubauen, um Schiffe für solche Reisen mit E-Fuels zu betanken.

Warum geht das nur schleppend voran?
Nicht zuletzt wegen der Konkurrenz zwischen den drei alternativen Treibstoffen. Manche Forschungsinstitute und Reedereien setzen auf Wasserstoff, andere auf Ammoniak, wieder andere auf Methanol. Leider sind die drei Kraftstoffe nicht miteinander kompatibel. Es wäre sinnvoller, die Infrastruktur für eine der drei Varianten konsequent auszubauen, als bei allen dreien weiter herumzudümpeln. 


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mare No. 176

mare No. 176Juni / Juli 2026

Von Till Hein

Till Hein, 1969 geboren, studierte in Basel Geschichte, Germanistik und Russisch. Er war redaktioneller Mitarbeiter des SZ-Magazins und arbeitet seit 2002 im Journalistenbüro text-etage in Berlin. Als Wissenschaftsjournalist schreibt Hein u.a. für mare, Geo, Spiegel WISSEN, die FAS und die NZZ am Sonntag.

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