Frühjahr 1801 ist Kopenhagen ein Pulverfass. Fast 50 Schiffe der englischen Flotte liegen im Øresund vor Anker, bereit, anzugreifen, sollte ein letzter diplomatischer Versuch scheitern, den Konflikt zwischen beiden Ländern zu lösen. Die Briten, im Krieg gegen Frankreich, wollen Dänemark dazu bringen, sich aus einer internationalen Koalition zu lösen, die Freihandel mit den Franzosen betreiben will. Schon als die feindlichen Schiffe sich der dänischen Hauptstadt nähern, an Bord auch Admiral Horatio Nelson, bricht sich in Kopenhagen ein Patriotismus Bahn, der Tausende Männer dazu bringt, sich als Freiwillige bei der dänischen Marine zu melden. „Jeder Bürger Kopenhagens fühlte sich wie ein Krieger“, schreibt eine Zeitgenossin. „Der Enthusiasmus und die Bitterkeit waren unbeschreiblich. Diese ansonsten ruhigen Bürger waren vollkommen entflammt und von Rachegefühlen erfüllt.“
Einer von ihnen hätte eigentlich allen Grund gehabt, dabei zuzusehen, wie die Briten das Land angreifen, das ihn und seine Mutter zu Sklaven gemacht hat. Hans Jonathan stammt aus der Karibik, er ist damals noch keine 17 Jahre alt und einer der wenigen Farbigen in Kopenhagen. Durch die dänischen Kolonialgesetze gilt er seit seiner Geburt im April 1784 als Eigentum der Familie von Schimmelmann, die in der dänischen Kolonie Sankt Croix, östlich von Puerto Rico, ein Vermögen gemacht hat. Seine Mutter Emilia Regina, Kindermädchen der von Schimmelmanns, ist deren Sklavin, und so gehört auch er zu deren Besitz. Bei der Rückkehr der Familie 1788 nach Dänemark nehmen sie zunächst nur die Mutter mit, erst vier Jahre später holen sie den siebenjährigen Hans Jonathan nach.
Als junger Mann ist Hans Jonathan zwar offiziell dänischer Untertan, sein Wert wird aber, wie auf Plantagen üblich, mit dem von Vieh verglichen: 400 dänische Reichstaler, so viel wie für zwei Pferde, würde Ludwig von Schimmelmanns Witwe Henriette Cathrine wohl bekommen, würde sie ihn zurück nach Sankt Croix schicken und dort verkaufen. Und das erwägt sie, denn das Zusammenleben der beiden in der Amaliegade 23, ihrer Residenz, ist angespannt. Vielleicht, weil Hans Jonathan – einen Nachnamen hat er als Sklave nicht – in den Straßen von Kopenhagen tagtäglich sieht, wie selbstverständlich es für andere seines Alters ist, in Freiheit zu leben.
Sein Biograf, der isländische Anthropologe Gísli Pálsson, beschreibt Hans Jonathan als intelligenten jungen Mann, der nicht nur Geige und Orgel spielen, sondern auch lesen und rechnen konnte. Es könne ihm nicht entgangen sein, schreibt Pálsson in seinem Buch „The Man Who Stole Himself“, dass sich damals immer mehr Menschen in Europa, darunter der Philosoph Jean-Jacques Rousseau, gegen die Sklaverei aussprachen. Vielleicht habe Hans Jonathan auch vom Aufstand der Sklaven 1791 in der damaligen französischen Kolonie Saint-Domingue gehört, nicht weit von Sankt Croix. 1804 gründeten sie als freie Bürger Haiti, den ersten unabhängigen Staat Lateinamerikas. Dänemark schaffte den Transport von Sklaven aus Westafrika unter seiner Flagge im Jahr 1803 ab. Doch erst Jahrzehnte später, 1848, wurde auch auf Sankt Croix allen Sklaven die Freiheit zugesprochen.
Im Jahr 1801 sieht Hans Jonathan in der Marine vermutlich die einzige Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Als sich die Beziehung zu seiner Dienstherrin verschlechtert und er eines Abends zu spät heimkommt, eskaliert ihr Streit. Henriette von Schimmelmann greift zum Stock und schlägt zu. Kurz darauf meldet er sich als Freiwilliger, um gegen die Engländer zu kämpfen.
Für viele der Männer ist die fünfstündige Schlacht am 2. April 1801 im Øresund, die Dänemark verliert, ein Trauma, rund 2000 Dänen fallen an diesem Tag. Für Hans Jonathan ist es ein Wendepunkt, denn zum ersten Mal erhält er Lohn für seine Arbeit, 15 Reichstaler. Als er auf einem anderen Schiff der dänischen Marine anheuert, ist Kapitän Steen Andersen Bille so überzeugt von seinen Fähigkeiten, dass er als Berater von Frederik den Kronprinzen dazu bringt, sich für Hans Jonathan einzusetzen. In einem Brief, den Frederik auf Billes Bitte hin verfasst, steht, dass Hans Jonathan ein freier Bürger sei, auch wenn er ihn nicht namentlich nennt. Seines Wissens, schreibt der Kronprinz am 14. Mai 1801, könne niemandem in Dänemark die Freiheit verwehrt werden, es sei denn, er sei zu Unfreiheit verurteilt. Kein Anwalt könne Frau von Schimmelmann weitergehende Rechte über „diese Person“ zusprechen als die einer Dienstherrin über ihren Angestellten. In die Amaliegade kehrt der junge Mann nicht mehr zurück. Von seinem selbst verdienten Geld nimmt er sich ein Zimmer in einem Kopenhagener Gasthaus.
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Silvia Tyburski,, Jahrgang 1976, wohnt in Hamburg, wo im Bezirk Wandsbek noch im Jahr 2006 eine Büste für Henriette Cathrines Schwiegervater, den Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann (mare No. 120), aufgestellt und zwei Jahre später nach Protesten wieder entfernt wurde.
| Lieferstatus | Lieferbar |
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| Vita | Silvia Tyburski,, Jahrgang 1976, wohnt in Hamburg, wo im Bezirk Wandsbek noch im Jahr 2006 eine Büste für Henriette Cathrines Schwiegervater, den Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann (mare No. 120), aufgestellt und zwei Jahre später nach Protesten wieder entfernt wurde. |
| Person | Von Silvia Tyburski |
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| Vita | Silvia Tyburski,, Jahrgang 1976, wohnt in Hamburg, wo im Bezirk Wandsbek noch im Jahr 2006 eine Büste für Henriette Cathrines Schwiegervater, den Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann (mare No. 120), aufgestellt und zwei Jahre später nach Protesten wieder entfernt wurde. |
| Person | Von Silvia Tyburski |