Passagierin der Extraklasse

Es war ihre erste und letzte Schiffsreise und der Albtraum aller Kuratoren. 1962 fuhr die Mona Lisa auf einem Luxusdampfer nach New York

An Tag drei braust der Wind zum Sturm auf, und die Wellen werden groß. 14 Meter hohe Brecher krachen auf das Deck der „France“, lassen das größte Kreuzfahrtschiff seiner Zeit bedenklich schwanken. Im Inneren des Luxusliners fallen Passagiere übereinander, robben über den Teppichboden, schneiden sich an den Scherben des zerbrochenen Geschirrs und der zerschellten Weinflaschen, die überall herumliegen.  

Es ist der 16. Dezember 1962, und die „France“ ist mitten auf dem Atlantik,  Tausende Kilometer von der nächsten Küste entfernt. Die Funkverbindung zum Festland bricht ab. Weltweit verfolgen Menschen das Schicksal des Schiffs. Die Nervösesten von ihnen sitzen in Paris und Washington. Sie sorgen sich nicht in erster Linie um die Passagiere. Sicher, das Leben der mehr als 3000 Menschen an Bord, darunter einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, ist ihnen nicht gleichgültig. Doch bangen sie vor allem um eine Figur, oder vielmehr: um ihr Abbild.
Mona Lisa, La Gioconda, die Heitere, wie die Italiener sie nennen, die in Frankreich als La Joconde Verehrte – Leonardo da Vincis epochales Renaissancemeisterwerk, das berühmteste Gemälde der Welt, ist an Bord. Und viele halten das für Wahnsinn. Was, wenn da Vincis Schöpfung Schaden nimmt, gar von den Fluten verschluckt wird, in den Tiefen des Ozeans verschwindet, unwiederbringlich?

In Paris, wo La Joconde bis dahin bei penibel eingehaltener Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit im ­Louvre hing, und in Washington, D.C., ihrem Ziel, verbringen Menschen seit Wochen schlaflose Nächte, mit den Nerven am Ende, geplagt von Magen- und Kopfschmerzen ob des irrsinnigen Unterfangens. Doch die Einflussreichen wollten es so: eine Präsentation des bekanntesten Porträts der westlichen Welt im mächtigsten Land der Erde. Keine Kunstleihe – ein Staatsakt. Eingefädelt von einer Frau, die beinahe so ikonenhaft scheint wie die Mona Lisa. 

Seit der Vereidigung ihres Mannes zum amerikanischen Präsidenten 1961 ist Jacqueline „Jackie“ Kennedy zur meist­fotografierten Frau der Welt aufgestiegen. Mit ihren aufsehenerregenden Hüten und schmal geschnittenen Kostümen ziert sie die Cover der Magazine, bedient die uramerikanische Lust an Glanz und Gloria. Millionen verfolgen die auf mehreren Kanälen ausgestrahlte TV-Sendung, in der sie ein Fernsehteam durch das von ihr neu dekorierte Weiße Haus führt, sehen mit Seidentapeten bespannte Saalwände, pompöse Kronleuchter, ein prunkvolles Ambiente, angelehnt an den monumentalen französischen Empirestil.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 176. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 176

mare No. 176Juni / Juli 2026

Von Johannes Teschner

Als letztes Jahr Kriminelle auf recht einfache Art ­einen Teil der französischen Kronjuwelen aus dem Louvre raubten, musste Autor Johannes Teschner ­sofort an den ziemlich simpel durchgeführten Diebstahl der Mona Lisa von 1911 denken.

Mehr Informationen
Lieferstatus Lieferbar
Vita Als letztes Jahr Kriminelle auf recht einfache Art ­einen Teil der französischen Kronjuwelen aus dem Louvre raubten, musste Autor Johannes Teschner ­sofort an den ziemlich simpel durchgeführten Diebstahl der Mona Lisa von 1911 denken.
Person Von Johannes Teschner
Lieferstatus Lieferbar
Vita Als letztes Jahr Kriminelle auf recht einfache Art ­einen Teil der französischen Kronjuwelen aus dem Louvre raubten, musste Autor Johannes Teschner ­sofort an den ziemlich simpel durchgeführten Diebstahl der Mona Lisa von 1911 denken.
Person Von Johannes Teschner
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite