Jedes Jahr im Sommer treffen sich im Golf von Kalifornien riesige Schwärme von Teufelsrochen. Es ist Paarungszeit, und die Spielregeln sind klar: Wer aus der Menge heraussticht, hat die besten Chancen. Oder vielmehr: wer herausspringt. Ein Weibchen legt los. Mit einem kraftvollen Stoß der Brustflossen katapultiert es sich aus dem Wasser, fliegt durch die Luft, klatscht zurück ins Meer. Die Druckwelle löst eine Kettenreaktion aus: Nun zeigen die Mantamännchen, was sie draufhaben. Sie springen so hoch und mit so viel Splash wie möglich – in der Hoffnung mit ihrer Performance die Weibchen zu beeindrucken. Womöglich, so eine unromantische These, versuchen sie nebenbei auch lästige Parasiten abzuschütteln. Doch hauptsächlich scheint es, als hätten sie vor allem viel Spaß dabei.
Mantas und Menschen: Wir haben da etwas gemein. Ob balzend oder nicht, es gibt auch für uns im Sommer kaum Schöneres, als ins Wasser einzutauchen. Ins Meer, ins Freibad, in Pools, Badeseen, Wasserfälle, Hafenbecken, Flüsse, Fjorde, in den Bergen in Klämme oder tief in den Fels gewaschene Klüfte und Gumpen. Über das Wie können wir frei entscheiden. Je nach Temperament und Traute ganz langsam, Schritt für Schritt tiefer, bis wir sanft ins Wasser gleiten. Entschlossen und genussvoll wie in eine Umarmung. Oder mit lautem Geschrei gegen die Welle, yeah!
Wer als Kind in Deutschland schwimmen gelernt hat, erinnert sich an die aufregende Steigerung: Seepferdchen-tauglich vom Beckenrand, Hände vor der Brust, Beine zusammen. Als „Paket“ mit Armen um die Knie vom Einser fürs Bronzeabzeichen, ohne Nase zuhalten gibt’s extra Punkte. Ab Silber wird man mutiger. Arschbombe vom Dreier, Hechtsprung vom Fünfer, Freestyle vom Zehner – na ja, nicht unbedingt. Spätestens so weit oben rutscht vielen das Herz in die Bade- oder Bikinihose. Allerdings braucht es fast ebenso viel Mut, vor Publikum die Leiter wieder hinabzusteigen, als sich hinunterzustürzen. Die Entscheidung, wir erinnern uns, sie kann Stunden dauern.
Am schönsten ist es freilich draußen, in der Natur. Ohne Regeln, ohne Bademeister, ohne Chlor in den Augen. Hier ist das Wasser tiefer und dunkler, in Seen seidig, im Meer salzig, in den Bergen eisig. Nie weiß man genau, was einen in der Tiefe erwartet. Dafür ist vom Style her alles er-
laubt. Eine Krampe vom Ast, der über den See ragt, oder wie Tarzan von einem schwingenden Seil; ein Salto rückwärts von der Brücke; eine Schraube vom Felsvorsprung in die Bucht, wie ein fliegender Engel von hohen Klippen in Acapulco. Oder auch ein Dødser von sehr hohen Klippen: Der Weltrekord liegt bei irren 48,7 Metern; dazu gleich mehr.
Wer fing an damit, lust- und kunstvoll ins Wasser zu tauchen? In einer Grabkammer der süditalienischen Ruinenstätte Paestum zeigt ein Fresko einen schwarzhaarigen Mann, der von einem Podest kopfüber ins Wasser springt. Die „Tomba del Tuffatore“ – das „Grab des Tauchers“, in dem tatsächlich ein junger Mann bestattet war – wurde 1968 entdeckt und um 476 vor unserer Zeitrechnung datiert. Das Wandgemälde ist damit der früheste Beleg für den akrobatischen Schwimmsport. Und vielleicht auch für die Emotionen, die uns mit dem Eintauchen verbinden.
„Wenn du ins Wasser gehst, geschieht so etwas wie eine Verwandlung. Du lässt das Land zurück, durchquerst die spiegelnde Oberfläche und betrittst eine neue Welt.“ So beschrieb es der britische Schriftsteller und Naturschützer Roger Deakin, der 1999 mit seinem Kultbuch „Waterlog“ den Trend des „Wild Swimming“ initiierte. Ein Jahr später erschien der essayistische Bestseller „Warum wir schwimmen“ der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin und ehemaligen Leistungsschwimmerin Bonnie Tsui. Sie schreibt: „Wir wagen den Sprung, um etwas Neues zu sehen. Und manchmal tun wir es, um ein Gefühl für das zurückzugewinnen, was wir verloren haben.“ Für Tsui ist das „Getting-in“, das Eintauchen, eine Grenzerfahrung, die gleichzeitig das Gefühl von Freiheit, Wachheit, Gegenwärtigkeit und Selbstüberwindung hervorbringen kann.
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Autorin Katja Trippel ist gerade von Berlin, wo sie im Sommer am liebsten vom SUP in den Schlachtensee springt, nach Lyon gezogen. Ob sie dort vor ihrer Haustür in der Saône baden kann, will sie bald herausfinden.
Der Illustrator Gregory Gilbert-Lodge, geboren 1967, lebt in Zürich.
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| Vita | Autorin Katja Trippel ist gerade von Berlin, wo sie im Sommer am liebsten vom SUP in den Schlachtensee springt, nach Lyon gezogen. Ob sie dort vor ihrer Haustür in der Saône baden kann, will sie bald herausfinden. Der Illustrator Gregory Gilbert-Lodge, geboren 1967, lebt in Zürich. |
| Person | Von Katja Trippel und Gregory Gilbert-Lodge |
| Lieferstatus | Lieferbar |
| Vita | Autorin Katja Trippel ist gerade von Berlin, wo sie im Sommer am liebsten vom SUP in den Schlachtensee springt, nach Lyon gezogen. Ob sie dort vor ihrer Haustür in der Saône baden kann, will sie bald herausfinden. Der Illustrator Gregory Gilbert-Lodge, geboren 1967, lebt in Zürich. |
| Person | Von Katja Trippel und Gregory Gilbert-Lodge |