Das Attentat von 1987

Vor 40 Jahren stand Deutschland im Fokus der Weltöffentlichkeit: Bei einem islamistischen Bombenattentat in Dschibuti starben ­neben anderen auch vier deutsche Meeresforscher:innen

Am Mittag des 18. März fliegen unter anderem acht deutsche Meereswissenschaftler aus Kiel in Dschibuti ein. Ihre Namen: Annette Barthelt, Marco Buchalla, Daniel Reinschmidt, Hans-Wilhelm Halbeisen, Annegret Stuhr, Uwe Piatkowski, Klaus von Bröckel und Ilka Peeken. Tags darauf soll das gerade neu in Dienst gestellte deutsche Forschungsschiff „Meteor“ über den Golf von Aden nach Goa in den Indischen Ozean auslaufen. Für jede und jeden der acht ist es eine Mission mit Prestige. Vom Flughafen fahren sie im Kleinbus zum Hafen, gehen an Bord, beziehen ihre Kammern, stellen Gepäck ab. Während Ilka Peeken, damals 24-jährig und angehende Planktologin, die „Meteor“ erkundet, machen sich die anderen auf den Weg in die Innenstadt. 

Einige tauschen Geld, andere kaufen Postkarten und lassen sich treiben. „Die Stimmung war glänzend, die Vorfreude auf die Expedition groß“, schreibt Uwe Piatkowski, einer derer auf dem Weg in die Innenstadt, später rückblickend. „Neuling“ Ilka erkundet die „Me­teor“, trifft an Bord noch Annegret, am späten Nachmittag marschieren auch sie zu Fuß vom Hafen ins Zentrum. Auf dem Weg treffen sie zurückkehrende Kolleginnen und Kollegen der „Meteor“-Besatzung. Die berichten, die anderen der Gruppe seien allesamt im Café „L’Historil“ im Zentrum der Stadt, wo sich westliche, vornehmlich französische Soldaten gewöhnlich träfen. Es ist kurz vor 19 Uhr. An einem der Tische im Vorbau sitzen die 23-jährige Annette Barthelt und Daniel Reinschmidt, damals ein Paar, weswegen Ilka Peeken in der Ecke am linken Rand Platz nimmt. Vor dem Tisch steht eine Säule. Es sei voll gewesen, sagt Peeken heute. Händlerinnen und Händler zeigen ihre Waren, Soldaten kommen und gehen, es herrscht Trubel. Über Minuten hinweg muss es im Café heiter zugegangen sein, doch dann, notiert Uwe Piatkowski in seinem Bericht, sei es still geworden, Taxis hätten sich entfernt. 

Um 19.13 Uhr explodiert eine Bombe mit 20 Kilogramm ­Plastiksprengstoff in einem braunen Aktenkoffer, der zuvor an der Säule vor den Tischen abgestellt worden war. Pfeiler und Vorbau stürzen ein, das Café ist ein Trümmerhaufen. Annette Barthelt, Daniel Reinschmidt und Marco Buchalla sterben sofort oder anschließend im Krankenhaus. „Ich finde mich etwa 50 Meter vor dem Café wieder […] aus meinen Beinen schießt Blut“, schreibt Piatkowski. „Ich sah, wie meine Füße brannten“, sagt Peeken heute. Sie erleidet extreme Verletzungen der Beine, 30 Prozent ihrer Haut sind verbrannt. Die Opfer werden sofort ins französische Militärhospital eingeliefert, vier der Achtergruppe überleben mit zertrümmerten Knochen, schwer verletzten Organen und amputierten Gliedmaßen. Einige Wochen später, wieder in Deutschland zurück, wird auch der Fischereibiologe Hans-Wilhelm Halbeisen mit 33 Jahren an den Folgen seiner Verletzungen sterben. 

Innerhalb der nächsten 24 Stunden schickt das deutsche Verteidigungsministerium eine Bundeswehrmaschine, die am Donnerstagabend in Dschibuti landet. „Eine Meisterleistung“, wie Peeken noch heute findet. Am 20. März, zwei Tage nach dem Anschlag, werden die Verletzten nach Köln/Bonn ausgeflogen. Peeken liegt – nicht weiter transportfähig – drei Wochen lang auf der Intensivstation im Krankenhaus Köln-Merheim. Damals gibt es noch kein künstliches Koma, die Schmerzen sind enorm. Die Ärzte sagten ihr später, sie hätten keine fünf Mark darauf verwettet, dass sie überlebe. Sie ist damals Mitte zwanzig; in der Reha lernt sie neu, zu gehen, eine psychologische Betreuung gibt es nicht. Fünf weitere Jahre dauert es, bis sie wieder mit beiden Beinen im Leben steht. Als Folge des Terroranschlags bewirkt Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber eine unbefristete Festanstellung der jungen Wissenschaftler im Kieler Institut. 


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mare No. 176

mare No. 176Juni / Juli 2026

Von Christian Schüle

Christian Schüle, Jahrgang 1970, Studium der Philosophie, Soziologie und Politischen Wissenschaft in München und Wien, ist freier literarischer Autor, Essayist und Publizist und lebt in Hamburg. Seine Reportagen und Feuilletons wurden mehrfach ausgezeichnet.

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