Alter weisser Wal

In unseren heutigen Zeiten der Sinnkrisen liest sich Herman ­Melvilles Roman „Moby-Dick“ überraschend visionär

Ist Herman Melville, der Autor grossartiger Romane über das Leben auf See, ein Landei? Ist der weltberühmte Dichter von „Moby-Dick“, der vor 175 Jahren erschien, ein Loser? Schaut man sich seinen Lebenslauf an, könnte es so scheinen. Nach beinahe vier Jahren auf See verlässt er in den letzten 40 Jahren seines Lebens nur noch selten das Land. Als er seinen berühmtesten Roman über die Jagd auf den weißen Wal schreibt, sitzt er in einer Schreibstube, 200 Kilo­meter entfernt von der Küste Neuenglands, und schaut über sein Feld hinweg auf die Berkshire-Berge.

Sein Farmhaus nahe Pittsfield, Massachusetts, ist heute ein Museum. Der Tisch in Melvilles Arbeitszimmer ähnelt dem ­Sekretär, an dem er schrieb, nicht im Geringsten. Um die Fantasie der Besucher anzuregen, stehen in der Ecke einige Harpunen. Melville fährt auf Walfangschiffen um die halbe Welt, Harpunier wird er dabei vermutlich nicht. Den gewaltigsten Wal der (Literatur-)Geschichte erlegt er mit der Schreibfeder. 

Die Farm in den lieblichen Berkshires kauft der Dichter 1850. Nach dort aufgefundenen Pfeilspitzen nennt er sie „Arrow­head“. Mount Greylock ragt im Norden des Bauernhofs auf. Der Berg ist gut 1000 Meter hoch. Er hat zwei Gipfel, die ein Kamm verbindet. Im Winter liegt dort Schnee. Man kann sich leicht vorstellen, wie das abschüssige Land davor von waberndem ­Nebel bedeckt ist, als sei es Gischt. Steigt am Vormittag die ­Sonne hoch und zerreißt nach und nach den grau­weißen Schleier, erhebt sich daraus riesenhaft die Gestalt des Pottwalbullen: Moby Dick. Diese Szene wird Melville wiederholt vor Augen gehabt haben, als er sein Opus magnum schreibt – der Tagtraum eines „Gentleman Farmers“.

Aus dem Tagtraum wird ein Albtraum. Der von anfänglichen Erfolgen verwöhnte Schriftsteller hat sich mit dem Kauf der Farm übernommen. Die Landwirtschaft, kaum ernsthaft betrieben, trägt nichts ein, und das Buch gerät zum Flop. In England erscheint im Oktober 1851 noch unter dem alten Titel „The Whale“ eine verstümmelte, bereinigte, um ihr Ende gebrachte Fassung. Dass der Ich-Erzähler Ismael als einziger Zeuge die Jagd auf den weißen Wal überlebt, ist somit nicht ersichtlich. Die ­Kritiker reagieren verständnislos. Als in Amerika kurz darauf „Moby-Dick“ publiziert wird, ist die Tendenz für die Aufnahme des Buchs bereits vorgegeben. Was 70 Jahre später als einer der wichtigsten Romane der Weltliteratur gelten wird, ist bei Erscheinen beinahe ein Gegenstand des Spotts.

Melville wird dieses Stigma nie mehr los. Er ist nun selbst der Gejagte, der sich nach kampfreichen Jahren ergibt und von der Bildfläche verschwindet wie ein Pottwalkadaver, der auf den Meeresboden sinkt. Der Stern seines geliebten Freunds und Kollegen Nathaniel Hawthorne, Autor des „Scharlachroten Buchstabens“, dagegen steigt. Einige Jahre später muss der Autor die Farm wieder verkaufen. Für Jahre bleibt er ohne eigenes Einkommen, kein Sozialplan mildert sein Elend.

Welcher innere Mahlstrom Melville in die Tiefe zieht, wird wohl nie zu klären sein. Einige Briefe und Reisetagebücher sind überliefert, sie enthalten kaum Äußerungen über sein Seelen­leben. Von außen betrachtet, ist sein Scheitern nichts Ungewöhnliches. Abertausende Amerikaner gehen in den zahlrei-chen Wirtschaftskrisen der jungen Republik unter. Das prekäre Leben ist ihm allerdings nicht in die Wiege gelegt.

Melvilles wohlhabende Großväter gelten in der Familie als Helden. Der eine nimmt an der berühmten Boston Tea Party teil und wirft aus Protest gegen die englischen Kolonialherren deren Handelsgut ins Hafenbecken. Der andere, als Held des Unabhängigkeitskriegs gefeiert, beteiligt sich an einer Kam­pagne zur Vertreibung der Sechs Nationen von ihrem angestammten Land im Staat New York. Man tötet die indigene Bevölkerung nicht, sondern verwüstet ihre Felder und vernichtet Vieh. Den Rest besorgt der Hunger. Wie der kolonialismus­kritische Enkel das sieht, ist nicht überliefert.


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mare No. 176

mare No. 176Juni / Juli 2026

Von Thomas Lang

Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, lebt als Schriftsteller in München. 2002 publizierte er seinen ersten Roman „Than“ im Verlag Klaus Wagenbach. 2005 erhielt er für einen Auszug aus dem Roman „Am Seil“ den Ingeborg-Bachmann-Preis. Neben erzählender Prosa verfasst Lang Essays. Sein jüngster Roman „Melville verschwindet“ erschien 2026 im Berlin Verlag.

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Vita Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, lebt als Schriftsteller in München. 2002 publizierte er seinen ersten Roman „Than“ im Verlag Klaus Wagenbach. 2005 erhielt er für einen Auszug aus dem Roman „Am Seil“ den Ingeborg-Bachmann-Preis. Neben erzählender Prosa verfasst Lang Essays. Sein jüngster Roman „Melville verschwindet“ erschien 2026 im Berlin Verlag.
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Vita Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht, lebt als Schriftsteller in München. 2002 publizierte er seinen ersten Roman „Than“ im Verlag Klaus Wagenbach. 2005 erhielt er für einen Auszug aus dem Roman „Am Seil“ den Ingeborg-Bachmann-Preis. Neben erzählender Prosa verfasst Lang Essays. Sein jüngster Roman „Melville verschwindet“ erschien 2026 im Berlin Verlag.
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