Die Klaviatur der See

Der Komponist Erik Satie wurde in Honfleur, der Hafenstadt in der Normandie, geboren. Hier am Meer fand er zu der Einfachheit und Klarheit und dem lasziv-melancholischen Ton, der ihn in Pariser Künstlerkreisen zum musikalischen Star machte

Das Meer ist groß, Madame“, äußert im Jahr 1914 ein vornehmer Herr an einer französischen Küste gegenüber einer schönen Badewilligen. Sein mahnender Ton ist unüberhörbar. Und er fährt mit einer bizarren Warnung fort: „Auf jeden Fall ist es ziemlich tief. Setzen Sie sich bloß nicht auf den Grund!“ Zu spät – sie schenkt ihm keinen Glauben: „Hier kommen bereits die guten alten Wellen.“ Bestürzt stellt er fest: „Sie sind ganz voll Wasser. Sie sind ja komplett durchnässt!“ Und bekommt von der Madame zur Antwort: 

„Ja, Monsieur.“ Nicht kleinlaut, eher unbekümmert. Und schon ist die Momentaufnahme wieder vorbei. Mit diesem Nonsensdialog endet nicht etwa eine harmlose Szene aus einem Boulevardtheaterstück, sondern ein Klavier­aperçu, „Le bain de mer“ betitelt, das nur wenige Takte umfasst, und in dessen Partitur dieser komische Kurztext in Schönschrift über, unter und zwischen die Notenlinien platziert worden ist. Es ist Teil einer Anthologie, die sich auf musikalisch-künstlerische Weise mit den Möglichkeiten erheiternden Zeitvertreibs der Wohlhabenden und Gelangweilten beschäftigt. Ihr Titel: „Sports et divertissements“. Ihr Autor ist kein Dramatiker oder Lyriker, sondern ein erstaunlich vielseitiger Musiker und Komponist: Erik Satie. Wer an ihn denkt, hat keine Küste, vielmehr die Künstlerkolonie Montmartre vor Augen. Sein Name beschwört ein versunkenes Paris herauf, zwischen Armut, Aufbruchstimmung und Avantgarde. Wer seine geheimnisvolle und nostalgische Klaviermusik hört, befindet sich mitten im französischen Fin de siècle. Aus seiner Feder stammen zahllose enigmatische wie kostbare Miniaturen, man kann sich verlieren in seinem musikalischen Universum, der Sogkraft und dem Sehnsuchtspotenzial seiner weltberühmten „Gymnopédies“ und „Gnossiennes“ regelrecht verfallen.

Satie, der große Außenseiter der Musikmoderne vor und nach 1900, zählt, wie Toulouse-Lautrec oder Cocteau, zu den Archetypen der Seine-Metropole: ein kauziger Gentleman mittleren Alters mit Melone, Kneifer und Spitzbart, tadellos gekleidet, den Regenschirm unter den Arm geklemmt. Ein wunderlicher Mann ohne Frau, Partner, enge Freunde oder Familie. Ein erstklassiger Zeichner, ein begnadeter Kalligraf, ein leidenschaftlicher Briefeschreiber. Ein streitbarer Zeitgenosse, der so manche Pressefehde mit Kritikern und Rivalen austrug, ein Provokateur, wenn es um die Durchsetzung seiner ästhetischen Ziele ging. Ein Rebell, der sich gegen Konventionen auflehnte, mit dem Dilettantentum kokettierte und das Musikmilieu mit seinen apho­ristischen Stücken herausforderte. Ein fleißiger Literat, der ­seine akribisch gestalteten Partituren mit ironischen Kommentaren, Spielanweisungen und geistreichen Bonmots ­garnierte, der groteske Vorreden verfasste, absurde Theaterstücke schrieb. Ein Religionsgründer, der seine eigene Kirche aus der Taufe hob und deren einziges Gemeindemitglied blieb. Satie war Rosenkreuzer, Kubist und Dadaist, Salongast und liebenswerter Spinner; er kultivierte seine Marotten, kreierte verrätselte Liederzyklen und experimentelle Ballette, hielt das Erscheinungsbild seiner Zeitgenossen mit Stift und Tinte fest und ließ sich seinerseits von ihnen porträtieren. Sein Konterfei prangt auf etlichen Leinwänden bekannter Maler.


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mare No. 176

mare No. 176Juni / Juli 2026

Von Jens Rosteck und Charles Martin

mare-Autor Jens Rosteck, Musikwissenschaftler, Biograf und Pianist, ist der Normandie und ihrer vielfältigen Kulturgeschichte schon seit Langem auf der Spur. Er hat, neben anderem, in mare No. 128 über den erwachenden Badetourismus am Ärmelkanal geschrieben und im mareverlag ein Buch über Marguerite Duras veröffentlicht, „Die Schwester der Meere“. Saties zwei- und vierhändige Klavierwerke hat er konzertierend an vielen Orten zu Gehör gebracht, zum Beispiel in seiner Wahlheimat Nizza und in Saties Wahlheimat Paris. Nun fehlt eigentlich nur noch ein Recital in Honfleur.

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Vita mare-Autor Jens Rosteck, Musikwissenschaftler, Biograf und Pianist, ist der Normandie und ihrer vielfältigen Kulturgeschichte schon seit Langem auf der Spur. Er hat, neben anderem, in mare No. 128 über den erwachenden Badetourismus am Ärmelkanal geschrieben und im mareverlag ein Buch über Marguerite Duras veröffentlicht, „Die Schwester der Meere“. Saties zwei- und vierhändige Klavierwerke hat er konzertierend an vielen Orten zu Gehör gebracht, zum Beispiel in seiner Wahlheimat Nizza und in Saties Wahlheimat Paris. Nun fehlt eigentlich nur noch ein Recital in Honfleur.
Person Von Jens Rosteck und Charles Martin
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Vita mare-Autor Jens Rosteck, Musikwissenschaftler, Biograf und Pianist, ist der Normandie und ihrer vielfältigen Kulturgeschichte schon seit Langem auf der Spur. Er hat, neben anderem, in mare No. 128 über den erwachenden Badetourismus am Ärmelkanal geschrieben und im mareverlag ein Buch über Marguerite Duras veröffentlicht, „Die Schwester der Meere“. Saties zwei- und vierhändige Klavierwerke hat er konzertierend an vielen Orten zu Gehör gebracht, zum Beispiel in seiner Wahlheimat Nizza und in Saties Wahlheimat Paris. Nun fehlt eigentlich nur noch ein Recital in Honfleur.
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