Den Nadelöhren der Weltmeere kommt eine immer größere Bedeutung zu. Die Straße von Hormus im Persischen Golf etwa kann durch den Iran jederzeit blockiert oder geschlossen werden – mit enormen Konsequenzen für Welthandel, Ölpreis und jeden Verbraucher. Die Straße von Malakka zum Beispiel, die Straße von Taiwan oder im Besonderen auch das Bab al-Mandab, das „Tor der Tränen“, zwischen Indischem Ozean und Rotem Meer. Der Kleinstaat Dschibuti mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern liegt direkt an diesem Tor und baut sich seit einiger Zeit aufgrund der strategisch idealen Meerenge zum größten Hub der neuen Weltordnung auf. Dschibutis Präsident träumt von einem Goldenen Zeitalter und verkauft die einzigartige Lage seines Landes am Horn von Afrika an jene Mächte, die in Dschibuti die Drehscheibe des künftigen Welthandels erkannt haben. Durch den Krieg der USA und Israels gegen den Iran und dessen Blockade der Straße von Hormus könnte das „Tor der Tränen“ als relativ sichere und begehrte Seehandelsroute in Zukunft eine noch höhere Relevanz erhalten: Wer fürchtet, in der Straße von Hormus zu stranden, wählt gleich den Weg über Dschibuti. Seit vier Jahren haben Ölfrachter und Handelsschiffe am „Tor der Tränen“ militärischen Begleitschutz durch die USA, China, Japan, die EU-Mission „Aspides“, an der sich auch die deutsche Bundesmarine mit der Fregatte „Hessen“ beteiligt, um die Meerenge gegen Terrorismus und Piraterie abzusichern.
Nach langer Vorbereitung glückte unserem Team die große Seltenheit, das Land zu erkunden und einer Ausweisung zu entgehen. Am Ende retteten die Reporter die Filme in die französische Botschaft in Dschibuti, um sie zwei Monate später im Außenministerium in Paris abzuholen. Annäherung an eine geheimnisvolle Autokratie in neun Fragmenten.
1. Tränen, Trauer, Wehklagen
Das „Tor der Tränen“ ist gar kein Tor, obwohl Bab al-Mandab übersetzt so heißt. Das Bab al-Mandab ist eine der weltweit schmalsten Meerengen, eine flaschenhalsartige Verjüngung des Golfs von Aden, 27 Kilometer breit, 310 Meter tief. Von Norden her spitzt sich dort ein Sporn der arabischen Wüstenhalbinsel derart zu, dass dem Meer, bevor die Landspitze in Dschibuti aufsetzt, nördlich der Stadt Obock gerade noch eine schmale Öffnung bleibt. Von Osten drückt sich der Indische Ozean am Horn von Afrika vorbei, verschlankt sich vor der Bucht vor Dschibuti trichterförmig zum Golf von Aden, quetscht sich durch das Bab al-Mandab, erweitert sich danach zum Roten Meer, fädelt später bei Ägypten in den Suezkanal ein und mündet nach 193 Kanalkilometern ins Mittelmeer. Wer kostengünstig nach Europa und reibungslos von Europa nach Indien transportieren will, muss durch dieses „Tor der Tränen“. Und wer es darauf anlegt, den weltweiten Handelsverkehr durch Terror oder Schiffskaperung zu stören, ist hier genau richtig: Die vom Iran gesteuerten Huthi-Rebellen aus dem gegenüberliegenden Jemen haben seit November 2023 im Kampf gegen Israel und den Westen den Welthandelsverkehr genau hier immer wieder ins Stocken kommen lassen, weswegen Tausende Schiffe über Monate hinweg den mindestens zehn Tage längeren Weg um das südafrikanische Kap der Guten Hoffnung nehmen mussten. Ein Umweg, der Reeder bezüglich Transportversicherungs-, Treibstoff- und Personalkosten Hunderte Millionen Dollar gekostet, Just-in-time-Lieferketten zerstört und Frachtpreise in Europa erhöht hat.
Bab al-Mandab heißt „Tor der Tränen“ oder „Tor der Trauer“ oder „Tor der Wehklagen“, weil hier die Frauen einst um ihre vielleicht niemals wiederkehrenden Männer auf See geweint haben sollen, so sagen die einen, während die anderen behaupten, am Bab al-Mandab seien durch Riffe, Kreuzströmungen und Windwechsel im Lauf der Jahrtausende so viele Menschen ums Leben gekommen, dass man ihre aus dem Meer aufsteigenden Wehklagen hören könne. Nüchtern gesprochen ist die Sache eindeutiger: Ohne Störung drängen sich jährlich 30 000 Container- und Ölfrachtschiffe durchs „Tor der Tränen/Trauer/Wehklagen“; täglich werden nach Einschätzung der U. S. Energy Information Administration 4,5 Millionen Barrel Öl durch das Nadelöhr verschifft, im Jahr 2022, vor den Attacken der Huthis auf den Frachtverkehr, gingen 20 Prozent aller Öl- und 25 Prozent aller Flüssiggasimporte der Europäischen Union hier hindurch. Knapp zehn Prozent aller Importe nach Deutschland kommen auf dem Seeweg über das Rote Meer (Bab al-Mandab und Suezkanal). Bis zu einem Viertel des globalen und 80 Prozent des europäischen Handelsschiffsverkehrs laufen über Dschibuti.
Natürlich wollten auch wir zum Bab al-Mandab, um Mythen und Realitäten zu überprüfen, Geheimnisse zu erkunden und Zu- wie Umstände zu recherchieren. Wir flogen über Dubai ein und wussten, dass wir in keine Demokratie kamen. Wir hatten gehört, dass Experten von Diktatur und Geheimdienstüberwachung sprachen. Wir hatten von Vetternwirtschaft und Korruption gelesen. Vorsichtig checkten wir im „Sheraton“ ein, und gegen zwölf Uhr schlappte Houssein Robleh ins Foyer, ein ehemaliger Polizist und hagerer Mann von 63 Jahren. Zu unserer Überraschung erfuhren wir, dass Houssein von nun an unser persönlicher Security Guard sei. Bestellt hatten wir ihn nicht, und wer ihn geschickt hatte, blieb unklar. Ohne Houssein aber, flüsterten alle hinter vorgehaltener Hand, sei es in Dschibuti zu gefährlich. Also dankten wir höflich und stiegen in den Toyota 4x4. Er müsse jetzt erst einmal Gras fressen, sagte Houssein.
2. In zwölf Komma drei Kilometern von Amerika nach China
Von den USA nach China dauert es 20 Minuten. Von der amerikanischen Basis Camp Lemmonier geht die Route de l’aéroport südwestwärts beim Kreisverkehr Mandela links ab, am Kreisverkehr Ambouli die zweite Ausfahrt rechts auf die Route Nationale 3, dann eine kleine Weile parallel zu den Eisenbahngleisen Richtung Addis Abeba, den Ölhafen passierend, ehe es zwischen Stacheldraht, Strauchwerk, Brachland und Erdhügel für einen Moment unübersichtlich wird. Dann kommt China.
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Christian Schüle, geboren 1970, lebt als Autor und Essayist in Hamburg. Von allen sieben maritimen Nadelöhren der Welt fasziniert ihn das „Tor der Tränen“ am meisten, da hier die Geschichte der menschlichen Migration begann. Vor 150 000 bis 100 000 Jahren sollen die ersten Vertreter des Homo sapiens infolge des stark abgesunkenen Meeresspiegels über eine Landbrücke am Bab al-Mandab von Afrika über die Arabische Halbinsel in den Rest der Welt gezogen sein.
Patrick Wack, Jahrgang 1979, freier Fotograf in Paris, dokumentiert geopolitische und soziale Bruchlinien, von China und der Uigurenfrage bis hin zum Krieg in der Ukraine. Als er den Auftrag bekam, für mare Dschibuti zu fotografieren, war er begeistert. „Das Land steht in einem Spannungsfeld, das sich durch meine Arbeit zieht: geopolitische Bedeutung und poetische Kraft. Seine zentrale Lage an der Meerenge und die elementare Begegnung von Wasser und Wüste machen es zu einem Ort, den ich unbedingt fotografieren wollte.“
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| Vita | Christian Schüle, geboren 1970, lebt als Autor und Essayist in Hamburg. Von allen sieben maritimen Nadelöhren der Welt fasziniert ihn das „Tor der Tränen“ am meisten, da hier die Geschichte der menschlichen Migration begann. Vor 150 000 bis 100 000 Jahren sollen die ersten Vertreter des Homo sapiens infolge des stark abgesunkenen Meeresspiegels über eine Landbrücke am Bab al-Mandab von Afrika über die Arabische Halbinsel in den Rest der Welt gezogen sein. Patrick Wack, Jahrgang 1979, freier Fotograf in Paris, dokumentiert geopolitische und soziale Bruchlinien, von China und der Uigurenfrage bis hin zum Krieg in der Ukraine. Als er den Auftrag bekam, für mare Dschibuti zu fotografieren, war er begeistert. „Das Land steht in einem Spannungsfeld, das sich durch meine Arbeit zieht: geopolitische Bedeutung und poetische Kraft. Seine zentrale Lage an der Meerenge und die elementare Begegnung von Wasser und Wüste machen es zu einem Ort, den ich unbedingt fotografieren wollte.“ |
| Person | Von Christian Schüle und Patrick Wack |
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| Vita | Christian Schüle, geboren 1970, lebt als Autor und Essayist in Hamburg. Von allen sieben maritimen Nadelöhren der Welt fasziniert ihn das „Tor der Tränen“ am meisten, da hier die Geschichte der menschlichen Migration begann. Vor 150 000 bis 100 000 Jahren sollen die ersten Vertreter des Homo sapiens infolge des stark abgesunkenen Meeresspiegels über eine Landbrücke am Bab al-Mandab von Afrika über die Arabische Halbinsel in den Rest der Welt gezogen sein. Patrick Wack, Jahrgang 1979, freier Fotograf in Paris, dokumentiert geopolitische und soziale Bruchlinien, von China und der Uigurenfrage bis hin zum Krieg in der Ukraine. Als er den Auftrag bekam, für mare Dschibuti zu fotografieren, war er begeistert. „Das Land steht in einem Spannungsfeld, das sich durch meine Arbeit zieht: geopolitische Bedeutung und poetische Kraft. Seine zentrale Lage an der Meerenge und die elementare Begegnung von Wasser und Wüste machen es zu einem Ort, den ich unbedingt fotografieren wollte.“ |
| Person | Von Christian Schüle und Patrick Wack |