Die Luft der Wahrheit

Im Nordwesten Tasmaniens weht der Wind die sauberste Luft der Welt an Land – so rein, dass eine Forschungsstation sie überwacht und Proben davon als Referenz in alle Welt verschickt

Am anderen Ende der Welt, an der Nordwestspitze Tasmaniens, gibt es einen Ort, an dem Atmen nicht erwünscht ist. Dabei würde man ausgerechnet hier gern tief Luft holen.
Die Straße, die dorthin führt, endet abrupt an einer Schranke.
Dahinter gelten strenge Regeln: Rauchen verboten. Kein Tragen von Parfum. Wege nicht verlassen. Nichts anfassen. 

Die Straße ist jetzt keine Straße mehr, sondern eine Schotterpiste. Es geht einen Hügel hinauf, in eine letzte Kurve. Vorbei an Büschen und Gestrüpp. Auf einmal franst sich das grün behaarte Land ins Meer aus, in den Südlichen Ozean. 

Das ist er also, dieser einmalige Ort. Nicht mehr als ein felsiger Vorsprung, von drei Seiten vom Meer umgeben, immer dem Wind ausgesetzt: Cape Grim. 
Es ist der Ort mit der saubersten Luft der Welt. 
Mitten in dieser Idylle erhebt sich ein stählerner Turm mit runden, weißen Antennen. Daneben duckt sich ein schlichtes Gebäude, fast wie eine Hütte am Meer. Nichts lässt die große Bedeutung ahnen. Und doch: Dort drinnen wird der global gültige Maßstab festgelegt, wie ­sauber Luft überhaupt noch sein kann. 

Es gibt auf der Welt keinen passen­deren Ort dafür. 
Die Luft, die am Cape Grim ankommt, hat eine Reise von bis zu 14 000 Kilometern hinter sich, über den Südlichen Ozean. Getragen von den „Roaring Forties“, starken Westwinden, zieht sie von Süd­amerika bis hierher. Fernab von Städten, Inseln und Schifffahrtsrouten gibt es fast nichts, was sie trüben könnte. Dieselruß, Rauch, Dunst, Feinstaub, Stickoxide – die Luft trägt sie in den kleinstmöglichen Konzentrationen, die die Welt kennt. 

Deshalb steht diese Station genau auf dieser Klippe. Die Luft hier ist so rein, dass sich an ihr ablesen lässt, was wirklich in der Atmosphäre steckt. Forscher nennen das „Baseline Air“, die streng ­ausgewählte Hintergrundluft ohne lokale Emissionen. Es gibt nur eine Bedingung: Erst wenn der Wind aus Westen kommt, über Tausende Kilometer offenen Ozean, wird sie zur Referenz. Ungefähr an 30 Prozent der Tage im Jahr ist das hier der Fall. Dann ist das, was hier gemessen wird, unverfälscht. Näher an die Wahrheit kommt man nicht.
Und die ist unangenehm.

Seit 2023 ist es Sarah Prior, die diese Wahrheit in die Welt trägt. Jetzt steht sie da, die Leiterin der Cape Grim Baseline Air Pollution Station, vor einem riesigen Plakat im Foyer. Abgebildet ist nicht etwa die Schönheit dieser Landschaft, sondern ein Koordinatensystem, in dem eine Linie kontinuierlich aufsteigt. Seit den 1970er-Jahren. Punkt für Punkt, Jahr für Jahr, ohne einen einzigen Abfall. Es ist der CO2-Gehalt der Luft am Cape Grim. Und damit ein Wert, der für die ganze Welt steht.

„Ist das nicht erschreckend?“ Prior sagt es, und für einen Augenblick verschwindet ihr Lächeln. Dieses tückische CO2. Ein Stoff, den man nicht sieht, nicht riecht, der sich aber in der Luft sammelt und wie eine Decke die Wärme festhält.

Zwar haben einige Länder ihre Treib­hausgase seit 1990 erheblich reduziert – Deutschland um gut 45 Prozent, Großbritannien um 50, Frankreich um 25, Italien um 20. Das sind Zahlen, die nach Fortschritt klingen, doch die Kurve erzählt eine andere Geschichte. „Wir sehen keinen Rückgang in den Hintergrunddaten. Man kann ihn einfach nicht erkennen“, sagt Prior. „Das ist sehr beunruhigend.“


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 176. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 176

mare No. 176Juni / Juli 2026

Von Jan Keith und Palani Mohan

Jan Keith, Jahrgang 1971, mare-Redakteur, musste für diese Reportage täglich 40 Minuten von seinem Motel nach Cape Grim pendeln. Zu Hause in Hamburg hätte ihn das genervt. Nicht aber in Tasmanien. Seine Strecke führte ihn über einsame Straßen durch Wälder und Weideland bis ans Meer.

Für den australischen Fotografen Palani Mohan, Jahrgang 1967, war die Recherche in Tasmanien wie eine Heimkehr. Dort lernte er vor Jahren seine Frau Sarah kennen.

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Vita

Jan Keith, Jahrgang 1971, mare-Redakteur, musste für diese Reportage täglich 40 Minuten von seinem Motel nach Cape Grim pendeln. Zu Hause in Hamburg hätte ihn das genervt. Nicht aber in Tasmanien. Seine Strecke führte ihn über einsame Straßen durch Wälder und Weideland bis ans Meer.

Für den australischen Fotografen Palani Mohan, Jahrgang 1967, war die Recherche in Tasmanien wie eine Heimkehr. Dort lernte er vor Jahren seine Frau Sarah kennen.

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Jan Keith, Jahrgang 1971, mare-Redakteur, musste für diese Reportage täglich 40 Minuten von seinem Motel nach Cape Grim pendeln. Zu Hause in Hamburg hätte ihn das genervt. Nicht aber in Tasmanien. Seine Strecke führte ihn über einsame Straßen durch Wälder und Weideland bis ans Meer.

Für den australischen Fotografen Palani Mohan, Jahrgang 1967, war die Recherche in Tasmanien wie eine Heimkehr. Dort lernte er vor Jahren seine Frau Sarah kennen.

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