mare No. 122

Aktuelles Heft

Okt 2017, No. 124

EIN KAPITÄN VERSCHWINDET
Das Rätsel der Seemannskiste

LAUSCHANGRIFF IN DER TIEFE
Seekabel - verletzliche Schlagadern der Datenwelt

Marlene Dietrich
Königin der Transatlantikfahrt

Weltkarte

Editorlal

Liebe Leserin, 
lieber Leser,

die Hallig Süderoog im nordfriesischen Wattenmeer und das Atoll Diego Garcia im Indischen Ozean, beides verheißungsvolle Paradiese, besitzen eine Gemeinsamkeit: Sie sind von staatlicher Seite aus für die Öffentlichkeit gesperrt. Ansonsten könnten sie und ihre Bewohner kaum unterschiedlicher sein.

Auf Süderoog leben neben Kühen, Schafen und Hühnern nur Nele und Holger. Das Paar, beide Festländer, bewirt
schaften die abgeschiedene Insel. Als wir die mare-Autorin Andrea Walter mit einer Reportage über das Einsiedlerdasein beauftragten, erhielt sie keine Genehmigung zum Betreten der Hallig. Küsten- und Naturschutz sind für die Behörden ein so hohes Gut, dass Walter erst nach vielen Anfragen und der Verpflichtung, die behördlichen Anweisungen genau zu befolgen, Zugang erhielt und sich auf den Weg durch das Watt zu dem abgelegenen Idyll aufmachen konnte (Seite 46).

Gänzlich unmöglich ist es, auch nach jahrelangem Kampf und vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen, Diego Garcia, die einsame Perle im Indischen Ozean, zu betreten. Und zwar auch für die eigentlichen - ehemaligen - Bewohner selbst. Diese siedelten als Nachfahren europäischer Plantagenarbeiter, Inder und afrikanischer Sklaven seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Chagosarchipel mit seiner Hauptinsel Diego Garcia. Nachdem die englische Kolonialmacht die Insel aus der Verwaltung von Mauritius ausgegliedert hatte, wurde sie danach für 50 Jahre an die USA verpachtet. Als Folge mussten die etwa 2000 Bewohner ihre Heimat verlassen, umgesiedelt nach Mauritius, von dort weiter nach England. Sie sollten nie wieder zurückkehren. All dies geschah für den Aufbau einer Militärbasis der Amerikaner. Auch ihr Auslandsgeheimdienst NSA erhielt dort einen Horchposten. Nicht nur fliegen die USA viele ihrer B-52-Bombenangriffe in Afghanistan und im Irak von Diego Garcia aus, 2003 wurde auch publik, dass auf dem Stützpunkt ein geheimes Militärgefängnis existiert, in dem nachweislich auch gefoltert wird.

mare-Redakteurin Martina Wimmer recherchierte viele Monate zu der Geschichte Diego Garcias und traf einige Exilanten in London. Immer wieder klagten diese vor dem High Court, dem höchsten Gericht im Königreich, auf ihr Recht zur Rückkehr. Erfolglos. Inzwischen erneuerte die Krone die Pacht, und die USA können jetzt bis mindestens 2036 bleiben, horchen, bomben und foltern. Unbeobachtet und auf gestohlenem Boden. Wir berichten in dieser Ausgabe umfassend von diesem Skandal und vom Leben und den Hoffnungen der Vertriebenen (Seite 30).

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Nikolaus Gelpke

 

Ein erster Blick

Die mare-Galerie

Bilder, die Wellen schlagen

Ein Australier lichtet nichts als Wasser ab – aber in seiner dramatischsten Form. Sein Thema ist die betörende Gestalt der Wellen.
Von Zora del Buono und Ray Collins

Leben

Ein Sommer auf Süderoog

Ein junges Paar entscheidet sich gegen eine bequeme urbane Exis­tenz zugunsten der friedvollen, zuweilen aber auch ruppigen Einsamkeit auf einer Hallig – und fühlt sich reich belohnt.
Von Andrea Walter und Stefanie Silber

Meine wilden Jahre

Wunderbare Hallig Hooge. Ein mare-Redakteur verlebte hier die schönsten Wochen seiner Jugend, aus Gründen.
Von Jan Keith

Wirtschaft

Bodentruppen

Manganknollen aus dem Meer sollten die Zukunft der Menschheit sichern. 28 Jahre nach den ersten Tests sieht das Bild anders aus.
Von Tim Schröder

Kultur

Flieger, Dichter, mensch des Meeres

Antoine de Saint-Exupéry, Schöpfer des Jahrhundertbestsellers „Der kleine Prinz“, war im Innersten viel mehr leidenschaftlicher Pilot als Schriftsteller. Auf unzähligen Flügen über Meere und Wüsten wurde er zum schreibenden Philosophen. Sein schicksalhafter Fliegertod im Mittel­meer beschäftigt seine Liebhaber bis heute.
Von Roland Düker

Im Bauch des Punjab

Tief in den Bergen der Salt Range im Norden Pakistans, zu Füßen des Daches der Welt, fördern Bergleute seit Jahrhunderten das begehrte rosa Salz des Himalajas zutage. Die Arbeit ist gefährlich und unterscheidet sich in den Methoden kaum von früheren Zeiten.
Von Andrzej Rybak und Luke Duggleby

Kolumne: Notizen einer Landratte, 44.

In dieser Folge beschäftigt sich unser Kolumnist Maik Brandenburg mit Populärmusik, erklärt den Zusammenhang von Rock ’n’ Roll und Schweizer Hudigääggelern und schildert, wie die Musikkapelle der „Titanic“ wirklich endete.

Wissenschaft

Überlebenskünstler

Text: Tim Schröder   
Salz ist tödlich für Pflanzen. Dennoch wachsen mehr als zwei Dutzend Arten auf den Salzwiesen der Halligen. Wie schaffen sie das?

Kultur

Der Freiheitskämpfer

Text: Xifan Yang   Fotos: Liz Hingley
Auf der chinesischen Pilgerinsel Putuoshan rettet ein buddhistischer Mönch Millionen Fische und Meerestiere vor dem Kochtopf. Gläubige aus dem ganzen Land spenden ihm dafür Geld in der Hoffnung auf Seelenheil. Und die Fischer machen ein gutes Geschäft.

Die Macht und das Meer

Text: Harald Loch   
Von der Antike bis in die Gegenwart streben Regierende danach, das Meer zu beherrschen. Denn die Hoheit auf See ist Grundlage für die Herrschaft an Land.

Politik

Das ist unser Land

Text: Martina Wimmer   Fotos: Zed Nelson
Vor mehr als 40 Jahren wurden die Bewohner der Chagosinseln im Indischen Ozean vertrieben, um Platz zu machen für eine Militärbasis der USA. Die ehemaligen Inselbewohner und ihre Nachkommen führen seither einen unermüdlichen Kampf gegen westliche Großmächte. Sie wollen ihre Heimat zurück.

Es geht um Kopf und Curry

Text: Dirk Liesemer   
Seit Jahrzehnten duellieren sich Südkorea und Japan um eine kleine Inselgruppe. Ihre Waffen: Briefmarken, Touristen und andere Geschütze.

Wirtschaft

Filmstar der Meere

Text: Felix Zeltner   
Seit Steven Spielbergs Spielfilm „Der weiße Hai“ 1975 in die Kinos kam und die Welt schockierte, hat sich um den Fisch eine eigene, lukrative Filmindustrie entwickelt. Doch den Hai vom Ruf des bösen Menschenfressers zu befreien ist ein zäher Kampf gegen die Mechanismen der Branche – und gegen unsere Ängste.

Kombüse

Ein königlicher Sugo

Text: Fabian von Poser   Fotos: Alessandro Toscano
In einem Restaurant auf Tavolara vor Sardinien kocht der Inselsouverän selbst. Und erzählt dabei nur allzu gern seine Familiengeschichte.