mare No. 122

Weltkarte

Editorlal

Liebe Leserin, 
lieber Leser,

die Hallig Süderoog im nordfriesischen Wattenmeer und das Atoll Diego Garcia im Indischen Ozean, beides verheißungsvolle Paradiese, besitzen eine Gemeinsamkeit: Sie sind von staatlicher Seite aus für die Öffentlichkeit gesperrt. Ansonsten könnten sie und ihre Bewohner kaum unterschiedlicher sein.

Auf Süderoog leben neben Kühen, Schafen und Hühnern nur Nele und Holger. Das Paar, beide Festländer, bewirt
schaften die abgeschiedene Insel. Als wir die mare-Autorin Andrea Walter mit einer Reportage über das Einsiedlerdasein beauftragten, erhielt sie keine Genehmigung zum Betreten der Hallig. Küsten- und Naturschutz sind für die Behörden ein so hohes Gut, dass Walter erst nach vielen Anfragen und der Verpflichtung, die behördlichen Anweisungen genau zu befolgen, Zugang erhielt und sich auf den Weg durch das Watt zu dem abgelegenen Idyll aufmachen konnte (Seite 46).

Gänzlich unmöglich ist es, auch nach jahrelangem Kampf und vielen gerichtlichen Auseinandersetzungen, Diego Garcia, die einsame Perle im Indischen Ozean, zu betreten. Und zwar auch für die eigentlichen - ehemaligen - Bewohner selbst. Diese siedelten als Nachfahren europäischer Plantagenarbeiter, Inder und afrikanischer Sklaven seit Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Chagosarchipel mit seiner Hauptinsel Diego Garcia. Nachdem die englische Kolonialmacht die Insel aus der Verwaltung von Mauritius ausgegliedert hatte, wurde sie danach für 50 Jahre an die USA verpachtet. Als Folge mussten die etwa 2000 Bewohner ihre Heimat verlassen, umgesiedelt nach Mauritius, von dort weiter nach England. Sie sollten nie wieder zurückkehren. All dies geschah für den Aufbau einer Militärbasis der Amerikaner. Auch ihr Auslandsgeheimdienst NSA erhielt dort einen Horchposten. Nicht nur fliegen die USA viele ihrer B-52-Bombenangriffe in Afghanistan und im Irak von Diego Garcia aus, 2003 wurde auch publik, dass auf dem Stützpunkt ein geheimes Militärgefängnis existiert, in dem nachweislich auch gefoltert wird.

mare-Redakteurin Martina Wimmer recherchierte viele Monate zu der Geschichte Diego Garcias und traf einige Exilanten in London. Immer wieder klagten diese vor dem High Court, dem höchsten Gericht im Königreich, auf ihr Recht zur Rückkehr. Erfolglos. Inzwischen erneuerte die Krone die Pacht, und die USA können jetzt bis mindestens 2036 bleiben, horchen, bomben und foltern. Unbeobachtet und auf gestohlenem Boden. Wir berichten in dieser Ausgabe umfassend von diesem Skandal und vom Leben und den Hoffnungen der Vertriebenen (Seite 30).

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Nikolaus Gelpke

 

Ein erster Blick

Die mare-Galerie

Bilder, die Wellen schlagen

Ein Australier lichtet nichts als Wasser ab – aber in seiner dramatischsten Form. Sein Thema ist die betörende Gestalt der Wellen.
Von Zora del Buono und Ray Collins

Politik

Es geht um Kopf und Curry

Ein Häuflein Felsen, zusammen kaum ein Fünftel der Größe Helgolands, sind Ursache eines Streits zwischen Südkorea und Japan.
Von Dirk Liesemer

Das ist unser Land

Zwischen Sendungsauftrag, Größenwahn und Spätkolonialismus: Die skrupellose Vertreibung des Inselvolks der Chagos ist ein Tiefpunkt der politischen Ethik der USA und England.
Von Martina Wimmer und Zed Nelson

Essay: Die Macht und das Meer

Machtpolitik ist immer auch Seemachtpolitik. In mehr als zwei Jahrtausenden hat sich daran nichts geändert.
Von Harald Loch

Leben

Ein Sommer auf Süderoog

Ein junges Paar entscheidet sich gegen eine bequeme urbane Exis­tenz zugunsten der friedvollen, zuweilen aber auch ruppigen Einsamkeit auf einer Hallig – und fühlt sich reich belohnt.
Von Andrea Walter und Stefanie Silber

Überlebenskünstler

Kein bisschen anspruchslos: Pflanzen auf den Halligen brauchen besondere Qualitäten zum Leben in den salzigen Marschen.
Von Tim Schröder

Meine wilden Jahre

Wunderbare Hallig Hooge. Ein mare-Redakteur verlebte hier die schönsten Wochen seiner Jugend, aus Gründen.
Von Jan Keith

Kombüse: Ein königlicher Sugo

Kleine Insel, große Geschichte: Auf Tavolara vor Sardinien regiert Giuseppe Bertoleoni, König über Land und Küche.
Von Fabian von Poser und Alessandro Toscano

Wirtschaft

Bodentruppen

Manganknollen aus dem Meer sollten die Zukunft der Menschheit sichern. 28 Jahre nach den ersten Tests sieht das Bild anders aus.
Von Tim Schröder

Kultur

Flieger, Dichter, mensch des Meeres

Antoine de Saint-Exupéry, Schöpfer des Jahrhundertbestsellers „Der kleine Prinz“, war im Innersten viel mehr leidenschaftlicher Pilot als Schriftsteller. Auf unzähligen Flügen über Meere und Wüsten wurde er zum schreibenden Philosophen. Sein schicksalhafter Fliegertod im Mittel­meer beschäftigt seine Liebhaber bis heute.
Von Roland Düker

Der Freiheitskämpfer

Ein buddhistischer Mönch in China rettet Millionen von Meerestieren vor dem Tod im Kochtopf. Mit dem uralten Ritus rettet er zugleich die Seelen der zahllosen Spender, die sein Tun finanzieren.
Von Xifan Yang und Liz Hingley

Wissenschaft

Filmstar der Meere

Der Haifilm ist ein lukratives Geschäft mit weltweiten Verbindungen. Nicht die Tierschutzidee steht dabei im Vordergrund. Das Genre funktio­niert nach denselben Regeln, die auch in Hollywood gelten.
Von Felix Zeltner

Im Bauch des Punjab

Tief in den Bergen der Salt Range im Norden Pakistans, zu Füßen des Daches der Welt, fördern Bergleute seit Jahrhunderten das begehrte rosa Salz des Himalajas zutage. Die Arbeit ist gefährlich und unterscheidet sich in den Methoden kaum von früheren Zeiten.
Von Andrzej Rybak und Luke Duggleby

Kolumne: Notizen einer Landratte, 44.

In dieser Folge beschäftigt sich unser Kolumnist Maik Brandenburg mit Populärmusik, erklärt den Zusammenhang von Rock ’n’ Roll und Schweizer Hudigääggelern und schildert, wie die Musikkapelle der „Titanic“ wirklich endete.