mare No. 121

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

diese unfassbar perfekte Vereinigung aus Abendlicht und Decksbeleuchtung an Bord eines Schiffes auf hoher See, das leichte Vibrieren des Stahls unter den Füßen, zugleich ein leichtes Schaukeln in der Dünung und den Blick zum Horizont hin gewendet - so verbrachte ich unzählige Stunden auf Forschungsschiffen. Wenn dann in der aufkommenden Dunkelheit die Scheinwerfer der Kranwinde das schwarze Meer erhellten und das Plankton anzogen, darauf folgend die Fliegenden Fische den Tisch so bereitet vorfanden und wiederum kurze Zeit später Kalmarschwärme eben diese jagten, dann waren die Haie nicht mehr fern, die vor ihnen fliehende Tintenfische aus der Wasseroberfläche trieben. Solche Abende und Nächte an Bord waren immer perfektes Glück. Und doch begab ich mich später nie auf ein Kreuzfahrtschiff, um solches wieder zu erleben. Vielleicht liegt es daran, dass ich am Meer vor allem die Reduzierung liebe, die Konzentration der Sinne. Die Farben umhüllen einen großflächig in Blau-, Grau- und Grüntönen, die Vielfalt der Gerüche ist so gering, dass man fast nur sich selbst wahrnimmt, und jedes Geräusch ist im Einklang mit den Wellen. So ist alles Meer. Denke ich aber an Kreuzfahrt, dann denke ich an Musik und Tanz, opulente Buffets, gechlorte Pools, Stimmengewirr und viel Buntes. Dann denke ich an alles andere als ans Meer. Was Sie auf dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt darüber hinaus noch erwartet, warum die Bestsellerautorin Donna Leon solche Giganten fürchtet und was immer mehr Menschen doch auf ihnen reisen lässt, lesen Sie ab Seite 58.

Wie entstehen nationale Identitäten? Im Fall der Vereinigten Staaten von Amerika stellen sich uns diese Fragen derzeit öfter denn je. Für eine gedankliche Vertiefung und auf der Suche nach Antworten blicken wir in dieser Ausgabe bis ins Jahr 1620 zurück. Wir berichten von der Überfahrt an die Ostküste Amerikas auf der „Mayflower" bis hin zu dem Selbstverständnis der heute Millionen zählenden Nachfahren der Pilgerväter wie Hugh Hefner oder Alec Baldwin. Wir erkunden gewissermaßen den genetischen Code der weißen Amerikaner. Eine Identität, die sich dadurch wenigstens zum Teil erklärt und uns doch häufig ratlos zurücklässt. Am 10. April 1997, vor genau 20 Jahren, erschien die erste Ausgabe von mare. Aus diesem Grund widmen wir 22 Seiten dieser Ausgabe einem Rückblick auf diese zwei Jahrzehnte (Seite 86). Wir sind freudig-erstaunt, dass wir schon so lange unsere Geschichten erzählen dürfen.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke

 

Ein erster Blick

Die mare-Reportage

Sulina

Sulina am Schwarzen Meer, einst der glanzvolle Sitz der Europäischen Donaukommission, der mächtigen Schifffahrtsbehörde des längsten Flusses in Europa, ist nach ihrem Ende 1948 in einen Dornröschenschlaf gefallen.
Von Angelika Overath und Julien Pebrel

Politik

Das Schiffschromosom

Die religiösen und weltanschaulichen Werte und Ideale, die die Pilger­väter an Bord der „Mayflower“ im Gepäck hatten, bestimmen bis heute das Denken und Fühlen weißer Amerikaner.
Von Peter Haffner

Wie Amerika begann

Die Überfahrt der „Mayflower“ war ein Abenteuer mit vielen Opfern­. Mit ihrer Ankunft 1620 in Plymouth begann zwar nicht die ökonomische, aber die ideelle Kolonialisierung Nordamerikas.
Von Rüdiger Barth

Essay: Giftiger Beifang

Das „Netz“: Sowohl mit dem digitalen als auch dem analogen lässt sich gut fischen – zu eigenem wie fremdem Schaden.
Von Mathias Zschaler

Leben

Walverwandtschaften

Die Australierin Hannah Fraser träumte als Kind davon, eine Meerjungfrau zu sein. Sie fand ihr Glück als schöne Nixe im Einsatz für den Schutz von Meeresbewohnern.
Von Stefan Nink

Mit Faulgas ins Wohlbefinden

Eine Therapie, schlimmer als das Leiden: Vor 100 Jahren ver­breite­ten Australier mit einigem Erfolg, dass stundenlanges Verweilen in einem toten Wal Rheumatiker von Schmerzen befreie.
Von Holger Kreitling

Kombüse: Die Suppe des Admirals

Das „Trafalgar“ ist eine kulinarische Adresse von Rang in Fleetwood an Englands Westküste. Und Lord Nelson sein geistiger Vater.
Von Andrea Walter und Nicole Strasser

Wirtschaft

Fühl! Dich! Wohl!

Der nicht enden wollende weltweite Boom der Kreuzschifffahrt – allein 2017 sollen zehn Megacruiser vom Stapel laufen – bringt immer neue Superlative hervor. Derzeitige Weltrekordhalterin ist die „Harmo­ny of the Seas“. Eine Welt für sich auf 362 Metern.
Von Jan Keith und Alberto Bernasconi

Volldampf ins Vergnügen

Ein Hamburger Reeder erfindet 1891 die Kreuzfahrt. Er löst eine Welle aus, die nur kurz von Krieg und Krisen gebrochen wird.
Von Julia Friedrichs

Höllenschiffe

Die US-Bestsellerautorin lebte 30 Jahre in Venedig. Sie sieht die Serenissima in Gefahr – vor allem wegen der vielen Kreuzfahrtschiffe.
Von Donna Leon

Die Klugheit der Kreuzfahrer

Was ist so toll am Urlaub auf einem Megacruiser? Eine Glosse.
Von Christian Schüle

Kultur

20 Jahre mare

mare feiert 20. Geburtstag. Eine Auswahl der Bilder zweier Jahrzehnte sind ein Spiegel der Zeitläufe. Aber auch des mare-Anliegens.
Von Nikolaus Gelpke, Barbara Stauss und Karl Spurzem

Wissenschaft

Ein leuchtendes Vorbild

Der Hawaiianische Zwergtintenfisch ist ein Lieblingsobjekt aktueller Forschung. Seine clevere Symbiose mit einem Bakterium bringt die Wissen­schaftler auf eine Idee, wie sich die Kommunikation zwischen Körperzellen und Bakterien für die Medizin nutzen lässt.
Von Till Hein

Kolumne: Notizen einer Landratte, 43.

In dieser Folge wird sich unser Kolumnist Maik Brandenburg seines Alters gewahr, macht sich verdient um Förderung von Männern in Marketingzielgruppen und berichtet von seinem Versuch, der Welt zu zeigen, was Kerle sind.