mare No. 109

Aktuelles Heft

Dez 2016, No. 119

SCHWAMMTAUCHER
Und die Tiefe lockt noch immer

FRAUENINSEL
Hier regieren sie wirklich

EISBERGCOWBOYS
Die Jagd nach dem reinsten Wasser

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

damals nannte ich sie Fräulein Sidler. Anfang der siebziger Jahre suchte ich nach jedem ausgelesenen Buch ihren Rat. "Wenn dir der Roman gefallen hat, dann lies als nächstes diesen." Meine ganze Jugend über folgte ich den Empfehlungen Barbara Sidlers in der Buchhandlung Dr. Oprecht in Zürich. So kam es, dass ich mit 14 Jahren ein Buch nach dem anderen von Erich Maria Remarque verschlang. Nie wieder las ich später in seinem Werk, aber als Jugendlicher prägten mich seine eindringlichen Geschichten, sie sind als Bilder und Gedanken bis heute fest in mir verankert.

So auch die Bars oder der Hafen der portugiesischen Hauptstadt in Die Nacht von Lissabon, dem für mich stärksten seiner vier Exilromane. "Die Küste Portugals war die letzte Zuflucht geworden für die Flüchtlinge, denen Gerechtigkeit, Freiheit und Toleranz mehr bedeuteten als Heimat und Existenz. Wer von hier das gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren." Der namenlose Icherzähler muss sich die ganze Nacht hindurch die Lebensgeschichte eines Fremden anhören und erhält als Gegenleistung von diesem die ersehnten Papiere zur Passage gen Westen. Neben Bildern von verrauchten Bordellen, trinkenden Männern, Hüten in der Dunkelheit und beschwörenden Gesichtern blieb bei mir vor allem ein Gedanke haften: Das Meer stellte und stellt die letzte Hoffnung dar für Emigranten, Flüchtlingen vor Unrechtsregimen.

Ohne Meer gab es auch vor den Schergen des Dritten Reiches kaum einen sicheren Ort. Ohne Schiffspassagen hätten wahrscheinlich weder Willy Brandt, Hilde Domin, Sebastian Haffner, Max Brod oder Gottfried und Brigitte Bermann Fischer überlebt. Der Fotograf Stefan Moses porträtierte sie und viele weitere deutsche Emigranten (Seite 32), die über die See entkamen.

Wir freuten uns in der Redaktion nicht nur über die wunderbaren Porträts Joanna Nottebrocks von den Schwestern Emmi und Soschka, beide an Mukoviszidose erkrankt, sondern auch über die Ehrungen, die unser Redakteur Dimitri Ladischensky jetzt für seinen eindringlichen Text in mare No. 105, der mit dem Namen der beiden Schwestern überschrieben ist, erhielt: den Wilhelm-und-Ingeborg-Roloff-Preis der Deutschen Lungenstiftung sowie eine Auszeichnung für eine der zehn besten Reportagen des diesjährigen Hansel-Mieth-Preises.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke

Ein erster Blick

Heftinhalt

Wissenschaft

... halb sank er hin

Text: Dieter Strauss   
Goethes Leidenschaft für exotische Küsten und fremde Gewässer führt wie ein roter Faden durch sein Werk. Statt zu reisen, umgab er sich lieber mit den Lateinamerikaforschern seiner Zeit.

Alles auf Null

Text: Peter Sandmeyer   
Wo die Erde beginnt und wo sie endet, darüber herrschte jahrhundertelang Uneinigkeit. Erst 1884 wurde Ordnung im Längengrad-Chaos geschaffen. Seitdem läuft der Nullmeridian durch Greenwich.

Die Superniere

Text: Tim Schröder   
Für den Menschen kann zu viel davon tödlich sein. Nicht aber für das australische Tammar-Wallaby. Wenn das Känguru Durst hat, hüpft es an den Strand und trinkt Meerwasser.

Kultur

Strandurlaub macht sexy

Text: Larissa Kikol   
Vom fernen, idealisierten Meer der Romantik über die emanzipatorische Lebensreform bis zum heutigen Urlaubs-Selfie – seit je gelten Ozeane und Strände als Projektionsfläche unserer Sehnsüchte.

Die Monster von Nantes

Text: Martina Wimmer   Fotos: Robert Voit
Das Carrousel des mondes marins bezaubert mit seinen mechanischen Tieren eine ganze Stadt. Es ist ein Vergnügungspark der mystischen Art.

Leben

Neptuns Gärtner

Text: Ellen Scholtens   Fotos: Jan Luijk
Er sucht, schneidet und säubert. Bei jedem Wetter. Der einzige Meeresalgenschneider der Niederlande beliefert Spitzenköche. Und das nur, weil er seinen Job als Fischer verloren hat.

Im Geisterhaus

Text: Zora del Buono   Fotos: Mirjam Siefert
Südlich von Dublin steht am Strand ein altes Grandhotel, das kaum noch Gäste hat. Aber bewohnt ist das „Bray Head“ dennoch. Von Dauergästen und von Geistern.

Notizen einer Landratte, 31.

Text: Maik Brandenburg   
In dieser Folge hat unser Kolumnist Maik Brandenburg die Nase voll von Meeresgerüchen, erfindet einen neuen altehrwürdigen Beruf und erläutert uns den Zusammenhang von Ambra und Salbei.

Aye, aye, Smutje!

Text: Roland Brockmann   Fotos: Jan Windszus
Der Antrieb eines Schiffes mag im Maschinenraum bestimmt werden und der Kurs auf der Brücke. Aber in der Kombüse der „Vela“ bestimmt Michael Canag, wo es langgeht: backbord nach Europa, steuerbord auf die Philippinen, jedenfalls kulinarisch.

Politik

In aller Welt und nirgends zu Hause

Text: Peter Sandmeyer   
Adolf Hitlers mörderisches Naziregime erzwang die vieltausendfache Emigration von Deutschen. Oft gelang die Rettung vor Verfolgung nur noch durch Flucht über die Ozeane. Stefan Moses, der Nestor der deutschen Porträt­fotografie, setzte die Rückkehrer ins Bild.

Bitte nicht schiessen!

Text: Tim Schröder   
Kaum ein ziviles Schiff traute sich während des Zweiten Weltkriegs über den Atlantik. Nur Portugals stolze Kabeljauflotte fischte unbeirrt weiter. Als „Weiße Flotte“ ging sie in die Geschichte ein.

Wirtschaft

Die letzte Reise

Text: Milda Drüke   
Es ist ein lukratives Geschäft: Juwelen-Zackenbarsche werden per Frachtschiff von Indonesien nach China gebracht – lebend. Dort warten sie in den Aquarien nobler Restaurants auf ihren Tod.

Kombüse

Die Maoribulette

Text: Roy Fabian   Fotos: Lottie Hedley
Was dem Kieler seine Sprotte, sind dem Neuseeländer kleine, durchsichtige Fischlarven, die in der Pfanne kross gebraten werden: Whitebait. Die besten gibt es bei Tony und Moana Kerr am Waita River.

Blaues Telefon

Wie wird der Bau deutscher Forschungsschiffe finanziert, und wer übernimmt die Kosten für Forschungsfahrten? Woraus bestehen Manganknollen? Ist der Verzehr von Skrei vertretbar?