Teile und herrsche

Dass Moses das Meer halbieren konnte, ist bekannt. Dass aber auch die Kirche dazu imstande war, zeigte sich mit Papst Alexander VI. Das Meer ist katholisch, Gottes Wille schwebt über dem Wasser. Die Päpste, Gottes Kapitäne, navigieren die Geschicke der Welt.
Dez 2012, No. 95

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 95

GOTTES KAPITÄNE
Ohne Schiff und ohne Hafen – wie die Päpste die Meere beherrschten.

DER ROTE STERN SINKT
Chinas Werfteninflation

SIZILIANISCHES DRAMA
Fisch, Schatz und Mafia
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Der Vatikanstaat besitzt einen Bahnhof und eine Tankstelle, aber keinen Hafen. Dann und wann benutzt der Heilige Vater ein Flugzeug oder das Papamobil; der christlichen Seefahrt steht er eher fern. Doch in der Reihe der Päpste, die der Legende nach mit einem Fischer auf dem See Genezareth begann, gab es einen weitsichtigen Diplomaten, dem es gelang, allein mit seiner Unterschrift den Apostolischen Stuhl zur größten und ersten universalen Seemacht der Welt zu machen.

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Groß ist die Autorität des Heiligen Vaters als Gottes Stellvertreter auf Erden. Niemand kann ohne seine Zustimmung Kaiser werden, Könige dürfen seine Füße küssen. Mit dem Kirchenbann kann der Pontifex maximus die Könige dieser Welt in große Schwierigkeiten bringen. Sie dürfen keine Kirche mehr betreten, niemand braucht ihnen mehr Gefolgschaft zu leis­ten. Der Bannstrahl eines Papstes bedeutet den Verlust an Autorität und ewige Verdammnis. Doch hat er auch das Recht, die Welt zu verschenken?

Autir Emanuel Eckardt

Der Hamburger Autor Emanuel Eckardt, Jahrgang 1942, reist seit Jahren nach Portugal und sah sich als Autor herausgefordert, den Konflikt zwischen Spanien und Portugal unparteiisch zu betrachten. weitere Infos

Wir schreiben das Jahr 1492. Eine Zeitenwende. Kolumbus entdeckt die Neue Welt. In Spanien endet die Reconquista, „Rückeroberung"; Granada fällt nach 800 Jahren muslimischer Herrschaft an die katholischen Könige Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien. Die Inquisition in Spanien inszeniert schreckliche Judenpogrome. Und in Rom ist der Teufel los. Der Katalane Rodrigo Borgia (1431- 1503) lässt sich mit hohen Bestechungsgeldern als Alexan­der VI. zum Papst wählen. Sein Terrorpontifikat schreibt die dunkelsten Seiten der Kir­chen­geschichte. Und doch hat der Wüstling auf dem Heiligen Stuhl, dessen Existenz die Kirche am liebs­ten aus ihren Büchern tilgen möchte, wie kein anderer Papst in die Ordnung der Welt eingegriffen. Und das mit einer generösen Schenkung.

Die Entdeckung Amerikas verändert die Welt. Neue Horizonte tun sich auf, neue Länder, unermessliche Reichtümer. Wem sollen sie gehören? Für den spanischen Papst, der sein Pontifikat als gewinnorientiertes Familienunternehmen ansieht, ist das keine Frage: Spanien. Es ist sein Land, die katholischen Könige stehen hoch in seiner Gunst. Im Mai 1493 verfügt er in seiner Bulle „Inter caetera": „Kraft Unserer apostolischen Gewalt und der Autorität des Allmächtigen Gottes schenken wir Euch, den Königen von Kastilien und Leon, auf immer alle entdeckten und zu entdeckenden Inseln und Länder in Richtung nach Westen und Süden, wobei eine Linie vom Nordpol zum Südpol zu ziehen ist, welche von den Azoren und Kapverdischen Inseln hundert Meilen nach Westen und Süden verläuft, sodass alle entdeckten Inseln und Länder jenseits der Linie Euch gehören, und wir setzen Euch, Eure Erben und Nachkommen als deren Herren mit voller, freier und allseitiger Gewalt, Autorität und Jurisdiktion ein."

Nun ist es an den Spaniern, das Geschenk auszupacken. Zunächst einmal sind das die Inseln Kuba und Hispaniola, die Kolumbus auf seiner ersten Reise entdeckt hatte. Ein vielversprechender Anfang für ein Start-up-Unternehmen auf Expansionskurs. Dass dahinter ein ganzer Kontinent liegt, kann der Papst nicht ahnen. Wohl aber, dass seine Bulle einen alten Familienstreit beleben würde.

Der Coup des Kolumbus' stellt Portugal, das bisher einzige Königreich, das hoheitlich Entdeckungsfahrten betrieb, vor eine Blamage. Einmal, vor 15 Jahren, als Spanien und Portugal um die Kanaren stritten, hatte der Papst eingegriffen. Man einigte sich. Die Inseln wurden 1479 im Vertrag von Alcáçovas Kastilien zugesprochen. Dafür bekam Portugal einen Freibrief von unschätzbarem Wert: die Exklusivrechte an allen Gewässern und Ländereien südlich von Kap Bojador. Zwei Jahre später legalisierte Papst Sixtus IV. (1414-1484) in der päpstlichen Bulle „Aeterni regis" den Portugiesen allen Landgewinn südlich der Kanarischen Inseln. Eine völkerrechtliche Entscheidung von großer Tragweite, wie sich bald herausstellen sollte.

Mit der großzügigen Schenkung Papst Alexanders VI. an Spanien erwacht nun die alte Rivalität. Portugals König João II. (1455-1495) verlangt, bei allem Respekt, nach einer gerechten Teilung - Portugiesen sind auch gute und vor allem papsttreue Katholiken. Der Heilige Vater sieht Spanien ebenso wie das Königreich Portugal als Lehnsstaaten an. Warum sollte er nicht beiden die Welt zu Füßen legen? Hat Moses nicht schon das Meer geteilt?

Die Diplomaten beider Länder ringen um eine klare Trennung zwischen spani- scher und portugiesischer Einflusssphäre. Portugals Verhandlungsführer, der Geograf, Astronom und Seefahrer Duarte Pacheco Pereira, schafft es in zähen Verhandlungen, die päpstliche Linie um rund 1770 Kilometer nach Westen zu verschieben. Nun liegt sie etwa auf der Länge von 46° 37' West und verwandelt so - was noch niemand ahnt - weite Gebiete Brasiliens in portugiesischen Besitz.

Am 4. Juni 1494 wird die Teilung der Welt in zwei katholische Hemisphären beschlossen. Mit dem Vertrag von Tordesillas wird die päpstliche Bulle verbindliches Völkerrecht. Nun ist es amtlich: Zwei Könige teilen sich die Welt. Die ganze gehört dem Papst.

Der Vertrag von Tordesillas sichert Portugal nun für alle Zeiten die Kontrolle über den Seeweg nach Indien entlang der afrikanischen Küste. Dafür kann Spanien die von Kolumbus eben erst entdeckten Inseln und das vermeintliche indische Hinterland für sich beanspruchen. Dass es sich dabei um einen bisher nicht bekannten Kontinent von ungeahnter Größe handelt, hat sich noch nicht herumgesprochen.

Der Papst hat entschieden und dem internationalen Völkerrecht ein christliches Leitbild gegeben: Die Welt gehört denen, die sie erobern. Spaniens Conquistadores nehmen ihren Teil der neuen Welt in Besitz, beuten ihn aus, versklaven die Urbevölkerung und machen reiche Beute. Ein steter Strom von Gold und Silber fließt nach Europa und lässt die Pegelstände der Kirchenschätze steigen. Der Vertrag von Tordesillas erweist sich als klassisches Rechtsgeschäft zulasten Dritter. Die betroffenen Länder und die Menschen, die dort leben, hat niemand gefragt.

Durch den Federstrich des Papstes Alexander VI. werden die Portugiesen zum Weltmarktführer im Sklavenhandel. Vor allem der Küstenstreifen Angolas, den sie schon 1483 in Besitz genommen hatten, dient ihnen als Fanggebiet. Die Portugiesen betreiben Menschenhandel reinen Gewissens und mit Gottes Hilfe. Dessen Stellvertreter auf Erden, Papst Nikolaus V. (1397-1455), von der Nachwelt bewundert als gebildeter Humanist und Überwinder der Kirchenspaltung, hatte 1452 den portugiesischen König ausdrücklich ermächtigt, „die Länder der Ungläubigen zu erobern und die Einwohner zu vertreiben, zu unterwerfen und zu versklaven".

Auch der Heilige Stuhl organisiert Fangfahrten. Ihm geht es um die Seelen. Und er braucht dafür keine eigene Flotte. An Bord der Karavellen, Naos und Galeonen, die immer weiter ins Unbekannte vordringen, reisen Missionare, die darauf brennen, die frohe Botschaft des Evangeliums unter die Ungläubigen zu bringen.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 95.

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