Niger

Vier Porträts
Apr 2003, No. 37

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 37

NACKTSCHNECKE
Wehrhafter Weichling

SCHIFFSCHRAUBEN
Bronzeguss und schwarze Kunst

LORD JIM
Chronologie einer Schandtat
Hier bewerten
(7 Bewertungen)
Lansé Kanté, sieben Jahre, weiß: Es gibt Dinge, die man nicht sehen kann, und trotzdem sind sie da. Zum Beispiel das alte Krokodil. Seit 20 Jahren hat es niemand gesehen, aber alle, die in Kouroussa am Fluss wohnen, wissen, dass es da ist. Unter der rostigen Eisenbahnbrücke verbirgt es sich, sechs Meter lang, in einer tiefen Mulde des Stroms.

Anzeige




Lansés Welt im Herzen Guineas ist Geheimnis, Gefahr und Versprechen. Drei Orte markieren ihre Grenze: die Eisenbahnbrücke, ein vom Blitz gefällter Baobab und sein Zuhause. Hindurch fließt der Niger.

Autorin Judith Reker

Judith Reker, Jahrgang 1967, war von 2002 bis 2004 zuerst Volontärin, dann Redakteurin für Politik und Gesellschaft bei mare. Seither ist sie freie Autorin in Afrika, derzeit Südafrika. weitere Infos

Die Eisenbahnbrücke. Vor 60 Jahren verließ Westafrikas berühmtestes Kind, der Literat Camara Laye, über diese Brücke seinen Geburtsort Kouroussa, um in der fernen Hauptstadt aufs Gymnasium zu gehen. Heute ist die Schmalspurbahn aus dem Jahr 1914 ausrangiert, die Brücke modert, dafür gibt es ein Lycée. „Das schwarze Kind", Layes Autobiografie, ist Pflichtlektüre in Guineas Schulen. Auch Lansés geliebter 14-jähriger Cousin Damany hat einen Abschnitt daraus in einer antiquierten französischen Handschrift in sein Schulheft kopiert.

Manchmal begleitet Damany seinen Schützling auf die Brücke. Dann sitzen sie nebeneinander auf der morschen Kante, vier rissige Füße baumeln im Nichts. Hände unter Kniekehlen und bedenklich weit vorgebeugt, fixiert Lansé sogleich die Stelle, wo das Krokodil lebt. Damany übt derweil an ihm Französisch vorlesen, das der Kleine nicht versteht. Lansé möchte auch zur Schule gehen. Er ist das älteste Kind und eben ein Junge, und eine gebrauchte khakifarbene Uniform hätte er schon. Die Voraussetzungen sind gut.

Fotograf Kadir van Lohiuzen

Bevor Kadir van Lohuizen Fotograf wurde, gründete er eine Unterkunft für Obdachlose und Drogenabhängige. Seine Arbeit als professioneller Fotograf begann 1988, als er die erste Intifada fotografierte. weitere Infos

Der Fluss. Ungezählte Quellen im bergigen Regenwald zwischen Guinea und Sierra Leone sind zu einem schmalen Strom gewachsen, der die Menschen in der Ebene Oberguineas nährt. Sie pflanzen Hirse, Mais, Erdnüsse, Maniok, Reis. Lansé interessiert nur, was der Niger in sich trägt: Karpfen, Welse, Krokodile, Wasserschlangen. Als Schwimmer und Fischer durchmisst er mit seinen Freunden den Fluss, niemals jedoch schwimmen sie zu nah an die Brücke, an die Wohnung des Krokodils, heran. Obwohl es gutmütig ist, denn es steht im Bann des menschenfreundlichen Geistes Koundawodia. Aber sicher ist sicher.

Der Baobab. „Er war der Lieblingsbaum Gottes im Paradies. Eines Tages fiel er um und durch ein Himmelsloch. So rumste er in die Erde. Darum ist seine Baumkrone vergraben, und die Wurzeln zeigen nach oben." Was geschah, als der Baobab, der an Lansés Fußballplatz stand, vom Blitz getroffen wurde? „Ich glaube, Gott wollte ihn sich wiederholen, aber er war nicht stark genug." Gott hat den halb ausgerissenen Baum leider mitten in den Bolzplatz fallen lassen. Lansé und seine Freunde, in kurzen staubigen Hosen und mit den knubbeligen Knien wachsender Kinder, üben jetzt mehr Dribbeln und anderen Ballzauber.

Der Fluss. Die beste Zeit für Lansé, das Innere des Niger zu erkunden, ist nach dem großen Regen. Dann verjüngt sich der ausufernde Strom zu einem kristallenen Band von 30 Metern und fließt kaum merklich unter einer Oberfläche wie gespanntes Seidentuch. Wenn der Harmattan im Dezember einsetzt, ist es vorbei: Der Nordostpassat füllt Augen, Ohren, Nasen, und auch den Fluss, mit dem Sand der Sahara und macht ihn für forschende Kinderblicke undurchdringbar.

Zu Hause. In einem der weißen, strohgedeckten Rundhäuser aus Lehm oder im kieselbedeckten Hof findet man Lansé nur zum Essen, Schlafen und wenn er helfen muss, etwa Reis stampfen oder Wasser holen. Und zur Dämmerung, wenn das Klopfen der Schmiede verklingt und es Zeit für Geschichten ist. Dann sitzen die Alten vorm Haus und erzählen. Von den Taten des Urgroßvaters, der von allen der mutigste Fischer war, von den Geistern Koundawodia und Koukobamene, die um die Vorherrschaft am Fluss kämpften. Dann zupft und zappelt das Kind noch eine Weile, aber bald bewegen sich nur mehr die dunklen Knopfaugen zwischen den Erzählenden und einem Punkt in der Unendlichkeit hin und her.

Lansé Kanté, sieben Jahre, weiß genau: Der Fluss wird ihn einmal forttragen. Ganz weit fort, bis Sando. Das ist eine Sandbank zehn Kilometer flussabwärts, wo Fischer in der Trockensaison ihre Zelte aufschlagen. Was er sein wird, wenn er groß ist? Wie der Vater ein Fischer und wie der Urgroßvater ein Held.

Lohn

Mariam Karabinta, 19 Jahre, Fischerfrau im Babyurlaub, hat herrliche Füße. Mit Henna hat sie ihre Fußsohlen schwarz gefärbt und die Spitze der Zehen. Auf den Nägeln blättert der Glanz von rosa Lack. Für das Fest heute Abend wird sie eine neue Schicht auftragen.

Sengende Mittagsluft dehnt die Gemäuer am Rand Kirangos, 300 Kilometer flussabwärts von Malis Hauptstadt Bamako. Mariam sitzt auf einem niedrigen Schemel im Schatten des Hofs und stupst ihren kleinen Finger in die Wange des 22 Tage alten Kindes auf ihrem Schoß, bis es gluckst. Eine schläfrige Sinnlichkeit liegt in ihren Bewegungen, in ihrer weichen, tanzenden Stimme, die sie sparsam gebraucht.

15 war Mariam, als sie den 19 Jahre älteren Adama heiratete. Sie war bei einer Tante in einer anderen Stadt, wegen eines Todesfalls, als ein Brief des Bruders sie erreichte. Jemand las ihr vor: „Unser geschiedener Nachbar Adama hat um deine Hand angehalten. Er ist ein guter Mann, er kann dich ernähren, er ist ein guter Muslim, sein Bruder ist ein Marabut." Sie antwortete: „Wenn du glaubst, dass er der Richtige ist, sage ich ja."

Seither wohnt sie in dem Gehöft mit Adama, seinen vier Brüdern und deren Mutter. Und deren Frauen und Kindern. Dass jeder der Brüder nur eine Frau hat, ist Zufall, nicht Überzeugung; alle Männer bestätigen Adamas Worte: „Bei uns sagt man, ein Mann mit nur einer Frau ist ein halber Junggeselle." Die anwesenden Frauen machen Pokergesichter und sagen gar nichts. Zwei Kinder haben Mariam und Adama. Ein drittes ist an Malaria gestorben. Drei Tage lang hat es sich erbrochen und war fiebrig, dann war es tot. Das war vor einem Jahr. Eines von zehn Kindern in Mali stirbt vor dem fünften Lebensjahr, die meisten an Malaria.

Getupfte Küken rasen in Formationen über den Sand. Im offenen Stall wächst ein Ziegenbock seiner Schlachtung zum islamischen Opferfest entgegen. Eine Schwägerin rührt im Hirsebrei, eine Nichte schabt ein paar Tilapia-Fischen die klebrig-silbernen Schuppen vom Leib. Der Aufprall eines Holzpflocks in einer mit Reis gefüllten Kalebasse hallt zwischen den Mauern wider. Inmitten der Betriebsamkeit des Hoflebens bewegt sich Mariam in einem eigenen Takt, Privileg der Wöchnerin.

40 Tage nach ihrer Entbindung müssen Frauen keine schwere Arbeit verrichten, so lautet das Gesetz des Fischervolks der Bozo, die entlang den Ufern des Niger in Mali leben. 40 Tage lang wird Mariam nicht, zusammen mit anderen Frauen, einen Esel samt Karren in ein Holzboot wuchten, den Fluss überqueren und Brennholz sammeln gehen. 40 Tage lang wird sie nicht in der Kälte des Tagesanbruchs hinunter zum Ufer laufen. Sie wird nicht dastehen und das Auftauchen der Pirogen aus dem faserigen Nebel am fernen Ufer beobachten. Sie wird nicht zwischen trocknenden Sardinen stehen, wenn ihr Mann Adama im Armeeparka, Kapuze tief im Gesicht, vom Boot springt, unterm Arm nur den Gebetsteppich, der in der Nacht zur Schlafmatte wird. Sie wird nicht gleich darauf zu den Märkten der Umgebung fahren, im Bus oder Boot, um bis zum Einbruch der Dunkelheit Fisch zu verkaufen und Reis. 40 Tage lang wird sie keine Wäsche waschen, kein Wasser holen, keine Hirse stampfen. Ihre Schwägerinnen übernehmen ihre Arbeit.

Unter wolkenlosem Mittagshimmel jault eine Spielhöllenmelodie. Immer, wenn der Abzug einer schillernden Plastikpistole gedrückt wird. Die Pistole baumelt am Finger einer zierlichen Dreijährigen mit offenem Haar. Starr steht sie in der Mitte des Hofs. Im feinen Kleid mit weißer Spitze steht sie da, nur hin und wieder schleppt sie sich einige Schritte, ohne Richtung, Schritte so klein, als wären ihre Füße in Ketten gebunden.
Textauszug. Den gesamten Beitrag lesen Sie in mare No. 37.

Hier bewerten
(7 Bewertungen)