Hier ist Endstation

Fast vierzig Jahre waren sie auf den Verkehrsadern New Yorks in Dauerbewegung. Auf dem Grund des Atlantischen Ozeans werden alte U-Bahn-Waggons zur ewigen Ruhe gebettet – als künstliche Riffe für die Meeresbewohner.
Dez 2011, No. 89

Weltkarte

Inhalt mare No. 89

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Dort unten, wo sie liegen, ist es still und kühl. Keiner, der dort wohnt, kennt ihre Namen: R26, R28, R29, R32, R33, R36. Mehr als 2500 ausgemusterte Wagen der New Yorker U-Bahn sind auf dem Meeresboden zur ewigen Ruhe gebettet, an der Ostküste des amerikanischen Kontinents entlang, vor Delaware, New Jersey, North Carolina, Georgia und Virginia. Entkernt und fensterlos sanken sie hinab, die Schwerstarbeiter der mobilen Welt, um auf dem neuen Grund, wo sie nun für immer stehen, einer anderen Population zu dienen.

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Je nach Bauart 15 bis 20 Meter lang, drei Meter breit und 3,70 Meter hoch, sind sie „Luxusapartments für Fische", wie Jeff Tinsman, Vorsteher der Umweltbehörde in Delaware, der das alles mit eingefädelt hat, sagt. Eine „Win-win-Situation" schrieb die „New York Times" im Mai 2011 über die ungewöhnliche Maßnahme. Die alten Wagen, die jetzt künstliche Riffe sind, enthalten Asbest, das ist an Land schwer zu entsorgen, im Wasser aber, so die staatliche Environmental Protection Agency, unbedenklich. Für die U-Bahn-Betreiber ist es daher eine wesentlich kostengünstigere Variante, den gut 40 Jahre alten Schrott loszuwerden. Und die Meeresbewohner nehmen die Behausung wohlwollend an, Muscheln und Aus­tern brauchen festen Untergrund, um zu gedeihen. Seit 2001 läuft das Projekt, bis heute beobachtet man einen 400-fachen Zuwachs an Biomasse, sagt Tinsman.
Entkernte U-Bahn-Waggons werden vor der Küste von Delaware versenkt.
Entkernte U-Bahn-Waggons werden vor der Küste von Delaware versenkt.
Auf dem Hof der Metropolitan Transport Authority werden die Waggons zum
Verschiffen aufgereiht.
Die letzte Fahrt: Mehr als 2500 U-Bahn-Waggons wurden zwischen den Jahren 2001 und 2010 im Atlantik versenkt.

Autorin Martina Wimmer

mare-Redakteurin Martina Wimmer lebte vor 15 Jahren für einige Zeit in New York. Nie wieder hat sie in einem öffentlichen Verkehrsmittel so viele schöne Komplimente gehört wie damals. weitere Infos

Mythen aus Stahl werden zur Speisekammer der Fische. Als die R32 am 9. September 1964 erstmals in die Grand Central Station einfuhr, spielte eine 20-köpfige Kapelle in Uniform auf. Die Baureihe war die erste, deren Außenhaut aus rostfreiem Stahl bestand, ein Klassiker, horizontal geriffelt, strahlend silbern, die New Yorker nannten sie „Brightliner".

Das Frontwagenpaar der damaligen Jungfernfahrt steht im New Yorker Verkehrsmuseum, zwei andere auf einem Flughafen in Brooklyn, um Polizeieinsätze bei Terrorgefahr in der U-Bahn zu üben. Ein paar hundert davon liegen im Meer. Andere dort unten tragen einen Teil der Geschichte der Stadt, der sie jahrzehntelang zu Diensten waren, als Attribut im Namen. „World's Fair" heißen einige Wagen aus der Baureihe 36, konstruiert von 1963 bis 1964 von der St. Louis Car Company, um auf der Linie 7 die Menschen zur Weltausstellung nach Flushing Meadows in Queens zu fahren, wo sich ein fortschrittsgläubiges und zukunftsfrohes Amerika 51 Millionen Besuchern unter dem Motto „Peace Through Understanding" präsentierte, wenige Monate bevor der Krieg in Vietnam eskalierte.

Fotograf Stephen Mallon

Stephen Mallon lebt als Industriefotograf in New York. Bekannt wurde er 2009 mit einer Fotoserie von der Notlandung eines Airbus der US Air auf dem Hudson. weitere Infos

Gut 1000 Waggons am Meeresgrund leuchten in Zinnoberrot, die „Redbirds", benannt nach der grafittiresistenten Farbe, die ihnen in den frühen 1980ern aufgetragen wurde - Anfang vom Ende einer Zeit, in der die Stadt ihre wilde Anarchie nicht nur auf U-Bahn-Waggons auslebte.

New Yorks U-Bahn-Netz ist das längste Nordamerikas und zugleich eines der größten und ältesten der Welt. Mehr als 6400 Waggons sind täglich im Einsatz, 1,6 Milliarden Passagiere wurden damit 2010 transportiert. Wer einmal in dieser Stadt war, wird die Subway als Reiseerinnerung mit nach Hause nehmen, den Geruch, das Gerappel, das Quietschen und Kreischen der Bremsen, wenn sie in eine der 468 Stationen einfährt. Der Lärm, den sie dabei verursacht, liegt über den von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Grenzwerten, aber wer fährt schon nach New York City, um gesund zu werden?

Eher schon wegen der Bilder der vielen Filme, die die Stadt erzählen. Kaum einer davon kommt ohne die U-Bahn als Darsteller aus - neben Gene Hackman, der als Bulle in „French Connection" dem Drogendealer im Zug nachstellt, neben John Travolta alias Tony Manero, den in „Saturday Night Fever" eine Nachtfahrt zur Vernunft bringt, neben King Kong, der wütend mit Waggons um sich wirft, oder neben den „Warriors" auf ihrer Odyssee durch die Stadt. „The Taking of Pelham 123", der Klassiker aller NYC-Subway-Filme, in dem Walter Matthau in Geiselhaft genommene U-Bahn-Passagiere in nervenzehrenden 104 Minuten befreien muss, wurde vor zwei Jahren neu verfilmt; dieses Mal fährt Travolta als Terrorist mit, Denzel Washington spielt den Retter. Die Stadt, wissend um die Macht der Bilder, unterhält eine eigene Abteilung, um die Anfragen und Wünsche der Film- und TV-Produktionen erfüllen zu können.

Wer das alte Stöhnen und Ächzen der „Brightliners" am Originalschauplatz erleben will, hat noch ein paar Jahre Zeit. 200 davon sollen bis 2017 im Einsatz bleiben, auf der C-Linie von Washington Heights bis Brooklyn. Falls sie danach ebenfalls im Meer versenkt werden sollten, werden sie ein zweites Mal die Letzten ihrer Art sein. Das Programm wurde 2010 gestoppt, aus Mangel an geeignetem Material. Jüngere Waggons, die aufs Abstellgleis fahren, sind mit zu viel Kunststoff verarbeitet, das macht die Entkernung zu teuer.
Als Nächstes, heißt es, wird vor der Ostküste ein ausgemusterter Zerstörer der US Navy versenkt.

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