mare No. 80

Aktuelles Heft

Apr 2017, No. 121

der geist der "mayflower"
Von den Pilgrims zu Trump

abrakadaver
Wie tote Wale Rheuma wegzaubern

große meerjungfrau
Weltkarriere eines Unterwassermodels

Weltkarte

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Meer war zwei Mal schneller. Ich segelte 1987 mit ein paar Franzosen im herbstlichen Wattenmeer der Bretagne. Beim ersten Mal kreuzten wir zu langsam und genau vor unseren Augen schlossen sich die Schleusentore eines Hafens. Dieser wird beim Höchststand der Flut so gesichert, dass die Schiffe während der Ebbe nicht trocken fallen. Wir aber waren draußen und segelten müde weiter, auf durch den kalten, dunklen Nieselregen. Der nächste war ein offener Hafen. Wir ankerten im tiefen Wasser des weiten Beckens. Mit dem Beiboot ruderten wir an Land und entspannten bei einigen Gläsern Bier. Erst nach drei, vier Stunden kehrten wir zur Hafenmole zurück. Unser Beiboot, das wir zuvor daran festgemacht hatten, schwamm nicht mehr, es hing von der Mauer. Denn der Meeresspiegel war inzwischen um etliche Meter gefallen. Die Ruder und Rettungswesten trieben im ruhigen Wasser des Hafenbeckens. Auch der kleine Draggenanker war herausgefallen, aber gesunken. Nur ein allerletztes Zipfelchen der Ankerleine hatte sich um eines der treibenden Ruder gelegt. Der Skipper hatte inzwischen ziemlich schlechte Laune, da er offensichtlich wieder die Tide nicht bedacht hatte. Das lächerlich hängende Boot und seine Laune erheiterten mich zusehends. Und als er sich dann in dem befreiten Beiboot, mit den Händen paddelnd, ganz, ganz vorsichtig und hochkonzentriert dem Ruder mit der zu versinken drohenden Restleine näherte, konnten auch die anderen nicht mehr und mussten Tränen lachen. Alles wurde gerettet, nur der Skipper redete mit uns den ganzen Abend kein Wort mehr. - Das Meer ist schnell im Watt. Manchmal zu schnell. Und trotzdem lieben wir es. Warum? Das lesen Sie ab Seite 46.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke

 

Ein Blick ins Heft

Artikel in Auszügen

Leben

Barfuss bis zum Horizont

Nicht Land, nicht Meer und erst bei genauerer Betrachtung ein faszinierendes Habitat für unzählige Lebewesen. Das Wattenmeer ist die berühmteste deutsche Naturlandschaft – aber es ist keineswegs einzigartig.
Von Ute Eberle

Der Tod der Muschelsammler

Im Dezember 2004 starben 23 Chinesen im Watt der englischen Nordseeküste. In der Tragödie von Morecambe Bay gipfelt die grausame Ausbeutung von Arbeitsmigranten.
Von Hsiao-Hung Pai

Wirtschaft

"Wir holen das Meer an Land"

Sind Meeresalgen Treibstofflieferanten der Zukunft? Energie­konzerne investieren derzeit massiv in die Erforschung der Einzeller.
Von Jonas Viering

Strandvolks Begehren

Jeden Sommer strömen die Ukrainer in das Strandbad Kirillowka am Schwarzen Meer. In ihrem Gefolge ein Heer von Händlern, Dienstleistern und Glücksuchern, die auf gute Geschäfte hoffen.
Wiktor Jerofejew und Oksana Juschko

Kultur

Tanger – Der Himmel der genialen Lumpen

Für zwei Jahrzehnte war die marokkanische Hafenstadt ein zentraler Ort der Inspiration der libertinären literarischen Bohème.
Von Alfred Hackensberger

"Wer sich nicht beugt, geht zugrunde"

Vor sieben Jahren zog es den Künstler und Weltenwanderer Günther Uecker in eine Strandhütte seiner mecklenburgischen Heimat zurück. Nun droht dem Refugium der Abriss. Ein Gespräch über die Kunst, das Leben und das Wesenhafte des Meeres.
Von Claudine Engeser

Wissenschaft

Die Stunde des Lichts

Text: Tim Schröder   Fotos: James Pomerantz
Die Kalksteinhöhlen der mexikanischen Halbinsel Yucatán, in Jahrmillionen geformt von Meer- und Regenwasser, waren einst Kultstätten der Maya. Heute sind sie ein bewundertes Naturdenkmal voller Rätsel. Einmal am Tag bricht die Sonne durch Löcher in die Gewölbedecken und bringt ein wenig Helle in diese Unterwelt. Das ist die Zeit der Forschungstaucher und mutigen Urlauber.

Barfuß bis zum Horizont

Text: Ute Eberle   
Es ist grau, es ist platt, doch wer es betritt, findet es niemals öde. Mit jeder Flut und jeder Ebbe verwandelt sich das Wattenmeer aufs Neue, mal kaum merklich, mal extrem. Eine Reise zu den faszinierendsten Schlicklandschaften unserer Erde.

Netzwerker

Text: Tillmann Prüfer   
Hamburgs Hafencity lebt, und wie. Bloß nicht so, wie Stadtplaner sich das vorgestellt haben. Millionen unliebsamer Hausbesetzer bevölkern das neue Nobelviertel. Also nichts wie weg?

Kultur

Der Himmel der genialen Lumpen

Text: Alfred Hackensberger   
Zwei Wilde Dekaden lang war Marokkos Hafenstadt Tanger der Salon für Literaten, Freaks und Taugenichtse.

Strandvolks Begehren

Text: Viktor Jerofejew   Fotos: Oksana Juschko
Kirillowka am Schwarzen Meer ist ein Ferienparadies für sonnenhungrige Ukrainer. Jeden Sommer kommen sie in Scharen angefahren. Mit ihnen reisen aus dem ganzen Land auch die Händler an. Verkauft wird alles - Obst, Gemüse, Schnaps, Fisch, Sex und manchmal auch die eigene Seele.

„Wer sich nicht beugt, geht zugrunde"

Text: Claudine Engeser   
Der Künstler Günther Uecker hat sich am Ort seiner Kindheit nahe dem Ostseestrand eine Hütte gebaut, die bald abgerissen wird. Ein intimes Gespräch über Leben, Kunst und Erotik des Meeres.

Leben

Verloren zwischen Ebbe und Flut

Text: Jan Keith   Fotos: Heike Ollertz
Eingeschlossen von der auflaufenden Nordsee - Wattführer Johann Franzen erlebte mit seiner Wandergruppe einen Horrortrip, trotz 25 Jahre Berufserfahrung.

Notizen einer Landratte, 3.

Text: Maik Brandenburg   Fotos: Pascal Cloëtta
In dieser Folge erklärt unser Kolumnist Maik Brandenburg, wie man am besten mit eingebildeten Schiffen umgeht, und kritisiert das Verhältnis von Kreuzfahrtschiffen zur Kosmetikbranche.

„Immer schön Schiss haben"

Text: Peter Sandmeyer   
In den Barren, Gatten und Prielen des Wattenmeers braucht es Geduld und Demut. Die flachen Wasser sind eine wahre Prüfung für Berufs- wie Sportschiffer.

Tee, Macht, Freiheit

Text: Emanuel Eckardt   
Aus Protest gegen die Steuerpolitik des britischen Mutterlands kippen Amerikas Kolonisten am 16. Dezember 1773 Teekisten in den Hafen von Boston. Was mit der „Boston Tea Party" beginnt, endet in der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Politik

Schwimmen im Lichtmeer

Text: Natascha Adamowsky   
Die Geschichte erscheint uns als Triumph der menschlichen Ratio über die Natur. Doch nirgends ist der Mensch wundergläubiger als im Kampf mit den Elementen Wasser und Luft.

Als die Welt das Licht erblickte

Text: Till Hein   
Trojas Fall, die Oktoberrevolution, die Emanzipation der Frau - Fackeln, Feuer und Leuchttürme haben seit je den Gang der Geschichte bestimmt. Bei Licht betrachtet jedenfalls.

Wirtschaft

Die Olsenbande

Text: Brigitte Kramer   Fotos: Heike Ollertz
Ein Norwegischer Reederclan herrscht seit über 100 Jahren über die Kanareninsel La Gomera. Jetzt wollen die Bewohner ihre Zukunft selbst bestimmen.

"Wir holen das Meer an Land"

Text: Jonas Viering   
Algen produzieren Öl - und könnten die Spritlieferanten der Zukunft sein. Das glauben Energiekonzerne und Airlines und investieren Millionen in die Erforschung der marinen Gewächse. Lohnt sich das?

Kombüse

Der Spatz von der Atlantic Avenue

Text: Michael Saur   Fotos: Bernd Obermann
Jeden Tag kommt die 84-jährige Pilar Montero in ihr „Montero's", die älteste Seemannskneipe in Brooklyn, und schwelgt sich zurück in New Yorks große Hafenzeit.

Blaues Telefon

Warum stranden immer wieder so viele Wale an bestimmten Orten in Neuseeland? Wie lassen sich große Schiffe vor Piratenangriffen schützen? Wie lassen sich die Wassertemperaturen anhand von Sauerstoffatomen abschätzen? Wie konnte es zur Havarie der „Shen Neng 1" im Großen Barriereriff kommen?