Saras Fest

Aus allen Himmelsrichtungen pilgern Tausende Roma jeden Mai in ein kleines Städtchen der französischen Camargue. Sie feiern die heilige Sara, ihre Schutzpatronin. Und sich selbst.
Okt 2003, No. 40

Weltkarte

Inhalt mare No. 40

LICHTGESTALTEN
List und Lust am Meer

EISMANN
Ein Kapitän in der Arktis

WALE
Tödlicher Lärm der US-Navy
Hier bewerten
(7 Bewertungen)
Wenn Sara aus dem Grabgewölbe heraufkommt, dann wechseln Aggregatzustände. Dann lösen Menschen sich in Tränen auf, und Hoffnungen werden zu Stoff. Dann ist der 24. Mai in Saintes-Maries-de-la-mer.

Anzeige




Die Augen der Gläubigen in der Wallfahrtskirche sind auf Sara gerichtet, die Schutzpatronin der Roma. Niemand achtet auf Zézé Baptiste und drei weitere Männer in schlichten weißen Kutten. Ihre Füße tasten sich Stufe für Stufe nach oben, auf den Schultern heben sie Sara aus der Krypta hinauf in den Kirchenchor. Schweißtropfen sammeln sich in den Poren von Zézés Gesicht, das wie mit Graupeln beworfen aussieht. Unter buschigen Augenbrauen verbirgt der 62-Jährige einen heftigen Schmerz in seiner Schulter. Doch das Tragen anderen zu überlassen: undenkbar. Seit er 17 ist, schultert er die Statue. Vor ihm sein Vater, davor dessen Vater. Seit im Jahr 1935 Roma zum ersten Mal erlaubt wurde, den Kirchenchor zu betreten, trägt Familie Baptiste an jedem 24. Mai die heilige Sara hinauf und von dort in einer feierlichen Prozession zum Meer.
Mit Sara und Zézé Baptiste steigt auch der Geruch Tausender geschmolzener Kerzen aus dem Grabgewölbe. Er schiebt die Luft zum Atmen beiseite, treibt sich stechend in Lungen und Gemüter. Was nicht Holz ist oder Stein, ist Bewegung. Kerzenlicht tanzt über Haaren und Tüchern. Tränen fließen. Leiber drängen zu der Statue. Schmal wie eine Mädchenhand ist ihr schwarzes Gesicht, sie misst höchstens einen Meter fünfzig. Arme, Hände, Fingerspitzen strecken sich zu ihr hin. Kinder werden aus der Menge gehoben, schweben vor Saras Kopf, pressen andächtig ihre offenen Lippen auf das dunkle Holz. Einzelne Gestalten treten hervor. In den Händen halten sie Mäntelchen, in die sie ihre Gebete gewebt haben. Sie legen sie behutsam um die Schultern der Statue. Himmelblaues Polyester, goldgewirkter Puppenstoff, spiegelnde Pailletten auf rotem Tüll. Immerfort schichten sie Mantel auf Mantel, bis der kleine Kopf in Farben und Texturen versinkt. Der Königin neue Kleider sind die Hoffnungen der Roma.

Autorin Judith Reker

Judith Reker, Jahrgang 1967, hat sich nach der Rückkehr aus Saintes-Maries-de-la-mer mit Elan in einer Flamenco-Schule angemeldet. Zwei Tanzstunden später hat sie sich wieder abgemeldet - zu wenig Tanz, zu viel Selbsterfahrung. Zuletzt erschienen in mare No. 37 ihre Porträts von Menschen am westafrikanischen Fluss Niger. weitere Infos

Nachdem der Bischof von Aix-en-Provence eine Messe gehalten hat, schreitet er mit der Gravität des katholischen Zeremoniells hinaus ins helle Licht des Nachmittags.

Im Mai gehört der Kirchplatz den Gläubigen, aber auch denen, die für die Musik nach Saintes-Maries gepilgert sind. Nachts werfen geschulterte Gitarren bizarre Schatten an die Häuserwände. Einander unbekannte Musiker treffen sich, spielen gemeinsam, gehen auseinander. Heranwachsende stehen an der Kirchenmauer, sitzen auf den Lehnen von Bänken und spielen Flamenco. Interesse haben sie nur an anderen Musikern. Respekt nur vor denen, die gut sind im Spiel.

Nicht vor dem weißhaarigen Alten mit scharfen Gesichtszügen und Siegelringen an jedem Finger. Er hat keine Gitarre und blickt geringschätzig. Sie erkennen ihn nicht, vielleicht kennen sie ihn nicht einmal. Manitas de Plata, "Silberhändchen", trägt in seiner Jackentasche einen vergilbten Zeitungsausschnitt. Er zeigt ihn mit Picasso, wie er seine Gitarre bemalt, mit der englischen Königin, Salvador Dalí, Brigitte Bardot. Manitas war der virtuose Star des französischen "Cante Flamenco" der Siebziger. Er spielte in der New Yorker Carnegie Hall und fuhr mit einem sechs Meter langen Chevrolet-Cabrio durch die Straßen von Saintes-Maries. Heute haben die Finger ihre Geschmeidigkeit verloren, der alte Mann lebt allein in seinen Erinnerungen.

Eine Band rumänischer Roma, acht Männer mit schwarzen Hüten, spielt ungarische Weisen und Django-Reinhardt-Jazz. Mit einem Akkordeon der Marke "Weltmeister", Kontrabass, Geigen, Klarinette, Balalaika und Gitarre. Kreuz und quer läuft ein andalusischer Gitarrist, sein neunjähriger Sohn folgt wie ein Küken. Hierhin schaut das Kind, dort entdeckt es etwas, aber es bleibt immer dem Vater nah. Nach ein paar Balladen in einem Café, mit rauem Bass intoniert, sammelt der Junge in einem breitkrempigen Hut das Geld.

Fotograf Nigel Dickinson

Nigel Dickinson, Jahrgang 1959, betrachtet die Wallfahrt von Saintes-Maries als Lebensprojekt. Seit zehn Jahren fotografiert er sie. In diesem Jahr ist sein Buch darüber erschienen, "Sara. Le pèlerinage des gitans", bei Actes Sud. Dickinson fotografiert für renommierte Zeitungen und Magazine, unter anderen "Geo" und "Stern". weitere Infos

Vom Rand des Kirchplatzes verfolgt Mace Taxco, wie der Bischof und die Gläubigen aus der Wallfahrtskirche treten. Mit schwarzem Barett auf pechschwarzem Haar, einem Gesicht wie gemeißelt und seinem hohen Wuchs ragt er aus der Menge der Schaulustigen. Für einen Platz in der Kirche kam er zu spät, und so wartet er zwischen dem Absperrgitter und einem Waffelstand darauf, dass die Prozession beginnt. Von den 10000 Roma, die aus Europa und darüber hinaus gekommen sind, hat Mace vielleicht den längsten Weg zurückgelegt, um Sara zu sehen. 6000 Meilen und 37 Jahre weit ist er gereist. Aus Mexico City und seiner Jugend. Als er 17 war, hielten seine mexikanisch-amerikanischen Adoptiveltern die Zeit für gekommen, dass er "die Wahrheit" erführe: Er sei das Kind mexikanischer Roma, ein "gitano". Seither spürt er dieser Wahrheit nach, was es heißt, ein Rom zu sein.

Die Legende von der schwarzen Sara hat er noch im selben Jahr erfahren, eine Geschichte, die Roma in der christlichen Welt von Generation zu Generation tragen. Sara, erzählen sie sich, war eine hochrangige Frau, eine "Königin des Ortes", wie ein Volkslied sagt. Vor allem war sie eine von ihnen. Zu ihrer Lebzeit wurden auf der anderen Seite des Mittelmeers die ersten Christen verfolgt. Eine Gruppe flüchtete sich in einer Barke ohne Steuer, ohne Segel aufs offene Meer. Zu den Flüchtlingen gehörten Maria Jakobea und Maria Salomea, die Saintes-Maries den Namen gaben.

Trotz Stürmen und tobender See erreichten sie das andere Ufer, die Küste der Camargue. Die Dame Sara stieg ins Wasser, nahm die erschöpften Frauen aus dem Boot und den Glauben an Gott und seinen Sohn an. So, heißt es, kam das Christentum in die Gegend.

Inzwischen haben sich die Pilger auf dem Kirchplatz gesammelt. Acht Schimmel führen den Zug an. Auf ihren Rücken Rinderhirten, schwitzende Reiter in schwarzem Kord. In der Rechten trägt jeder einen langen hölzernen Stab, der in einem Dreizack endet. Die harten breiten Hufe der Camargue-Pferde, wie geschaffen für die schlüpfrigen Sümpfe der Region, beginnen durch die Gassen des Städtchens zu klappern.

Seit Mace Taxco von Sara gehört hat, zieht es ihn nach Saintes-Maries. Er hat lange auf die Reise gespart. In jungen Jahren als Seemann, heute als Butler eines reichen Ehepaars an der amerikanischen Westküste. Es gehört zu seinem Beruf, Gefühle für sich zu behalten. Aber als der Mexikaner sich in die Prozession einreiht, zu deren Eröffnung er nach 37 Jahren Warten zu spät kam, weint er.
Textauszug

Hier bewerten
(7 Bewertungen)