Die Hüter des Nichts

Die Miskitos, Indianer Nicaraguas, sind die Ärmsten in einem armen Land. Die Männer verschleißen sich beim Tauchen nach Langusten, die Frauen verkaufen den Fang und hüten das Dorf, in dem es nichts zu holen gibt. Die Ankunft kolumbianischer Drogenkuriere hebt ihre Welt aus den Angeln.
Apr 2004, No. 43

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 43

DER MIDAS DER MEERE
Tankerkönig Onassis

ANWÄRTS
Die Tiefseetaucher der Ölkonzerne

HAIFISCHBAR
Attacke auf den Zeitgeist
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Li Daukra bedeutet „Die vom Wasser Umschlossene" und ist eine von zehn Gemeinden der Miskito-Indianer in Sandy Bay, nur wenige Bootsstunden von der Grenze nach Honduras entfernt. Eine schlangenförmige Zufahrt durch die Mangroven verbindet die 6000 Miskitos von Sandy Bay mit dem Meer, mit Li Tijo, dem „tiefen Wasser". Eine Lebensader, denn „wer nicht im Meer arbeitet, hat nichts zu essen", sagt Rosalina Colly.

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Dieses Nichts von Li Daukra spürt man schon am Morgen. Hahnenschrei begrüßt das Grauen, kreischende María mulatas unterstützen den Vogelsang hoch von den Palmen und wecken schlafende Hunde. Kühe und Pferde laufen frei über die Wiesen zwischen den Hütten, recken sich nach herabhängenden Spitzen der Palmwedel.
Pause zwischen zwei Tauchgängen. Zeit zum Luftholen, ehe es wieder bis zu 40 Meter hinabgeht.
Cayucos nennen die Miskitos ihre Kanus, in denen sie zum Langustentauchen und Garnelenfang ausfahren.
Ella. Sie ist eine der erfahrensten
Fischerinnen. Verschmitzter Humor hilft
ihr u?ber die Härten des Alltags.
Die Miskito bauen ihre Häuser auf Pfählen, um in der Regenzeit nicht fortgespühlt zu werden.
Die Menschen in den sechs Dutzend Häusern schieben allmählich die Mückennetze beiseite. Dann greifen sie nach einem Krug Wasser und gehen hinaus auf die Veranda. Eine alte Frau setzt sich auf die Stufen und kämmt sich mit geschlossenen Augen und zartem Lächeln das graue Haar. Ein Fischer trägt ein Benzinfass auf seinen Schultern zur Lagune, wo sein Boot liegt. Bald öffnet die tienda, und Kinder laufen mit einer Schale los, für ein Pfund Bohnen, zwei Eier und natürlich einen boli. Frauen holen Wasser aus dem Brunnen, während ein paar Männer unter einem gewaltigen Mangobaum palavern. Eine Besprechung des Nichts.

Autor Peter Korneffel

Die Miskitos hielten Autor Peter Korneffel, Jahrgang 1962, zunächst für einen Drogenfahnder. Dann fragte ihn jemand: „Sie sind also, verzeihen Sie das Wort, ein Journalist?" Erst als sich der Reporter zu Schildkrötenfleisch bekannte, zeigten ihm die Miskitos ihre Lagune und ihr Leben. weitere Infos

Lobster und Taucher

Die Miskito-Indianer zählen zu den besten Freitauchern der Welt. „Du tauchst auf, machst eine kurze Pause und gehst wieder runter." Roddnie sucht seine Machete. Mit besorgtem Blick schaut er auf die Veranda gegenüber. Dort lässt sich sein Schwiegersohn José Elias müde auf einen Stuhl sacken. Der alte Roddnie ist eigentlich keiner, der sich die Sorgen anderer Leute macht. Aber auch seine Söhne kommen immer wieder krank vom Tauchen zurück. „Sie gehen 40 bis 50 Meter runter. Zwölf Tage nichts als tauchen! Mann, dieser Druck zerquetscht einen."

Fast alle Familien von Sandy Bay stellen Langustentaucher. Sie fangen mit Reusen oder tauchen frei, aber die meisten der 3500 Miskito-Taucher vor der nicaraguanischen Atlantikküste gehen mit Aluminiumtanks aus den frühen achtziger Jahren hinunter.

Mit erschütternden Folgen: Fast alle Miskito-Taucher, so Untersuchungen der Weltbank und der Hilfsorganisation Subocean Safety, leiden unter chronischen Krankheiten an Lunge und Gelenken. Bereits 400 Männer blieben halb oder vollständig gelähmt, und weit mehr als 100 Taucher ließen in den vergangenen Jahren ihr Leben. In der Fangsaison kommen monatlich ein bis drei Tote hinzu.

Fotografin Sophia Evans

Bereits seit acht Jahren dokumentiert Sophia Evans das Leben an der Moskito-Küste. Die Londoner Fotografin wuchs in Nicaragua auf. Für ihre Serie über die Miskito-Indianer wurde sie 2002 von dem Kamerahersteller Canon als „Fotojournalistin des Jahres" ausgezeichnet. weitere Infos

Gefahren und Geister

Aber warum riskieren die besten Taucher der Welt dafür ihr Leben? Warum setzen Tausende unkontrolliert diesen scherenlosen Panzerkrebsen nach, egal in welchen Tiefen die begehrten Krustentiere auch sein mögen? Sind es allein die Dollar-Signale, welche die Langusten mit ihren Antennen senden? Ist es das weiße Fleisch in ihren Schwänzen, für das in New Yorker Restaurants ein kleines Vermögen bezahlt wird?

Es ist das, und es ist mehr. Die Miskito-Indianer von Sandy Bay und den umliegenden Küstengemeinden sind Menschen in einer mystischen Hingabe zum Wasser; sie leben vom Fang der Fische, der Langusten und Garnelen, und sie hatten bis zu deren Ausrottung auch Seekühe gejagt. Ihre Lagunen verehren sie als „kosmische Schönheit", „Atem der Götter", „unablässiger Quell der Offenbarung", heißt es in einem Gedicht aus dem benachbarten Pahra.

Sie besingen den Wind für die Segel, für den sie 25 verschiedene Namen haben. Und ihr Boot ist ihnen ein „Pferd aus Holz, schwimmend und leicht, ein Baum, der zum Fisch wurde, um zu reisen". Die Männer unter den Segeln reiten darauf hinaus „wie uralte Reisende auf einem im Sterben liegenden Planeten". Das Sterben nimmt einen wichtigen Platz im Leben der Miskitos ein.

Das Meer ist mythologisch der finale Bestimmungsort der Toten, erläutert der Anthropologe Mario Rizo. Denn der Tod ist nichts als eine „Reise ins Meer", eine Rückkehr in das Leben spendende Wasser der Mutter, in dem jeder von ihnen einst erschaffen wurde. Im Meer treten die Miskitos nach ihrem Ableben in das andere Sein zurück, in den Schoß „ihrer anmutigen Mutter Yapti Misrika. Und wer im Meer stirbt, wird von Liwa Mairin auf dieser letzten Reise begleitet. Liwa Mairin ist ein nixenähnlicher Wassergeist, eine „traumhaft schöne Meerjungfrau mit langem Haar und dem Unterleib eines Fisches".
Textauszug

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