Frauen der Meere

In Japan sind die Alten die Starken. Auf der Suche nach Seeigeln tauchen Masayo Akagi und ihre Kameradinnen sechs Stunden am Tag in Tiefen bis zu 30 Metern – ohne Anzug und Atemgerät. Doch die jahrhundertealte Tradition wird es bald nicht mehr geben. Jungen Frauen ist der Job zu hart.
Dez 2008, Sonderheft 2008

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Wenn nach vierzig Sekunden das Verlangen nach Sauerstoff unwiderstehlich geworden ist, dann schießt sie dorthin, wo das Licht durch den Wasserspiegel sickert. Atmet ein. Klammert sich an ihren Oke, den schwimmenden Holzbottich, in den sie ihre Beute leert. Sammelt Luft und Kraft, schleudert die Flossen zum Himmel und taucht wieder hinunter.

Masayo Akagi sucht nach Seeigeln. Sie  ist eine von sieben Taucherinnen, die heute Morgen in dem 17 Meter langen Boot aufs Meer hinausgefahren sind. Die jüngste ist 53, die älteste 72. Sie alle kommen aus Yahata, einem Dorf auf der Insel Iki in Südjapan, kennen sich seit ihrer Kindheit und fahren seit Jahren in der gleichen Besetzung zu den Tauchgründen. Am Ende jedes Arbeitstags tun sie sich in kleinen Gruppen zusammen, nehmen die Seeigel aus und verkaufen sie. Man nennt sie Ama, „Frauen der Meere".

Es ist eine jahrhundertelange Tradition. Auf der Suche nach wertvollen Meeresfrüchten tauchen die Ama täglich sechs Stunden in Tiefen bis zu 30 Metern - ohne Taucheranzug, ohne Atemgerät. Manche benutzen bis zu 20 Kilo schwere Gewichte, mit denen sie schneller nach unten stoßen können. Wichtigstes Utensil ist ein Haken, mit dem sie die Muscheln und Seeigel vom Grund lösen. In Yahata gibt es gut 80 Taucherinnen.

Jeden Morgen um halb neun steht Masayo Akagi mit ihrem Handkarren am Hafen und begrüßt die anderen Ama. Die Fahrt zu den Tauchgründen dauert 20 Minuten. Der Motor tuckert im Aluminiumrumpf, während die Frauen am Bug unter einem Sonnensegel sitzen und tratschen: über ihre Ehemänner, ihre Familien, sie lachen, johlen, schlagen sich auf die Schenkel. Jede hat eine kleine Kosmetiktasche dabei. Auf einer steht „I like to dress up every day". Sie packen Kämme, Cremes, Bürsten und Make-up aus, zwei ziehen sich Lidstriche und schminken ihre Lippen, machen sich schön füreinander und das Meer. Eine liegt bäuchlings auf dem Bug, Beine in der Luft und Fahrtwind im Haar. 

Autorin Anke Lübbert

Eigentlich mag Anke Lübbert, Jahrgang 1979, Autorin aus Greifswald, gerne Fisch. Doch als man ihr einmal während der Recherchen in Japan Sashimi schon zum Frühstück servierte, verging ihr der Appetit. Am nächsten Morgen schlich sie sich möglichst unauffällig an der Hotelrezeption vorbei – und kaufte sich ein Stück Brot im Supermarkt. weitere Infos

Masayo Akagi sagt, dass sie keinen Baum beim Namen nennen kann, unter  Wasser aber irrt sie nie. Es gibt keinen Ort auf der Welt, den sie so gut kennt wie diese sechs Quadratkilometer Wasser, ihr Jagdgebiet. Sie skizziert eine genaue Karte der Landschaft unter Wasser auf ein Blatt Papier: Hügel, Riffe, Schluchten, sie weiß, wo die Strömung besonders stark ist und die Wellen Kraft rauben.

Auf fester Erde spürt sie ihre 61 Jahre, die subtropische Schwüle und ihren Bluthochdruck. „Ich bin für das Wasser gemacht, nicht für das Land", sagt sie. Wenn sie auf dem schmalen Küstenweg von Iki nach Hause spaziert, braucht sie schon nach einem Kilometer eine Verschnaufpause im Gras.

Iki ist eine kleine Insel, bequem an einem Tag zu umrunden. Etwa 30000 Menschen leben in den Dörfern an der Küste. Auf den Hügeln sieht man verwitterte, betongraue Bunker, die noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammen, Bollwerke gegen den Angriff der Alliierten. Aber es gibt auch friedlichere Attraktionen: In dem Vorgarten eines Insulaners entspringt eine heiße Quelle, die eine öffentliche Badestelle speist. Und mitten im größten Ort der Insel steht ein mannshoher Phallus, vor dem Gläubige um Fruchtbarkeit beten.

Auf Iki wird Masayo Akagi 1947 in eine Welt geboren, in der Männer Tintenfische fangen und Frauen tauchen. Es gibt damals nur eine langsame Fähre zur Hauptinsel Kyushu. Auf grünen Hügeln wuchern wilde Sträucher, Sandwege verbinden die Dörfer, Strände und Hügel sind unberührt. Masayo Akagis Mutter taucht nackt, nur ein Tau um die Hüften geschlungen.

61 Jahre später trägt Masayo Akagi Leggins im Leopardenlook, bestellt aus einem Katalog, darüber einen lila Badeanzug mit langen Ärmeln, zwei Paar dicke Socken, die ihre Füße gegen den rauen Meeresgrund schützen sollen, eine Schwimmmaske, Brille, Handschuhe und Flossen. Sie ist eine kleine Frau mit kurz geschnittenen Haaren, lauter Stimme, einem keckernden Lachen, energischen Handbewegungen. „Mir hat keiner das Schwimmen beigebracht", sagt sie. Sie verbrachte ihre Kindheit an Stränden, Flüssen und auf Booten - und erinnert sich nur daran, dass sie es irgendwann konnte. Mit elf sammelte sie Tengusa aus dem Meer, ein Seegras, rötlich, dicht stehend, in geringen Tiefen wachsend. Mit 15 fuhr sie zum ersten Mal auf einem Boot der Ama mit, sprang wie die anderen ins Wasser und versuchte zu tauchen - so tief und so lange sie konnte. Das war der Anfang.

Masayo Akagi wurde schnell eine gute Taucherin, eine, die besonders tief ins Meer eindrang, die am Ende des Tages die meisten Seeigel in ihrem Oke liegen hatte. Sie heiratete einen Tintenfischfischer aus dem Dorf. Als sie schwanger wurde, suchte sie weiter den Meeresboden nach Seeigeln ab, bis zwei Wochen vor der Geburt. Und fuhr schon kurz danach wieder mit den Booten hinaus.

Damals, Ende der sechziger Jahre, revolutionierte Masayo Akagi die Arbeit der Ama. Sie brachte aus Kyushu Flossen mit. Die anderen lachten sie aus. Doch sie lachten nur so lange, bis sie sahen, dass Masayo Akagi mit den Flossen noch schneller als zuvor am Meeresgrund war und noch mehr Seeigel erbeutete. Flossen sind die einzige große Erneuerung, an die sie sich erinnert.

Masayo Akagi wird von den anderen Bosu genannt, Boss. Sie ist es, die mit dem Kapitän abspricht, wann sie losfahren, wann Zeit ist für die Mittagspause. Sie sammelt Geld für die Schiffscharter, ist die Erste, die ins Wasser springt. Um zu testen, sagt sie, ob die Stelle günstig ist. Das Meer  hier ist warm und flach. Kaum taucht sie den Kopf unter Wasser, knistert es in ihren Ohren. Selbst nach all den Jahren schmerzt der Druck auf das Trommelfell. Zum Schutz steckt sie sich Watte in den Gehörgang, darauf einen Kaugummi.
Die sechs Meter zum Grund überwindet sie mit kräftigen Flossenbewegungen, die Arme an den Oberschenkeln, den Kopf zum Boden geneigt. Während sie bereits die Seeigel vom Boden schneidet, setzen die anderen noch ihre Masken auf, reinigen die Gläser ihrer Schwimmbrillen mit Süßwasser und den Blättern einer Pflanze, die Feuchtigkeit aufsaugt.

Manchmal bringt Masayo Akagi in einem Tauchgang drei, vier Seeigel nach oben. Was sie nicht mehr in der Hand halten kann, steckt sie sich vorne in den Badeanzug. In unregelmäßigen Abständen taucht sie auf, saugt Luft in ihre Lungen und stößt sie in einem langen, pfeifenden Zug wieder aus. Es klingt wie das Stöhnen von Tennisspielerinnen beim Aufschlag, eine Mischung aus Konzentration und Klagelaut. Wenn Masayo Akagi denkt, es sei Zeit für die Mittagspause, winkt sie dem Kapitän, und eine nach der anderen klettert über die Strickleiter an Bord. Sie tauschen die salzigen Badekleider gegen trockene T-Shirts, essen rohen Tintenfisch und Melonenscheiben. Nach einer Stunde tauchen sie wieder ab. 

Fotograf Felix Seuffert

Beim gemeinsamen Tauchgang sorgte die Tätowierung knapp über dem Gesäß von Fotograf Felix Seuffert, geboren 1984, für gute Laune unter den Taucherinnen. Es zeigt das bekannteste Sternbild am Nachthimmel, den Großen Wagen. Die Ama von Iki waren so begeistert, dass sie Seuffert bis zum Ende der Recherchen nur noch „Hokuto-kun“ nannten, Großer-Wagen-Mann. weitere Infos

Am Nachmittag, zurück an Land, begibt sich Masayo Akagi mit ihren Handkarren auf das Gelände der Fischereikooperative. Dort hängt sie ihre Tauchkleidung zum Trocknen auf und schüttet die Beute des Tages auf einen wadenhohen Holztisch. Ein guter alter Freund hilft ihr. Sie sitzen sich auf Schemeln gegenüber, er öffnet die Seeigel mit einer Hebelbewegung in der Mitte, bricht sie auseinander, sie löffelt das Fleisch aus der Kugel in eine Schüssel.

Jede Taucherin arbeitet auf eigene Rechnung, verdient bis zu 20000 Yen am Tag, ungefähr 120 Euro - abhängig von der Saison, dem Jagdgebiet und der Fitness. Die Saison beginnt im April und endet im Oktober. Obwohl sie selbstständig sind, zahlen die Ama eine Art Steuer an die Ko_operative. Warum, weiß Masayo Akagi nicht, es war schon immer so. Die Kooperative hat im Dorf eine besondere Stellung; ihr Kühlturm überragt die Dächer des Ortes wie ein Kirchturm, sie verwaltet den Reichtum der Menschen auf Iki - die Schätze des Meeres. Der Jahresumsatz der Kooperative liegt bei dreieinhalb Millionen Euro, die Taucherinnen erwirtschaften davon etwa zehn Prozent.

Gleich neben dem Grundstück der Kooperative liegt das Haus der Familie Akagi, ein schmuckloser, zweistöckiger Bau. Die Südfenster zeigen auf die Hafenausfahrt. Unter dem Vordach stehen Eimer, Plastiktüten, Wasserflaschen. Drinnen blickt man auf Berge von Tellern, Pfannen und Töpfen, einen überdimensionalen Flachbildschirm und auf ein Durcheinander von Papieren, CDs und Kleidern, die stapelweise im Raum verteilt sind. 

Die fünf Zimmer bieten nicht genug Platz für sie, ihren Mann, Sohn, Schwiegertochter, Enkelin und all die Dinge, die ihnen gehören. Der größte Raum des Hauses ist tabu, er ist ein Ort der Andacht, der Wohnort der Götter. Wie Trophäen hängen an den Wänden großformatige Fotos von Tunfischen und Tintenfischen, ein Bild zeigt das fahnengeschmückte  Schiff von Masahiro, ihrem Sohn. Jeden Morgen bringt Masayo Akagi den Göttern eine Schale Reis und frisches Wasser. Traditionell wäre das die Aufgabe des Familienoberhaupts, ihres Mannes Yoshiro. Doch Masayo Akagi ist auch zu Hause der Boss.
In ihrer Welt existiert der Buddhismus friedlich neben dem Shintoismus. Beide Religionen haben ihre eigenen Feiertage; die buddhistischen drehen sich um Tod und Wiedergeburt, die shintoistischen um Erfolg und Glück. Für Masayo Akagi aber sind Feiertage verlorene Tage, die sie lieber auf dem Meeresgrund verbringen würde - auf der Suche nach den Uni, den Seeigeln.

Sie gelten in Japan als besondere Delikatesse. Das Fleisch ist haselnussgroß und ockergelb. Einige Meeresfrüchte, die in Japan zum Frühstück, Mittag- oder Abendessen serviert werden, erinnern beim ersten Bissen an den scharfen Geschmack von Meerwasser. Uni ist anders, ist weich, schmilzt im Mund und schmeckt nach würzigem Käse.

Ein paar Häuser von den Akagis entfernt gibt es ein Restaurant, das Uni-Gerichte für Touristen zubereitet. Der Trumpf des Küchenchefs: Uni No Atsuyaki, eine Art Omelett aus Eiern und Uni, angeblich eine Erfindung der Taucherinnen. Einige verkaufen ihren Fang direkt an das Restaurant, Masayo Akagi gibt ihren an einen Händler, der ihn nach Kyushu und weiter in den Norden bringt. Das Uni-Omelett gehört nicht zu ihren Lieblingsrezepten. Mittags schneidet sie oft nur ein Stück rohen Tintenfisch in Streifen und stellt eine Flasche Sojasauce auf den Tisch. Masayo Akagi hasst es zu kochen.
(Textauszug)

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