Die Kinder von Ocean View

In ihrem Township regieren Armut und Gewalt. Hinter den Backsteinmauern der Simon's Town High School aber lebt die Hoffnung. Die Schüler lernen für ihr Meeres-Abitur, für einen Beruf in der Schifffahrt, für die Flucht aus dem Elend.
Okt 2005, No. 52
Ein schöner Ausblick auf die Zukunft. Das Gelände der Seefahrtsschule von Simon\'s Town.

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 52

ANDREA DORIA
Das Schicksal einer schönen Italienerin

KORALLEN
Festbeleuchtung am Meeresgrund

VAN GOGH
Ein Genie will Meer malen
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Eine steile Treppe führt zum Klassenzimmer, das an einen Schiffscontainer erinnert. Auf der letzten Stufe oben der Blick über die False Bay, die ihren Namen zu Unrecht trägt. Es ist der richtige Ort, um am Kap die Seefahrt zu lernen. Schnelle Regenwolken fliegen vom Norden her, die Sonne bricht immer wieder durch an diesem warmen Wintertag im August. Das Wasser schimmert stahlgrau, winzig die Wellen, die gegen die großen Hafenmauern des Marinestützpunks in Simon's Town schlagen. Die Bucht scheint fast geschlossen, gegenüber, Richtung Osten, die Bergzüge des Hottentotten-Massivs, links die Ebene der Cape Flats mit den hellen, endlosen Stränden an den Townships, dem Wolfgat-Naturschutzgebiet und den neuen Ferienanlagen.

Simon's Town ist wie alle kleinen Städte entlang der langen Landzunge des Kaps steil in den Berg gebaut. Über elf Terrassen verteilen sich die Gebäude der High School, das Rugbyfeld und das Internat. Auf den ersten Blick erinnert die Anlage an eine Teeplantage, bis auf den nackten, roten Backstein. Backstein steht für Lernen, Ordnung.

Brian Ingpen empfängt mich umgeben von Schiffsmodellen, altertümlichen Computern und Schiffspostern. Er ist ein gemütlicher Mann um die 60 in einem ausgewaschenen blauen Pullover, den einige professorale Haarschuppen sprenkeln. Neben ihm Godfrey Schlemmer, pensionierter Kapitän der Marine. Beide sind das Lehrpersonal des Maritime Studies Department. Sie unterrichten Seefahrt in den Klassen zehn, elf und zwölf.

Autor Sven Lager

Autor Sven Lager, Jahrgang 1965, lebt als Schriftsteller in Hermanus, Südafrika. Er wäre gerne Seemann geworden wie sein Großvater, der als Ingenieur eines der ersten Fiberglas-Segelboote in Karlskrona entwarf. Seine Kinder, acht und zehn Jahre alt, sähe er gerne auf der Simon's Town Highschool. Dann könnte er etwas von ihnen lernen. weitere Infos

Brian Ingpen ist die Seele dieser ungewöhnlichen Seefahrtsschule. Sie ist seine Idee. Die Kinder, die sie unterrichten, sind zum größten Teil aus den Townships. Nach drei Jahren, wenn sie die matric, das Abitur, machen, wissen sie so einiges über Ozeanografie, Seefahrtswege, Struktur der Schifffahrt, Frachtraten, Seefahrtsrecht, Schiffsbau, Meteorologie, Küsten- und Astronavigation, Hafenkunde, Reedereien. „Selbst mit einer mittelmäßigen Abitursnote", sagt Ingpen, „haben sie nach drei Jahren Praxis und Theorie die Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz in der Schifffahrtsindustrie, als Navigatoren, Chefingenieure, Kadetten oder Frachtmakler." Nicht zu vergessen: Profisegler.

Das Meer. Ich beobachte es durch die Tür, es ruft. Es will befahren werden. Unten im Hafen steht Ian Ainsley am Pier und dirigiert seine Segelschüler. Der Wind ist selbst den professionellen Seglern zu launisch, aber die Schüler der Simon's Town  High School kennen nichts anderes. Auf den kleinen Jollen der Marine, jagen sie zu dritt oder zu viert aneinander vorbei.

Wenn Ingpen der Ökonom ist und Kapitän Schlemmer die Berufspraxis, dann ist Ian Ainsley das Abenteuer. Ein blonder Kerl, knapp 40, mit den hellen Augen eines Seglers. Der Blick aufs Meer, der Glanz der Sonne. Ian Ainsley ist ein Überflieger, Olympiasegler, Gewinner, Meister, Bezwinger; endlos reiht sich die Liste der Pokale, die er gewonnen und gesegelt hat und die nach Marken benannt sind wie Coca-Cola oder Louis Vuitton. Aber hat sie nicht alleine gewonnen. Segeln ist ein Teamsport, und der Geist, der dahintersteckt ist gut für ein Projekt wie Izivunguvungu (Xhosa für „starker Wind"), das Ian Ainsley ins Leben gerufen hat: die Kinder aus den Townships holen und den Wind spüren lassen.

Beim Segeln muss man sich aufeinander verlassen können. Konzentriert sein, seine Aufgabe beherrschen, keinen Fehler zulassen. Und man muss kämpfen. Etwas, das die Kinder aus einem Township wie Ocean View gelernt haben. Marcello Burricks zeigt manchmal seine Narben von Schraubenziehern und Messern. Ocean View ist Gangland, und man muss wissen, wie man sich zur Wehr setzt. Burricks ist mit 20 jüngstes Crewmitglied der „Shosholoza", der Yacht, die für Südafrika an der berühmtesten Regatta der Welt teilnimmt, dem America's Cup.

Eine Welt der Superreichen und des Glamours, eine Welt der Weißen. Er hat an der Simon's Town High Seefahrt studiert und ist sofort nach seiner matric Profisegler geworden, keine fünf Jahre, nachdem er Segeln gelernt hat.

Fotograf Jodi Bieber

Fotografin Jodi Bieber, geboren 1967, fühlte sich bei der Arbeit an ihre eigene Schulzeit in Johannesburg erinnert. Die gleiche Umgebung, die gleichen Uniformen, nur eben zur Zeit der Apartheid: „Ich habe noch die strikte Rassentrennung erlebt." weitere Infos

Ocean View liegt wenige Kilometer entfernt von Simon's Town, quasi über den Berg, an der Westküste des schmalen Kaps. Eine Siedlung von Barracken, Verschlägen, einfachen Häusern und Wohnblocks. Drei Viertel aller Schüler in Ocean View sind amphetaminsüchtig. Für einen Strohhalm mit tic gehen die Mädchen anschaffen. Jesus ist hier nur stark genug im Gewand der wenigen Auserwählten, der Zeugen Jehovas. Vor wenigen Monaten erst lieferten sich die Bewohner Gefechte mit der Polizei, weil Strom, Wasser und sanitäre Versorgung auf sich warten ließen. Die allgegenwärtige ANC-Provinzregierung, heißt es nicht zu Unrecht, bevorzuge die schwarzen Einwanderer und weniger Mischlinge oder Abkömmlinge der Ureinwohner wie Marcello Burricks.

Die Bewohner von Ocean View stammen ursprünglich aus Simon's Town, das bis 1957 ein englischer Marinehafen war mit einem bunten Gemisch von Seefahrern und Einwohnern jeder Hautfarbe. Xhosa, Zulu, Sotho und Khoisan haben an der Seite der Alliierten gekämpft, aber die neue, strenge Rassentrennung der sechziger Jahre machte aus dem kleinen Städtchen mit seinen Kolonialbauten eine weiße, öde Stadt. Wer Bantu war oder Khoisan, wurde zwangsweise nach Ocean View umgesiedelt. Seeblick, was für ein Euphemismus: ein karges Stück Land, kein Ozean in Sicht, nirgendwo.

Die Seefahrt sieht sich einem wachsenden Mangel an Fachpersonal gegenüber, und das in einem Land mit bis zu 40 Prozent Arbeitslosigkeit. Noch bevor die ANC-Regierung das Black Empowerment-Programm startete, das vor allem Bantus und in zweiter Linie Khoisan und Kapmalaien den Vorzug bei der Stipendien- und Stellenvergabe gibt, startete Brian Ingpen seine Maritime Studies, unterrichtete Ian Ainsley die Kinder aus den Townships. Die Kinder, die von dort kommen, wissen, was sie wollen: Arbeit, Anerkennung, die Welt jenseits von Afrika sehen. Und noch genauer wissen sie, was sie nicht wollen: den Abstieg, die Gewalt in den Townships wie Ocean View, Armut, Chancenlosigkeit, Alkoholismus, organisiertes Verbrechen. Das Modell einer Gesellschaft, die sich selbst zerstört. Wie damals von der Apartheid geplant.

Brian Ingpen stellt mir zwei Schüler vor, zwei Brüder, Redan Lee und Tidarn Lain Williams. Redan besucht die zwölfte Klasse, Tidarn die neunte. Redan hat es schon in den maritimen Zweig der Simon's High geschafft. Die Auswahl ist streng, die Mittel sind begrenzt. Weniger als die Hälfte des Jahrgangs hat Platz in den Maritime Studies A und B, 50 Schüler, und das beim einzigen Projekt dieser Art in Südafrika. Dabei ist der Lebensweg der Brüder aus Ocean View schon vorgeschrieben. Redan und Tidarn wollen Chefmaschinisten werden wie ihr Vater, der ein Mal im Monat für wenige Tage nach Hause kommt von seiner Arbeit auf einem Fischtrawler. Was sie reizt an diesem Beruf? Sie wollen im Maschinenraum stehen, sie wollen zur See gehen, sie wollen die Welt bereisen. Das eine führt nicht zum anderen, aber Träume gehören zur Familientradition.
(Textauszug)

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