Kapitän Rolf Permien, MS „Dresden"

Zuerst dachten wir, der Befehl sei ein Scherz, den sich jemand hinter einem Schreibtisch in Rostock ausgedacht hatte. Etwa auf Höhe von Aden erhielten wir den Funkspruch: „Port Sudan anlaufen - Neue Ladung - Ziel Sues - 520 Bullen - Ende." 520 Bullen? Es gab natürlich keinen einzigen Stall an Bord der MS „Dresden", ein Frachter vom Typ IV und damit eines der größten Stückgutschiffe in der Flotte der DDR.
Jun 2006, No. 56

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 56

OZEANOGRAFIE
Das Mekka der Meeresforscher

HOLOCAUST
Schiffspassage in den Tod

PIRATENFISCHER
Geisterschiffe vor Westafrika
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Zuerst dachten wir, der Befehl sei ein Scherz, den sich jemand hinter einem Schreibtisch in Rostock ausgedacht hatte. Etwa auf Höhe von Aden erhielten wir den Funkspruch: „Port Sudan anlaufen - Neue Ladung - Ziel Sues - 520 Bullen - Ende." 520 Bullen? Es gab natürlich keinen einzigen Stall an Bord der MS „Dresden", ein Frachter vom Typ IV und damit eines der größten Stückgutschiffe in der Flotte der DDR. „Klar, Herr Kapitän, und anschließend holen wir 2000 Kamele ab und fahren auf den Darß", witzelten wir auf der Brücke, doch der Alte verzog keine Miene. Nun muss man dazusagen, dass wir das Schiff gerade frisch gestrichen hatten.

Aufbauten, Masten, Laderäume, Luken: alles glänzte. Besonders auf das Deck waren wir stolz; mit der Renovierung hatten wir bereits zu Beginn der vorherigen Reise begonnen, es trotz der Regenzeit in Indien fertig bekommen. Der Bootsmann und ich, damals Erster Offizier, trugen den Protest der Mannschaft vor. Vergeblich.

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Die Übernahme in Port Sudan geriet zu einem Spektakel, das jeden Tierschützer nachhaltig traumatisiert hätte. Bis zu acht Tiere wurden von Hafenarbeitern in eine große Netzbrook getrieben und dann angehievt.  Beine und Hörner ragten aus dem Netz hervor, klagendes Gebrüll begleitete jeden Transport. Ich fragte einen Arbeiter, ob diese Methode wirklich geeignet sei. Seine Antwort: „Wir machen das immer so." Wenn ein Tier sich sträubte, wurde es an den Hörnern an Bord gehievt. Einen Bullen, der panisch ins Hafenbecken gesprungen war, zog man am Schwanz aus dem Wasser. 

Die Sonne brannte herunter, es war sehr heiß, mehr als 40 Grad. Nach kurzer Zeit lag ein intensiver Geruch über der „Dresden". Obwohl die Tiere während der zweitägigen Reise nur Wasser bekommen hatten, stand beim Anlegen in Sues eine üble Mischung aus Dung, Farbresten und Sand auf Deck, fast knöcheltief. So glatt war es, dass man sich entschloss, nun alle Tiere an ihren Hörnern zu verladen. Welch eine Tortur! Wir setzten die Reise durch den Sueskanal fort - und rochen trotz einer Grobreinigung wie ein schwimmender Kuhfladen.

Mit einigem Respekt registrierte ich, dass sich selbst auf den drei Meter hohen Windenhäusern Rinderfladen fanden. Wo die Herde untergebracht war, war der Boden bis aufs Metall blank gescheuert - als wäre das Schiff nie gestrichen worden. Wir befanden uns seit einem Tag auf dem Mittelmeer, Kurs Gibraltar, als ein Elektriker völlig außer sich auf der Brücke erschien. „Da steht ein Bulle!", keuchte er. „Im zweiten Windenhaus!" Sofort eilte der Ladungsoffizier zum Schauplatz. Er öffnete das Schott und entließ das Tier auf Deck. Ein Fehler. Der Bulle nämlich interpretierte die Befreiungsaktion falsch, senkte den Schädel und schnaubte zur Attacke. Als der Offizier losrannte, nahm der Bulle die Verfolgung auf. Nur mit einem riskanten Sprung in die Halterungen der Ladebäume konnte sich der Seemann vor den Hörnern retten. Jemand gab dem durstigen Tier Wasser, worauf es sich bald beruhigte. Dennoch: Wir hatten nun ein Problem mit zwei Hörnern. Und als neues Maskottchen war es einige Nummern zu groß. Der Kapitän funkte die Reederei an, was zu tun sei. Die Antwort ließ wenig Raum für Interpretation: „Vernichten!"

57 Mann Besatzung befanden sich an Bord, darunter auch ein Schlachter. Er traute sich zwar zu, das Tier zu zerlegen, aber töten mochte er es ohne Bolzenschussgerät nicht. Diese Aufgabe übernahm unser Storekeeper, ein sehr kräftiger Mann, Typ Zehnkämpfer. Mit einem Vorschlaghammer.

Abends feierten wir ein Schlachtfest, was nach fünf Monaten auf See die gereizte Stimmung an Bord auflockerte. Und bis Rostock gab es nur ein Thema: Wer hatte den Bullen versteckt? Wollte jemand dem Ladungsoffizier, einem allzu eifrigen Genossen, eins auswischen? Oder dem Alten? Der sollte wegen des Ausritts noch ziemlichen Ärger mit seinen humorlosen Vorgesetzten bekommen. Offiziell aber wurde die Angelegenheit nie geklärt. Manche Geheimnisse, das weiß jeder Kapitän, bleiben für immer auf See.

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