Liebe Leserin, lieber Leser,
unser Gründer Nikolaus Gelpke hat mich immer „das Trüffelschwein“ genannt – was ich, wie Sie sich denken können, zunächst eher semielegant fand. Aber es beschreibt meine Herangehensweise als Bildredakteurin von mare eigentlich ganz treffend. Und so bin ich für diese Ausgabe zu Neapel einfach wieder meinem Instinkt gefolgt. Der italienische Ausdruck „Tutto passa“, Alles geht vorüber, steht für Gelassenheit, Widerstandskraft und die Fähigkeit, selbst schwierigen Zeiten mit Optimismus zu begegnen. Zwischen Chaos und Schönheit, Tradition und Aufbruch entfaltet die Stadt ihre unverwechselbare Identität.
„Tutto passa“, das habe ich mir während der anfänglichen Bildrecherche auch gedacht, denn je mehr Fotografien ich sah, desto deutlicher wurde, wie schwer sich Neapels Atmosphäre und der Wechsel zwischen gleißendem Licht und tiefen Schatten in Bildern einfangen lässt. Aber dann habe ich mich in die Stadt und ihre Optik verliebt. Bereits die historischen Fotografien von Herbert List haben die einzigartige Atmosphäre Neapels eingefangen. Der deutsche Fotograf dokumentierte Ende der 1950er-Jahre das alltägliche Leben der Mittelmeermetropole mit einem sensiblen Blick für Licht, Gesten und urbane Szenen. Seine Bilder zeigen eine Stadt zwischen Armut und Würde, zwischen Melancholie und Lebensfreude (Seite 60). List prägte entscheidend die humanistische Fotografie des 20. Jahrhunderts. Er war assoziiertes Mitglied der berühmten Agentur Magnum Photos, die 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger in New York gegründet wurde.
Zu den bekanntesten Magnum-Fotografen gehört auch Martin Parr, der im Dezember 2025 verstorben ist. Seine Frau Susie Parr berichtet in dieser Ausgabe sehr persönlich über ihre gemeinsame Zeit am Meer (Seite 92). Jene Magnum-Fotografinnen und -Fotografen hätten sich wahrscheinlich die Augen gerieben, wenn sie gewusst hätten, wie Bilder heute mit künstlicher Intelligenz geschaffen werden. In unserem Magazin verzichten wir bewusst auf den Einsatz KI-generierter Bilder. Das haben wir auf der ersten öffentlichen Genossenschaftssitzung für unsere Fördermitglieder im Juni noch einmal deutlich gemacht.
Wir beauftragen Bild und Text für unsere Beiträge exklusiv und vertrauen unseren Fotografen und Autoren, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten. Und dann entdecken wir immer wieder neue Fotografen wie Ciro Pipoli. Der Neapolitaner setzt die visuelle Erzählung der Stadt auf zeitgenössische Weise fort. Er fotografiert Menschen nicht als Motive, sondern als Nachbarn mit eigener Geschichte. Und er illustriert auf wunderbare Weise den Text des neapolitanischen Autors Vincenzo Delle Donne, wenn er ein Liebespaar zeigt, während sich im Hintergrund der Vesuv erhebt (Seite 40).Mein nächstes Reiseziel steht jedenfalls fest: Neapel.Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen
Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen
Petra Koßmann
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