Unser Element

Susie Parr, passionierte Meeresschwimmerin und Witwe des im vergangenen Jahr verstorbenen großen britischen Fotografen und notorischen Nichtschwimmers Martin Parr, erinnert sich an ihre gemeinsamen Erlebnisse am Meer

Im Jahr 1982 zogen Martin und ich von der Westküste Irlands nach Wallasey (gleich gegenüber von Liverpool auf der anderen Seite des Mersey, wo ich als Logopädin arbeitete). In Irland, wo ich im County Leitrim den ersten logopädischen Dienst aufgebaut hatte, war ich an atemberaubende Landschaften gewöhnt, an saubere Flüsse und ein sauberes Meer. Ich ging regelmäßig an den unberührten Stränden von Sligo schwimmen, zuweilen in Begleitung von Robben. Bei Ebbe sammelte ich Muscheln, die ich zu Hause in Knoblauch und Weißwein kochte. Meeresleuchten verlieh meinen gelegentlichen nächtlichen Schwimmgängen einen zusätzlichen Zauber. Ich nahm die Schönheit der Westküste Irlands als selbstverständlich hin.

Die Rückkehr nach Großbritannien und der Umzug in ein Haus mit Blick auf den Mersey waren ein gewaltiger Schock. Zwar lag ein großes, extrem gezeitenabhängiges Gewässer direkt vor meiner Nase, aber ich konnte nicht hinein. Das Wasser wirkte trüb, war von einem Film aus Abfällen überzogen, und es stank. Ich suchte entlang der Küste der Wirral-Halbinsel nach anderen Möglichkeiten zum Schwimmen, fand aber keine. New Brighton, der heruntergekommene Vorort in der Nähe unseres Hauses – wo Martin gerade mit seiner Arbeit an „The Last Resort“ begonnen hatte –, war voller Müll, der Sand karg und das Wasser eher braun als blau. Leider waren ausgerechnet diese Sommer drückend heiß. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich zu Martin nach New Brighton fuhr und wegen der glühen- den Hitze einfach ins Wasser musste – trotz des schmutzigen Schaums auf der Oberfläche und der Hygieneabfälle am kieseligen Ufer. Im Wasser geriet ich zu allem Überfluss zwischen zwei Schäferhunde, die knurrend aufeinander losgingen. Es war der Horror, und ich verließ das Wasser, so schnell ich konnte – leicht abgekühlt, aber keineswegs glücklicher als zuvor.

Martin hingegen ließ all das völlig unberührt, er war erklärter Nichtschwimmer und verspürte nicht das geringste Bedürfnis zu baden, egal, wie heiß es war. In den 1970er-Jahren, als er seine Serie über schlechtes Wetter begonnen hatte, kaufte er sich eigens dafür eine Unterwasserkamera. Die Angestellten im Fotogeschäft merkten an, er sei ihres Wissens der einzige Nichtschwimmer, der je eine Unterwasserausrüstung gekauft habe.

Während ich mich nach den irischen Gewässern sehnte, schwelgte Martin in den Strandszenen in New Brighton – Familien, die ihre freie Zeit sichtlich genossen und sich offenbar überhaupt nicht an dem Müll störten, der sich an belebten Tagen auftürmte. Als „The Last Resort“ 1986 in der Open Eye Gallery in Liverpool ausgestellt wurde, zuckte kein Mensch mit der Wimper. Die Einwohner von Liverpool und der Wirral-Halbinsel nahmen es einfach hin: So war New Brighton nun einmal. Liverpool war zu dieser Zeit besonders heruntergekommen, nachdem sich der Niedergang traditioneller Industrien und der nordenglischen Städte durch Margaret Thatchers Politik weiter beschleunigt hatte. New Brighton – Liverpool by the sea – verkörperte diesen Niedergang wie kaum eine andere Stadt.

Zu dieser Zeit – und auch in den darauffolgenden Jahren – verbrachten Martin und ich unsere Urlaube in Irland oder auf den schottischen Inseln. Dort konnte ich endlich wieder herrliche Schwimmgänge im Meer genießen. Nach Wallasey kehrte ich jedes Mal mit schwerem Herzen zurück. 1987 zogen wir nach Bristol, und dort hatte ich das Glück, den „Henleaze Swimming Club“ zu entdecken, einen gefluteten Kalksteinbruch im Norden der Stadt, wo das Wasser tief, sauber und kalt war. Der Club war – und ist – meine Rettung, denn das Meer in der Nähe von Bristol ist ein trübes Ästuar mit sehr großem Tidenhub.

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 177. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 177

mare No. 177August / September 2026

Von Susie Parr und Martin Parr

Susie Parr ist Sprachtherapeutin, sie liebt das Schwimmen im offenen Wasser seit ihrer Kindheit. 2011 veröffentlichte sie „The Story of Swimming“, im Jahr 2019 folgte „The Lake“, ein Buch zum 100-jährigen Jubiläum ihres Schwimmvereins. Martin Parr starb im Dezember 2025, Susie und er kannten sich über 50 Jahre. Alle gezeigten Bilder entstammen seiner Serie „The Last Resort“ und entstanden zwischen 1983 und 1985 in New Brighton.

Mehr Informationen
Vita Susie Parr ist Sprachtherapeutin, sie liebt das Schwimmen im offenen Wasser seit ihrer Kindheit. 2011 veröffentlichte sie „The Story of Swimming“, im Jahr 2019 folgte „The Lake“, ein Buch zum 100-jährigen Jubiläum ihres Schwimmvereins. Martin Parr starb im Dezember 2025, Susie und er kannten sich über 50 Jahre. Alle gezeigten Bilder entstammen seiner Serie „The Last Resort“ und entstanden zwischen 1983 und 1985 in New Brighton.
Person Von Susie Parr und Martin Parr
Vita Susie Parr ist Sprachtherapeutin, sie liebt das Schwimmen im offenen Wasser seit ihrer Kindheit. 2011 veröffentlichte sie „The Story of Swimming“, im Jahr 2019 folgte „The Lake“, ein Buch zum 100-jährigen Jubiläum ihres Schwimmvereins. Martin Parr starb im Dezember 2025, Susie und er kannten sich über 50 Jahre. Alle gezeigten Bilder entstammen seiner Serie „The Last Resort“ und entstanden zwischen 1983 und 1985 in New Brighton.
Person Von Susie Parr und Martin Parr
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite