Es sei nicht sein Verdienst, dass er überlebt habe, habe ihm sein Großvater Henry Bawnik viele Jahre nach dem Untergang der „Cap Arcona“ in der Lübecker Bucht am 3. Mai 1945 erzählt. Sein Enkel Jeremy Elias, der für eine Gedenkveranstaltung in Ostholstein eigens aus New York City angereist ist, erzählt 80 Jahre nach der Katastrophe seine Geschichte. „Ihm war wichtig, dass wir wirklich verstehen, dass es pures Glück war, dass er bei uns sein konnte.“
Bawnik ist damals erst 19, sein Vorname ist noch Herzko, als er das Schiff betritt, dessen Versenkung so viele Menschenleben kosten wird. Als die „Cap Arcona“ von den britischen Bomben getroffen wird, ruft ihm ein Mithäftling zu: „Zieh deine Sachen aus, wir schwimmen!“ Und Bawnik, der nie schwimmen gelernt hat, zieht seine Kleider aus, hält sich an einem Seil fest und springt.
Seine Geschichte beginnt am 16. November 1925, als Herzko Bawnik in Łódź geboren wird. Ein Leben ohne Antisemitismus gibt es für ihn nicht, von klein auf lernt er, dass er die Wohnung nachts nicht allein verlassen darf – als Jude würde er verprügelt werden. „Es war ein fürchterliches Leben“, sagt er noch als alter Mann in einem Video der Buffalo Jewish Federation über seine Kindheit. Sein Vater starb vor Kriegsbeginn, zwei seiner Schwestern flohen vor der Ankunft der Nazis in Polen, seine andere Schwester, seine Mutter und er blieben und wurden 1940 in das erste große Ghetto in Łódź gesperrt. Ein Jahr später wird er auch von ihnen getrennt, als er in das Arbeitslager Gutenbrunn gebracht wird. Seine Mutter und seine Schwester werden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. 1943 kommt auch Herzko nach Auschwitz, wird jedoch bald in das Außenlager Fürstengrube gebracht, um dort zu arbeiten, vor allem im Gleisbau.
Als die Rote Armee näher rückt, wird das Lager von den Nazis evakuiert: Unter Aufsicht des SS-Oberscharführers Max Schmidt beginnt ein Todesmarsch, an dessen Ende die meisten der Überlebenden der Tod auf der „Cap Arcona“ erwartet. Etwa 40 Kilometer legen die Gefangenen zu Fuß bis nach Gleiwitz zurück, wo sie in offenen Viehwaggons mehr als 1000 Kilometer über Österreich bis ins Konzentrationslager Mittelbau-Dora gebracht wurden. Viele Häftlinge sterben unterwegs, erfrieren, verdursten, verhungern oder werden erschossen. Nach etwa einer Woche in Mittelbau-Dora treibt Max Schmidt einen Teil der Gefangenen zusammen und lässt sie die rund 100 Kilometer nach Magdeburg marschieren. „Wer nicht weiterlief, wurde erschossen“, erzählt Bawnik, „Leben und Tod zählten so wenig.“ Von Magdeburg aus werden die Häftlinge auf einem Kahn über die Elbe und den Elbe-Lübeck-Kanal nach Lübeck gebracht, in die Nähe von Schmidts Heimat. Als sie unterwegs Flugzeuge der Alliierten sehen, soll Schmidt gesagt haben: „Ich sehe schwarz.“ Dennoch führt er die Häftlinge weiter, lässt sie bis Ahrensbök und auf zwei Bauernhöfe in der Umgebung marschieren, wo sie am 14. April 1945 ankommen. Jörg Wollenberg ist damals acht Jahre alt, wahrscheinlich sieht er zu, als Bawnik und die anderen Häftlinge durch Ahrensbök marschieren. Heute lebt der 89-Jährige in Bremen, in seiner Heimat Ahrensbök hat er noch einen Wohnsitz. „Es gab zwei Todesmärsche, die durch Ahrensbök führten, einen davon habe ich gesehen.“ Zur Schule geht er 1945 bereits seit Anfang des Jahres nicht mehr, sie wird als Flüchtlingsunterkunft gebraucht.
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Helke Rüder, 1998 in Ostholstein geboren, absolvierte ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Heute lebt sie in Hamburg und arbeitet als Dramaturgin der Hamburger Kammerspiele sowie als freie Journalistin. Auf einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Versenkung der „Cap Arcona“ lernte sie Jeremy Elias kennen.
| Vita | Helke Rüder, 1998 in Ostholstein geboren, absolvierte ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Heute lebt sie in Hamburg und arbeitet als Dramaturgin der Hamburger Kammerspiele sowie als freie Journalistin. Auf einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Versenkung der „Cap Arcona“ lernte sie Jeremy Elias kennen. |
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| Person | Von Helke Rüder |
| Vita | Helke Rüder, 1998 in Ostholstein geboren, absolvierte ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Heute lebt sie in Hamburg und arbeitet als Dramaturgin der Hamburger Kammerspiele sowie als freie Journalistin. Auf einer Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Versenkung der „Cap Arcona“ lernte sie Jeremy Elias kennen. |
| Person | Von Helke Rüder |