Meine Reisen nach Neapel sind wie Odysseen: gespickt mit perfiden Prüfungen, die sich unvorhersehbar auftun. Abschweifungen in eine leidige Vergangenheit. Als ob die hinterlistigen Fallen nicht ausreichten, fällt mir meine Frau Susanne in den Rücken und meint kategorisch, mein Familienschicksal habe mich meiner neapolitanischen Identität beraubt. Sie hat nicht ganz unrecht. In Norditalien werde ich als terrone, als der an der Scholle Klebende, beschimpft, den man argwöhnisch beäugt, weil der Akzent so verräterisch ist. In Neapel bin ich der tedesco, der Deutsche, der mit einem mitleidigen Lächeln empfangen wird, weil er diesem vermeintlich irdischen Paradies den Rücken gekehrt hat. Meine Heimatstadt Mondragone kann ich nicht verleugnen. In diesem berüchtigten Küstenort nördlich von Neapel verbrachte ich eine glückliche Kindheit. Ein Ort wie ein Stigma, das nicht abzustreifen ist. Den Ortsnamen brauche ich nur zu erwähnen, und die Leute erstarren vor Schreck. Sogar in Neapel, Formia oder Gaeta, erst recht in Rom, Venedig und Udine. Tatsächlich herrscht in Mondragone, mehr oder weniger lautlos, seit je ein berüchtigter Camorra-Clan. Und das seit Generationen. Geradezu dynastisch. Selbst der Faschismus konnte daran nichts ändern. Deshalb nimmt man mich allerorts gewissermaßen in Sippenhaft. Es gibt keinen besseren Begriff als den der Odyssee, um diesen Sturm der Gefühle in mir zu beschreiben. In Neapel tauche ich kopfüber in meine verdrängte Vergangenheit ab, die die vergessenen und verstörenden Erinnerungsfetzen meiner Kindheit an die Oberfläche spült. Wie totes Strandgut aus dem Meer.
Die sengende Sonne knallte erbarmungslos vom Himmel. Flugzeuge ergossen im Minutentakt Passagiere in die Gluthitze von Capodichino. Die Schatten der Flugzeuge wurden lang und länger, als seien sie Unheil bringende Vögel. Ich starrte wie benommen auf den flirrenden Asphalt der Landepiste, und ein bestimmtes Gefühl sagte mir, dass die herannahende Katastrophe unausweichlich war. Susanne musterte mich aufmerksam, bevor sie ihre große Designersonnenbrille aufsetzte. Seit wir uns kennen, hält sie mir vor, ich würde hier zu einem anderen Menschen mutieren, was in gewissem Sinn stimmt, aber von mir nicht beeinflusst werden kann. Ihre langen lockigen Haare schimmerten jetzt noch rötlicher und erinnerten mich an die Frauenbildnisse Botticellis. „Wir übernachten im Hotel ,Excelsior‘ und nicht in Mondragone“, hatte ich ihr vor der Abfahrt beschwichtigend versprochen, um sie gnädiger zu stimmen. „Und wir können endlich die Caravaggio-Bilder sehen!“ Kein anderer Künstler passt besser zu Neapel als Michelangelo Merisi da Caravaggio, Susanne lenkte ein. Allein der Klang des Namens bewirkte das ersehnte Wunder.
Warum zog es mich immer wieder nach Neapel? An diesen Ort, der untrennbar mit meinem Leben verbunden ist, an dem alles begann? Ist es eine Form der Reminiszenz, die schmerzt, aber auch läutert? Hier ist die Erinnerung an meine Eltern präsenter denn je. Als Analphabeten arbeiteten sie in Deutschland in schlecht bezahlten Jobs, um mir Abitur und Studium zu ermöglichen. Mich plagen Schuldgefühle ihnen gegenüber. Ich, der Sohn des zappatore, des einfachen Landarbeiters, würde sich ihrer schämen, warfen sie mir vor, was vielleicht auch stimmte. Meine innere Zerrissenheit bricht hier unvermeidlich auf. Was wäre aus mir geworden, wenn ich hiergeblieben wäre? Ein camorrista oder gar ein Priester, wie meine Mutter es wollte? Neapel sei das letzte große Dorf Italiens, schrieb Pier Paolo Pasolini. Er spielte darauf an, dass in der Millionenmetropole der familiäre Zusammenhalt noch intakt ist – im Guten wie im Bösen.
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Vincenzo Delle Donne, geboren 1957, kam im Alter von elf Jahren als Sohn italienischer Gastarbeiter nach Deutschland. Er studierte Romanistik, Germanistik und katholische Theologie in Münster, berichtete aus Italien für die „Süddeutsche Zeitung“ und die „FAZ“ und veröffentlichte diverse Bücher, darunter Biografien über den Richter Giovanni Falcone, den Fiat-Erben Gino Agnello und den Maler Leonardo da Vinci.
Ciro Pipoli, geboren 1991, ist schon seit seinem 16. Lebensjahr mit der Kamera in Neapel unterwegs. Wenn er nicht gerade für internationale Magazine und Modefirmen fotografiert, durchstreift er in jeder freien Minute die Gassen seiner Stadt, um Menschen zu treffen und mit seinen Bildern ihre Geschichten zu erzählen. Er hat zwei Bücher veröffentlicht: „Ciro“ widmete er ganz der Heimat, für „The Neapolitan Tales“ begab er sich auf die Spuren neapolitanischer Auswanderer in Argentinien.
| Vita | Vincenzo Delle Donne, geboren 1957, kam im Alter von elf Jahren als Sohn italienischer Gastarbeiter nach Deutschland. Er studierte Romanistik, Germanistik und katholische Theologie in Münster, berichtete aus Italien für die „Süddeutsche Zeitung“ und die „FAZ“ und veröffentlichte diverse Bücher, darunter Biografien über den Richter Giovanni Falcone, den Fiat-Erben Gino Agnello und den Maler Leonardo da Vinci. Ciro Pipoli, geboren 1991, ist schon seit seinem 16. Lebensjahr mit der Kamera in Neapel unterwegs. Wenn er nicht gerade für internationale Magazine und Modefirmen fotografiert, durchstreift er in jeder freien Minute die Gassen seiner Stadt, um Menschen zu treffen und mit seinen Bildern ihre Geschichten zu erzählen. Er hat zwei Bücher veröffentlicht: „Ciro“ widmete er ganz der Heimat, für „The Neapolitan Tales“ begab er sich auf die Spuren neapolitanischer Auswanderer in Argentinien. |
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| Person | Von Vincenzo Delle Donne und Ciro Pipoli |
| Vita | Vincenzo Delle Donne, geboren 1957, kam im Alter von elf Jahren als Sohn italienischer Gastarbeiter nach Deutschland. Er studierte Romanistik, Germanistik und katholische Theologie in Münster, berichtete aus Italien für die „Süddeutsche Zeitung“ und die „FAZ“ und veröffentlichte diverse Bücher, darunter Biografien über den Richter Giovanni Falcone, den Fiat-Erben Gino Agnello und den Maler Leonardo da Vinci. Ciro Pipoli, geboren 1991, ist schon seit seinem 16. Lebensjahr mit der Kamera in Neapel unterwegs. Wenn er nicht gerade für internationale Magazine und Modefirmen fotografiert, durchstreift er in jeder freien Minute die Gassen seiner Stadt, um Menschen zu treffen und mit seinen Bildern ihre Geschichten zu erzählen. Er hat zwei Bücher veröffentlicht: „Ciro“ widmete er ganz der Heimat, für „The Neapolitan Tales“ begab er sich auf die Spuren neapolitanischer Auswanderer in Argentinien. |
| Person | Von Vincenzo Delle Donne und Ciro Pipoli |