Die grösste Seeräuberin aller Zeiten

Anfang des 19. Jahrhunderts führte Zheng Yi Sao eine Allianz von 70 000 Piraten, die Chinas Dynastie in Nöte brachte

Er hat keine Wahl, Richard Glasspoole muss auf dem Schiff der chinesischen Piraten dienen, als wäre er einer von ihnen. Dabei ist er ihr Gefangener. Im Herbst 1809 erlebt der 21-jährige Brite drei Überfälle auf Handelsschiffe am Perlflussdelta an vorderster Front, wo ihm die Seeräuber eine Kanone zugewiesen haben. Die Attacken geschehen schnell: Die Piraten entern ein Schiff, durchsuchen alle Räume und zwingen die Besatzung, sich ihnen anzuschließen.

Seit dem 21. September befindet sich Glasspoole mit einigen Kameraden in der Hand einer riesigen chinesischen Seeräuberarmada. Bis dahin diente er als Vierter Offizier auf der „Marquis of Ely“, einem bewaffneten Handelstransporter der britischen Ostindienflotte, aber sein Schiff war unterbesetzt und leicht zu kapern. Immerhin ist er am Leben, die Piraten wollen für ihn und seine Kameraden ein Lösegeld erzielen.

Das Schiff, auf dem Glasspoole gefangen ist, gehört zur Rote-Flagge-Flotte der Piratin Zheng Yi Sao. Er selbst bekommt sie nicht zu sehen, sie bleibt für ihn ein Phantom, aber ihren Kommandanten und Lebenspartner Zheng Bao Zi erlebt er aus der Nähe. Glasspoole wird ihn später in einem Bericht als diszipliniert, autoritär und strategisch klug charakterisieren. Einen solchen Ruf hat auch die Anführerin der Piraten.

Anfang des 19. Jahrhunderts be- herrscht Zheng Yi Sao das Südchinesische Meer. Sie führt eine gewaltige Konföderation von mindestens 400 Schiffen und 70 000 Seeräubern an. Mit präzisen An- griffen lässt sie mandschurische Handelsschiffe attackieren, sogar portugiesische und britische Kriegsschiffe. Jeder Kapitän, der nicht rechtzeitig Schutzgeld zahlt, riskiert einen Überfall. Seit Langem kreuzen Piraten vor der Küste Chinas, aber nie zuvor existierte eine Flotte solcher Größe wie zu Zeiten von Jiaqing, dem fünften Kaiser der Qing-Dynastie.  In anderen Ozeanen streunen Seeräuber als lästige Störenfriede herum; Zheng Yi Sao hingegen bedroht das Reich der Mitte. Mit ihren Überfällen auf hoher See und dem System von Schutzgeldern stört sie den Seehandel, gefährdet die Diplomatie und stellt das chinesische Imperium infrage.

Noch kurz zuvor, Ende des 18. Jahrhunderts, operierten eher kleine Banden auf dem Meer. Gerade einmal zehn bis  30 Fischer und Händler schlossen sich zusammen und stachen mit ein oder zwei Dschunken in See. Nach einem Überfall zerfielen die Gruppen rasch wieder oder versteckten sich in den zerklüfteten Buchten des nahen Vietnams.


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mare No. 177

mare No. 177August / September 2026

Von Dirk Liesemer und Livia Giorgina Carpineto

Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, erkundet für mare regelmäßig historische Dimensionen der Ozeane. So kommt er wenigstens in Gedanken mal ans Meer. Denn im echten Leben wohnt er in München.

Livia Giorgina Carpineto, 1997 in Rom geboren, ist lllustratorin und lebt in London. Ihre Bilderserie „Pirate Queen“, inspiriert vom Leben von Seeräuberin Zheng Yi Sao, entstand im Auftrag des Royal Museum Greenwich im Rahmen eines Projekts, das weniger bekannte Geschichten aus der Welt der Piraterie beleuchtet. Carpinetos Triptychon ist noch bis Oktober 2026 in der Ausstellung „Pirates“ im National Maritime Museum zu sehen.

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Vita

Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, erkundet für mare regelmäßig historische Dimensionen der Ozeane. So kommt er wenigstens in Gedanken mal ans Meer. Denn im echten Leben wohnt er in München.

Livia Giorgina Carpineto, 1997 in Rom geboren, ist lllustratorin und lebt in London. Ihre Bilderserie „Pirate Queen“, inspiriert vom Leben von Seeräuberin Zheng Yi Sao, entstand im Auftrag des Royal Museum Greenwich im Rahmen eines Projekts, das weniger bekannte Geschichten aus der Welt der Piraterie beleuchtet. Carpinetos Triptychon ist noch bis Oktober 2026 in der Ausstellung „Pirates“ im National Maritime Museum zu sehen.

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Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, erkundet für mare regelmäßig historische Dimensionen der Ozeane. So kommt er wenigstens in Gedanken mal ans Meer. Denn im echten Leben wohnt er in München.

Livia Giorgina Carpineto, 1997 in Rom geboren, ist lllustratorin und lebt in London. Ihre Bilderserie „Pirate Queen“, inspiriert vom Leben von Seeräuberin Zheng Yi Sao, entstand im Auftrag des Royal Museum Greenwich im Rahmen eines Projekts, das weniger bekannte Geschichten aus der Welt der Piraterie beleuchtet. Carpinetos Triptychon ist noch bis Oktober 2026 in der Ausstellung „Pirates“ im National Maritime Museum zu sehen.

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