Als ein Mensch zum ersten Mal in einem Segelboot aufs offene Meer hinausgefahren ist, nahm das Leiden der Menschheit an der Welt Gestalt an: Wind und Wellen ausgesetzt, sitzt er in seinem Nachen, und drumherum ist nichts als die Weite des Meeres, die ihm keinen Orientierungspunkt mehr bietet. Ein scheinbar ewiges Auf und Ab im Wechsel zwischen Sturm und Stille und doch keine vernehmbare Beständigkeit.
Mit dem Segelboot lassen sich weite Strecken zurücklegen, ohne wirklich wissen zu können, wo man sich tatsächlich befindet. „Fünfzehnmal habe ich den Golf von Biskaya durchsegelt, das waren fünfzehn verschiedene Reisen“, sagte der bretonische Skipper Boris Fekete, „ich kann schon vierzehnmal mittendrin in diesem Gewässer unterwegs gewesen sein und trotzdem nicht sagen: Schau, hier war ich ja schon einmal.“
In dem Drang, aufs Meer hinauszufahren, offenbart sich das Leiden des Menschen an seinem Wesen. Auch an Land verspüren Menschen ihre Verlorenheit. Muss ich die Welt nicht immer wieder aufs Neue entdecken? Gibt es für mich überhaupt ein Hier, wohin ich jederzeit zurückkehren könnte? Doch seine Ängste halten den Menschen nicht davon ab, stetig ins Ungewisse aufzubrechen. Im uralten Sirenengesang des Meeres erklingt die Tragik, der die Menschheit nicht entkommen kann.
Ein Mensch muss immerfort aufs offene Meer hinaussegeln, selbst wenn er dabei an Land bleibt. Nichts führt ihm sein Schicksal klarer vor Augen als der Moment, in dem er mit seinem Segelboot in See sticht. Dann verlässt er sein eigentliches Terrain und liefert sich dem fremden Element aus. Aber einmal auf dem offenen Meer, eröffnet sich ihm die einmalige Gelegenheit, mehr über sich zu erfahren. Wer also ist dieses seltsame Erdenwesen, das sich in einem klitzekleinen Gefährt auf die hohe See begibt und damit sogar so weit dem Horizont entgegenfährt, bis kein rettendes Ufer mehr in Sicht ist?
Der erfahrene Skipper wird natürlich sagen, dass im Nirgendwo aus Wind und Wellen sein wahres Zuhause sei. Trotzdem weiß selbst Boris Fekete, der den Atlantik überquert hat, dass das Meer schnell zu einem feindlichen Ort werden kann, an dem jede Unachtsamkeit sofort bestraft wird. Aus purer Vernunft wird er sich eingestehen, dass dieses Zuhause niemals ein beständiger Ort sein wird. „Auf See muss man immer auf der Hut sein, denn das Meer kann man nicht wirklich kennen.“ Insofern unterscheidet sich die letzte Erkenntnis, die man aus der Kenntnis des Meeres zieht, kaum von der, die man aus Leben auf dem Land gewinnt: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Die Fahrt auf dem wilden Meer liefert uns die Parallele zu unserer Welterfahrung: Es ist des Menschen Los, sich in einer eigentlich feindlichen Umwelt zurechtfinden zu müssen.
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Michael Magercord, geboren 1962, begann seine Autorentätigkeit vor 40 Jahren als Korrespondent der „taz“ in Peking, berichtete im Hörfunk über die große Welt im Kleinen und schrieb Essays beim Deutschlandfunk. Obwohl er nicht mehr fliegen will, erliegt er ab und an dem Drang des Reisens, wobei er nun öfter in See sticht – wenn auch leider nicht im Segelboot.
| Vita | Michael Magercord, geboren 1962, begann seine Autorentätigkeit vor 40 Jahren als Korrespondent der „taz“ in Peking, berichtete im Hörfunk über die große Welt im Kleinen und schrieb Essays beim Deutschlandfunk. Obwohl er nicht mehr fliegen will, erliegt er ab und an dem Drang des Reisens, wobei er nun öfter in See sticht – wenn auch leider nicht im Segelboot. |
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| Person | Von Michael Magercord |
| Vita | Michael Magercord, geboren 1962, begann seine Autorentätigkeit vor 40 Jahren als Korrespondent der „taz“ in Peking, berichtete im Hörfunk über die große Welt im Kleinen und schrieb Essays beim Deutschlandfunk. Obwohl er nicht mehr fliegen will, erliegt er ab und an dem Drang des Reisens, wobei er nun öfter in See sticht – wenn auch leider nicht im Segelboot. |
| Person | Von Michael Magercord |