Der Kampf der Pottwale ist so wild wie vergebens. Sie mögen sich noch so winden, sich aufbäumen, ziehen, zu tauchen versuchen: Die mit Widerhaken bestückten Harpunen bleiben in ihren Leibern, reißen Wunden, lassen ihr Blut in den Ozean fließen, rauben ihnen nach und nach die Kraft. Und auch wenn die Meeressäuger eines der Ruderboote, an denen die Harpunen vertäut sind, mit ihrer Fluke oder dem mächtigen Schädel treffen, seine Planken bersten lassen – bald ist ein anderes da, wie das vorherige voller Männer, die ihnen nach dem Leben trachten. An einigen der Segler, von denen die Boote losgemacht haben, hängen die Leiber toter Wale, mit am Hauptmast befestigten Flaschenzügen aus dem Wasser gezogen. Matrosen schlitzen sie mit Messern auf, ziehen ihnen die Haut vom Körper, zerteilen die Beute. Möwen und Seeschwalben kreisen am Himmel, hoffen auf einen Anteil.
Rund ein Dutzend Dreimaster machen weit draußen auf dem Pazifik gemeinsam Jagd auf Meeressäuger. Selten haben sie das Glück, solch eine große Gruppe Pottwale aufzuspüren. Auf dreien der Segler lodern Feuer in steinernen Öfen, darauf Eisenkessel, in denen der Walblubber schwimmt, jene zentimeterdicke Fettschicht der Tiere, aus der bei Hitze der Tran austritt, Rohstoff für Lampenöl, Seife, Kerzen, Margarine. Männer am Kessel schöpfen die wertvolle Flüssigkeit ab.
Es ist ein martialisches Gemetzel, so dramatisch wie detailliert, das sich Ende 1848 vor den Augen der gebannten Zuschauer entspinnt. In den vergangenen Stunden haben sie bereits Vulkanausbrüche erlebt, die Bewohner polynesischer Inseln gesehen, den Atlantik durchkreuzt, Kap Hoorn umsegelt. Auf fast 400 Meter langen und zweieinhalb Meter hohen, detailliert bemalten Baumwolltüchern haben sie die Reise des Walfängerschiffs „Kutusoff“ sowie weiterer Segler nachempfunden, von der US-amerikanischen Ostküste vorbei an Afrika und Südamerika hinein in den offenen Pazifik. Eine epische Fahrt. Und eine Show sondergleichen.
„The Grand Panorama of a Whaling Voyage, Round the World“, im Jahr 1848 vollendet, ist das größte bekannte „Moving Panorama“, das je durch die USA tourte. In einer Zeit, in der die riesigen Bilder – Meter für Meter abgerollt von in Metallzylindern verstauten Spulen – zu den beliebtesten Unterhaltungsgenres gehören, sticht die „Whaling Voyage“ hervor durch Ausmaß, Inhalt und Akribie. Wie ein Film entfaltet sich auf ihr das Abenteuer der Walfänger, gut ausgeleuchtet, begleitet von Musik und der durchdringenden Stimme eines Mannes, der Sätze deklamiert wie: Seht, die Schwanzflosse! Oh, wie der Wal sprüht, wie er blutet! Hier, noch eine Harpune trifft den Wal! Der Mann, der die Bilder kommentiert, weiß, wovon er spricht. Benjamin Russell war selbst an Bord der „Kutusoff“, 42 Monate lang, als Fassmacher, ehe er Künstler wurde – die erfolgreichste seiner vielen Karrieren.
Russell wächst auf in New Bedford, Massachusetts, damals ein Zentrum der prosperierenden Walfangindustrie. Seine Familie, einflussreich, weit vernetzt, spielt mit im gut gehenden Geschäft mit den Meeressäugern, aber eher vom Schreibtisch aus, nicht auf hoher See. Der ehrgeizige Russell macht seinem Clan alle Ehre, steigt auf zum lokalen Bankdirektor. Doch ein Finanzcrash 1833 beendet jäh seine Laufbahn, stürzt seine Familie gar in Schulden. Um die Gläubiger zu bedienen, schlägt er sich fortan in wechselnden Jobs durch und heuert 1841 schließlich auf dem Walfänger „Kutusoff“ an. Bis 1845 durchsegelt er auf dem Dreimaster die Weltmeere. Seine Heuer ist überschaubar. Aber Russell, seit seiner Jugend begeisterter Zeichner, fertigt an Bord etliche Skizzen von seinen Erlebnissen an – vielleicht hat er dabei schon im Hinterkopf, wie er sie zu Geld machen kann.
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Angesichts seines von Handy und Laptop geprägten Alltags stellt sich Autor Johannes Teschner den Besuch eines „Moving Panorama“ als angenehme Entschleunigung vor.
| Vita | Angesichts seines von Handy und Laptop geprägten Alltags stellt sich Autor Johannes Teschner den Besuch eines „Moving Panorama“ als angenehme Entschleunigung vor. |
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| Person | Von Johannes Teschner |
| Vita | Angesichts seines von Handy und Laptop geprägten Alltags stellt sich Autor Johannes Teschner den Besuch eines „Moving Panorama“ als angenehme Entschleunigung vor. |
| Person | Von Johannes Teschner |