Durch Raum und Zeit

Belgiens Küste misst 67 Kilometer. Eine Straßenbahn fährt die ganze Strecke ab und gewährt Momentaufnahmen von architektonischen Merkwürdigkeiten, die allerhand Assoziationen wecken. Ein Perspektivenwechsel.
Jun 2005, No. 50
De Panne, Endstation. Eine masslose Skulpturenanlage, hineingepflanzt in ein Hochhausensemble. Als ob der Stalinismus vorbeigezogen waere und seine Aesthetik en passant verloren hätte.

Weltkarte

Heftinhalt mare No. 50

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Endstation Knokke. Eine Straßenbahn in aller Moderne, mit bunter Werbung beklebt, aerodynamisch gerundetes Glas vor dem Fahrer. Endstation ist Grenzstation, ein paar Häuser noch, dann kommt Holland. Hier aber ist Belgien. Ein Casino gibt es in Knokke, ein Museum für moderne Kunst, eine Schmetterlingsvoliere. Diese Stadt an der Nordsee hat etwas zu bieten, vor allem monumentale Blöcke, in denen all die Menschen wohnen, die durch die Stadt quirlen.

Die Tram fährt los, eine 67 Kilometer lange Reise, 132 Minuten dem Meer entlang. Am Ende wartet wieder eine Endstation = Grenzstation; dort aber ist dann Frankreich hinter den letzten Häusern.

Wie viel Hässlichkeit erträgt ein Landstrich? Ein Haus mit solch spitzem Dach, dass es einer Kinderzeichnung entsprungen sein könnte, ein dreidimensionaler schlechter Witz, nicht der erste und wohl nicht der letzte. Die Fertigvillen mit ihren hellen Ziegeln sind trostloser als die Apartmenthäuser; lackierte Zäune, kurzer Rasen, Ordnung, Leere. Betuchte Langeweile, die an öde Sommersonntage in den gehobenen Vororten der westlichen Welt erinnert, an Berlin-Steglitz oder die amerikanischen Suburbs, an blank geputzte Autos vor Garageneinfahrten, an Glück, das den Tod zu verscheuchen glaubt, an Lügen, Betrügen, an das Fremdgehen, an all die Sehnsüchte unzähliger Biografien.

Die Strassenbahn von Knokke nach De Panne. Wo gibt es das sonst - eine Tram direkt am Meer?
Seebad Blankenberge. Berge gibt es hier in der Tat, Berge von Hochhaeusern.
Das Pluralistische dieser Kueste beginnt Spass zu machen, diese hemmungslose Aneinanderreihung von Elementen.

Kein Verbrechen, das ausgelassen wurde; zu sehen sind Schändungen an der Architektur. Plötzlich, hinter einer Kurve, zehngeschossige Häuser mit voluminösen Giebeldächern. Welcher Baustadtrat konnte das bewilligen? Wer hat wen bestochen, vor 25 Jahren?

Hochhäuser, auf Chalets getrimmt, ihres eigentlichen Charakters beraubt. Ist denn Belgien ein Land ohne Architekten? Glänzte hier nicht einmal ein mondänes Leben? Gab es nicht die Bäderarchitektur, Art déco? Hat hier nicht Magritte gemalt und Keith Haring?

Haltestelle, eine von 70 auf dieser Strecke. Zeebrücke-Manitoba. Was will uns das Zitat aus dem fernen Kanada sagen? Die nackte Blondine auf der übergroßen Plakatwand weiß es auch nicht. Aus ihr wuchern sechs Brüste, und sie stillt drei Babys. Marketing pervers. Die Wölfin im glattweißen Frauenkörper wirbt für eine Matratze. Niemand schaut hin.

Ein Kanal, eine Brücke, rechter Hand tut sich das Meer auf, eine Hafeneinfahrt mit Englandfähren, ein antikes russisches U-Boot, von zwei Kindern bestaunt. Unten das Hotel „Palace": „Te koop." So vieles ist hier zu kaufen. Auch das „Grand Hotel Palace". Solange es keiner haben will, sitzt ein Mann in rotem Trainingsanzug vor einem Fernseher im Erdgeschoss und bewacht den 100-Zimmer-Kasten, dessen Fassade wegen der salzigen Luft zerbröselt. Gießt Pflanzen, die mitverkauft werden sollen. Und isst Chips. Dünen bis an die Promenade, Hasenkötel überall.

Ein Mensch steigt ein, wenige stehen, ein paar sitzen mit Tüten zwischen den Beinen, die Bahn legt an Geschwindigkeit zu, das graue Meer blitzt zwischen den Häusern durch. An einer halb leer gebombten Straßenecke ein chinesischer Imbiss in einem zweistöckigen Haus, Verzierungen aus Leuchtstoffröhren, daneben ein Gemüseladen, wieder Schnörkel aus Leuchtstoffröhren, noch ohne Licht. Kabel hängen über der Straße, über den Gleisen, baumeln im Wind. Bekannte Bilder, Bilder von Orten an der amerikanischen Ostküste, im Gedächtnis verfestigt. Edward Hopper. Warum nur immer diese Gedanken an andere Welten, andere Plätze? Eine eigentümliche Identitätslosigkeit in diesem Land.

Blankenberge. Berge gibt es hier in der Tat, Berge von Hochhaussiedlungen mit Fenstern zum Meer hinaus, direkt vor die Gründerzeitvillen gestellt. Die Villen starren jetzt auf die Hinterteile der Betonplatten, wie abgebrochene Zacken eines Kamms, wenn denn der Griff die Hochhäuser wären. Mietshäuser, Hotels, Hunderte winziger Wohnungen, aufeinander getürmt, ineinander verschachtelt, immer am Strand entlang gereiht und gestapelt.  Sie müssen sich geärgert haben, die Villenbesitzer, als ihnen die Betonriegel vor die Nase gebaut wurden in den siebziger Jahren. Zwischen den schnörkellosen Riesen ein renitentes Giebelhäuschen, das nicht weichen wollte.

Schicht um Schicht entwickelt sich dieser Küstenabschnitt: das Meer, der Strand, die Promenade, die Hochhäuser, die Villen, die Straßenbahn. Manchmal ändert sich die Reihenfolge, und die Straßenbahn liegt zwischen Strand und Promenade oder zwischen Promenade und Hochhausreihe. Als ob es Seile wären, die 67 Kilometer lang um die beste Lage ziehen und kämpfen würden, Schnüre aus Metall oder Beton oder Sand.

Warum nur fehlt die zeitgenössische Architektur? Ein paar Kilometer weiter im Nachbarland ist die vorbildlichste Moderne zu besichtigen, ein Schaukasten des mutigen Bauens. Geniale Würfe sind in den Niederlanden zu bestaunen. Aber hier geschieht nichts Neues. Als ob diese Küste erstarrt wäre, noch im Schock der brutalen Bauten aus den Siebzigern, beschämt von den verniedlichenden Sünden der Postmoderne. Und beschlossen hätte, bloß nie wieder Stellung zu beziehen und zu warten, bis alles vorbei ist, vergraben vielleicht von den Dünen, zurückgeholt vom Meer.

Ein Ort mit programmatischem Namen, Wenduine, ein Dorf, das aus einer einzigen Straßenschlucht besteht, die sich an einer Dünenkette entlangwindet, die der Bahn den Weg verstellt. Häuser in grotesken Proportionen: aneinander geschmiegte Bauten, schmal und hoch, teilweise nur ein Zimmer breit. Dazwischen Gebäude der Belle Époque. Braun, beige, graubraun; gefliest, geschlemmt, verputzt. Am Wasser stehen Strandhäuschen, mit grünen und weißen Streifen, in Reih und Glied vor dieser massiven, geschlossenen Häuserfront.

Die Fenster der Wohnblöcke gehen bis zum Fußboden, dahinter ist das Mobiliar zu sehen, viel zu große Plüschsessel quetschen sich in der klaren Architektur. Menschen sitzen und schauen auf die Brandung, als seien sie im Kino und blickten auf die Leinwand. Ein Dutzend Stockwerke übereinander, jeder Horizont drei Meter über dem nächsten Horizont. Was für eine exhibitionistische und voyeuristische Angelegenheit, ein Paradies für Suchende.

Eine Schicht weiter landeinwärts: An der Straßenbahnhaltestelle flackern Fußgängerampeln und Signale. Blinkende Buchstaben warnen: T R A M. Das Meer ist kaum zu hören, aber es ist zu riechen, die Luft ist frisch, Möwen schreien, und Nebel zieht vom Meer her auf das Land.

Der Fahrer beschleunigt, Wenduine  bleibt zurück und wirkt im Kleinerwerden wie eine in den Sand gesetzte Skulptur aus Stein, ein plausibles Stück Künstlichkeit. Gleich hinter der Düne ist nichts mehr bebaut, keine Zersiedelung der Landschaft, keine ausufernden Zerfaserungen, wie sie andere Landstriche quälen. Sand liegt auf den Schienen, dazwischen wächst Gras. Kaninchen kauern in den Dünen, es sind Spuren von Wild zu sehen, kilometerlange Natur. Bis auf die Gleise nichts, das von menschlichem Sein zeugte.

In De Haan dann führt ein Mann seine graue Dogge auf den Gleisen spazieren. Ein Grollen eilt der Tram durch die Dünen voraus, der Mann hört die Bahn schon von Weitem und geht zur Seite.

Autor Zora del Buono

Zora del Buono, stellvertretende mare-Chefredakteurin, hat an der ETA Zürich Architektur studiert und lebt in Berlin; ihre letzten beiden Reisen haben sie nach Istanbul und Kapstadt geführt. weitere Infos

Seit 120 Jahren fährt die Tram durch De Haan, ein Art-déco-Straßenbahnhäuschen weist auf große Vergangenheit. Schon Albert Einstein stieg hier über Monate ein und aus, vor seiner Emigration in die USA. Etwas Charmantes hat sich halten können, eine Stadtplanung wie in Marienbad; man denkt an Fontane und sein Kessin, an Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt, an englische Seebäder, an die Bahn, die Thomas Mann von Königsberg nach Svetlogorsk brachte. Nur dass man hier nicht ans Meer fährt, sondern am Meer entlang. Schon wieder diese Assoziationsflut, hervorgerufen durch das Potpourri von Villen, gelegen an kurvigen Straßen; hübsche aus der Zeit der Seebäder und hässliche aus den letzten 20 Jahren, Imitate mit Pseudofachwerk; Lügen, aber wen interessiert das, Hauptsache, es sieht alt aus.

In Oostende dann ist die Moral gänzlich verschwunden. Wie sich die Menschen nur an diese Absurdität gewöhnen, die einem beim ersten Anblick den Atem nimmt? Eine ganze Zeile Spitzgiebelhäuser ist zum Sockel eines Hochhauses geworden, das wie ein monströser Granitquader aus den jahrhundertealten Backsteinhäuschen emporgewachsen zu sein scheint. Las Vegas könnte es nicht besser machen. Der Wille, das Alte zu erhalten, um das Neue zu ermöglichen, muss vor drei Jahrzehnten irre gewordene Planer zu dieser Gewalttat angestachelt haben. Der Verzicht auf den Neubau oder Mut zum Abriss wäre konsequenter gewesen.

Die Bahn stottert durch Oostende von Station zu Station, sammelt Leute auf und gibt sie ab, im Sommer wollen alle ans Meer, sitzen in Badelatschen und mit bunten Taschen in der Tram, ein Kommen und Gehen, ein Eisgeschlecke und Geschrei. Außerhalb der Saison ist Ruhe. Gelassener Alltag. Stichstraßen führen hinunter zur Seepromenade.

Dann ein Gitterzaun. Dahinter auf dem Flugfeld eine Maschine der Air Uganda. Nicht SAS oder KLM oder Virgin Express, nein, Air Uganda. Große, weite Welt in Oostende. Die Überraschung der Provinz. Und nun folgt eine der anderen. Die Wellington-Pferderennbahn taucht aus dem Nebel auf, eine wunderbare Ansammlung elfenbeinfarbener Bauten mit geschwungenen Tribünen und gläsernen Veranden. Architektur der vierziger Jahre von ihrer allerschönsten Seite, ein Märchen der klassischen Moderne. Dazu die passende Momentaufnahme, als ob sie für die Vorbeifahrenden in der Bahn geschaffen worden sei: In einem 20-jährigen Mercedes-Coupé sitzt eine alte Dame mit Hut und zwei Hündchen auf dem Beifahrersitz. Sie blinkt und biegt ein in das Stadion, vorbei an den Pferdeskulpturen; die Reisenden in der Tram können sich jetzt vorstellen, wie sie mit den Jockeys, wahrscheinlich ihren Jockeys, spricht, über das Rennen gestern oder jenes übermorgen.

Fotograf Andrew Testa

Der britische Fotograf Andrew Testa ist für mare zuletzt in Saudi-Arabien und Thailand gewesen. Beide waren sich einig, dass sie noch nie eine bizarrere Gegend wie die belgische Küste gesehen haben. Und doch wurden ihnen die Geschmacklosigkeiten entlang der Straßenbahnlinie im Lauf der Zeit immer sympathischer. weitere Infos

Die Bahn saust dem Strand entlang, nichts trennt sie mehr von der Küste, keine Bauten, keine Bäume, keine Straße. Wo auf der Welt gibt es das sonst - eine Tram fährt durch den Abendnebel direkt am Meer. Im Halbdunkel die Bunker des Atlantikwalls, Geschütze starren aus den Festungsbatterien, verjährte Aggression ragt aus den Dünen, heute ein Museum des Ersten wie auch des Zweiten Weltkriegs. Die Bahn rast, kaum ist sie aus den Städten heraus, so schnell, dass man um ihre Stabilität fürchtet, und dann erscheint eine Fata Morgana, ein gestrandetes Schiff an den Gleisen. Es ist das alte, verlassene Hotel „Normandie", entworfen von einem Schiffsliebhaber, komplett mit Reling, Bullaugen und Brücke. Das Pluralistische dieses Landstrichs beginnt Spaß zu machen, die hemmungslose Aneinanderreihung von Elementen wird zum Spiel, ernst nehmen kann man das alles nicht.

Die belgische Küste hat zwei Gesichter und Farben: eine Tagfarbe und eine Nachtfarbe. Im Tageslicht ist alles beige, von ein paar bunten Einsprengseln abgesehen, blaue Tafeln oder rote Ampeln. Ansonsten: Beige in all seinen Schattierungen, Sand, Crème, Isabel. Das Nachtbelgien flimmert und leuchtet grellbunt: Neonbeleuchtung an jeder Wand, überdimensionierte illuminierte Pommes-Tüten und Hamburger, Lichterketten, Leuchtreklamen. An eingeschossigen Bauten strahlt einem überdimensional groß Rot entgegen, man könnte meinen, es läge ein Bordell neben dem anderen. Auch das Rot und Grün für die Fußgänger leuchtet heller als im Rest der Welt, das gelbe Straßenbahnlicht strahlt durch die Dünen, Überführungen sehen aus der Ferne aus wie gelandete Ufos. In den Orten pulsieren Schriftzüge, und entlang der Tram ist alles grell. Die volle Beleuchtung, auch wenn längst kein Mensch mehr auf der Straße ist. Und gleich dahinter das tiefschwarze Meer.

Die Tram fährt durch den letzten Ort, Endstation De Panne, fährt vorbei an einer maßlosen Skulpturenanlage, die in die Hochhäuser gepflanzt wurde, als ob der Stalinismus hier vorbeigezogen wäre und seine Kunstästhetik en passant verloren hätte. Und wenn nicht der Stalinismus, so scheint doch der Sozialismus Spuren hinterlassen zu haben. Ein jeder hat seinen Blick aufs Meer verdient, egalitäre Architektur thront vor den Gründerzeitvillen: Besser, es können tausend Menschen neben- und übereinander gestapelt das Meer genießen als nur ein Villenbesitzer mit seiner Apanage. Glückliches Belgien.

Nach 132 Minuten Tramfahrt hat die Hässlichkeit sich zwar nicht verloren, aber es ist auf 67 Kilometern eine reizvolle Erkenntnis hinzugekommen, nämlich: Der Wandel der Zeit ist sichtbar, ungeschminkt und authentisch.

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