Liebe Leserin, lieber Leser,
warten, nachfragen, wieder warten, Risiken eingehen und treu bleiben. Das sind Zutaten für drei außergewöhnliche Reportagen. Vor zwölf Jahren fragten wir das erste Mal bei der Fotografin Evgenia Arbugaeva an, ob wir nicht eine Geschichte aus ihrer Heimatstadt Tiksi realisieren könnten. Sie hatte gerade mit einigen wenigen Fotografien der Stadt am russischen Eismeer einen Preis gewonnen, deretwegen wir auf sie aufmerksam geworden waren. Arbugaeva reiste danach noch einmal ins winterliche Tiksi, und wieder entstanden großartige Bilder. Und als wir sie fragten, ob sie vielleicht selbst einen Text dazu verfassen könne, sagte sie nach kurzem Zögern auch dies zu. In mare-Ausgabe 101 veröffentlichten wir die außergewöhnliche Reportage über Evgenias Geburtsstadt im nördlichsten Sibirien.
Drei Jahre später – Evgenia Arbugaeva nimmt sich immer viel Zeit für ihre Projekte – schickte sie uns ein paar Bilder eines Leuchtturms am Ende der Welt, wieder an Russlands Eismeerküste auf der Halbinsel Russki Saworot. Dorthin war sie mit einem Eisbrecher gereist und hatte zufällig den einsam lebenden Leuchtturmwärter Slawa entdeckt.
Aber sie musste, wollten wir ein größeres Porträt von ihm publizieren, noch mindestens ein weiteres Mal zu Slawa reisen. Was ihr zum Glück mithilfe mehrerer Hubschrauberflüge (als einzige Passagierin) letztlich auch gelang. Daraus entstand 2014 unsere Titelgeschichte „Der nordische Zauberer“ (mare No. 107) über das mönchgleiche Leben von Slawa in kompletter Einsamkeit. Die folgenden Auszeichnungen und Nominierungen waren Bestätigungen für unsere Entscheidung.
Und dann kam diese Einladung von Evgenia im Sommer 2022 für eine Filmvorführung. Sie hatte, gemeinsam mit ihrem Bruder Maxim Arbugaev, den Dokumentarfilm „Haulout“ gedreht, wieder am russischen Nordpolarmeer, wieder extrem entlegen. Er wurde auf der 72. Berlinale und dem Kurzfilmfestival in Hamburg gezeigt. Den Film hatte sie mir gleich an die E-Mail angehängt. Dieses Mal mussten wir kein Risiko eingehen – nur warten und immer wieder einmal nachfragen. Denn als die mare-Redaktion die Idee hatte, aus dem Film Screenshots zu isolieren und daraus eine weitere Reportage zu machen, wurde „Haulout“ für den Oscar nominiert. Die Geschwister hatten danach natürlich kaum mehr Zeit und Muße, sich um das Anliegen des kleinen mare-Verlags zu kümmern.
Aber Treue zahlt sich eben aus, und wir erhielten ihre Zusage zu unserem – wie wir immer noch finden – genialen Einfall. In dieser Ausgabe können Sie nun sehen und lesen, was die Academy of Motion Picture Arts and Sciences so sehr beeindruckte, dass sie „Haulout“ für einen Oscar nominierte. Lassen Sie sich überraschen …
Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Nikolaus Gelpke
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