Der nordische Zauberer

Am Rand der Welt, auf einer eisigen Halbinsel in der russischen Arktis, lebt und arbeitet der Meteorologe Slawa in völliger Einsamkeit. Über ein erfülltes Leben in Entsagung menschlicher Nähe

Kindheit am Rande der Welt

Bevor ich mit der Geschichte von Slawa beginne, möchte ich darüber berichten, wie es mich auf diese kleine Halbinsel Russki Saworot verschlagen hat. Ich werde etwas weiter ausholen und mit meiner Kindheit beginnen.

Ich wurde in dem kleinen Ort Tiksi geboren, am Ufer des Polarmeers im Norden Russlands. Wenn man ihn auf der Karte sucht, wird man feststellen, dass er sich buchstäblich am Rand der Welt befindet. Während des Kalten Krieges war dieser Ort eine wichtige Militärbasis und ein Symbol der goldenen Zukunft der Sowjetunion in der Arktis. Das ist lange her. Mein Vater war Biologielehrer und hatte sich seit je für den Norden interessiert. Zusammen unternahmen wir Fischzüge im Meer und lange Wanderungen in der Tundra, dabei zeigte er mir die verschiedenen Pflanzen und Tiere. Zuweilen besuchten wir seine Freunde in der Wetterwarte außerhalb der Siedlung. Ich war sehr gerne dort. Die bärtigen Meteorologen schenkten uns Rhododendrontee ein und reichten Moltebeerenmarmelade dazu. Sie erklärten mir, wie die Polarlichter entstehen, und zeigten mir einen reich bebilderten Wolkenatlas. Ich empfand Hochachtung vor diesen Menschen, denn sie konnten mir Naturereignisse erklären, die ich für Wunder gehalten hatte und die nach ihren Erklärungen eine noch größere Zauberkraft auf mich ausübten. Diese Leute waren wahre Polarforscher, die ihr ganzes Leben in der Arktis verbrachten und sie von ganzem Herzen liebten. Die Erinnerungen an sie haben mich mein Leben lang begleitet, und sie tauchen immer wieder auf, wenn ich die Wettervorhersage im Fernsehen anschaue.

Erster Besuch in Chodowaricha. Begegnung mit Slawa

Im Sommer 2013 unternahm ich eine Reise an Bord des Eisbrechers „Michail Somow“, der einmal im Jahr die entlegenen arktischen Wetterwarten mit den nötigen Vorräten und Bedarfsgütern versorgt. Ich hatte mir erhofft, dieselbe Atmosphäre wiederzufinden, die ich aus meiner Kindheit kannte, doch zu meiner Überraschung waren fast alle Stationen als gesichtslose, langweilige Module wiederaufgebaut worden, in denen jetzt junge Spezialisten tätig waren, denen jegliche arktische Romantik fernlag. Die meisten waren wegen der Arbeit hierhergekommen, angezogen von den Lohnzulagen oder weil sie auf dem Festland keinen Job finden konnten. Ich hatte den Eindruck, dass einige nur ihre Zeit dort absaßen. Es betrübte mich, diese neue Generation von Polarforschern zu beobachten. Somit setzte ich voller Enttäuschung meine zweimonatige Reise durch das Eismeer fort, bis wir die Halbinsel Russki Saworot in der Barentssee erreichten.

Hier lernte ich Slawa kennen und begriff sofort, dass er es war, den ich gesucht hatte. Sein ruhiger Blick, in dem eine Traurigkeit lag, eine Art höheres Wissen, das uns Städtern unzugänglich ist, kam mir bekannt vor. Ich erkannte die gleiche abgewetzte Jacke wieder, wie sie alle meine Meteorologen in Tiksi getragen hatten.

Er bat mich einzutreten, verblichene Blümchentapete an der Wand, ein Tisch, vollgestellt mit den verschiedensten altertümlichen Geräten; Schrauben, Muttern und Ersatzteile für Morsetasten sowie ein Bild des lächelnden Juri Gagarin, vor Jahrzehnten aus einer Zeitung ausgeschnitten. Das ganze Haus befand sich in einem unbeschreiblich chaotischen Zustand, doch bei genauerem Hinsehen konnte ich erkennen, dass hier eine eigene Ordnung herrschte, in der sich allein Slawa auskannte, die Ordnung eines einsamen Menschen.

Slawa war wortkarg, doch bei jenem kurzen Gespräch, das wir bei meinem zweistündigen Besuch führten, hatte ich das Gefühl, dass wir uns verstanden; schwer zu sagen, warum.

Ich kehrte auf das Schiff zurück, und wir ließen die Halbinsel hinter uns. Ich blickte auf die sich entfernenden Ufer von Chodowaricha und nahm mir fest vor, dorthin zurückzukehren.

Winter

Die Station ist nur mit dem Hubschrauber zu erreichen, und mir blieb nichts anderes übrig, als einen ganzen Flug für mich allein zu buchen, da es keine Passagierflüge in diese Region gibt. Bei der Fluggesellschaft in Narjan-Mar machten sie große Augen, als ich mit einem Korb Apfelsinen, Sekt und einem Käfig mit einem Wellensittich auftauchte. „Willst du wirklich das Neujahrsfest in diesem gottverlassenen Nest verbringen? Lebt dort überhaupt noch jemand?“, fragten die Sekretärinnen im Flughafen erstaunt.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 107. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 107

No. 107Dezember 2014 / Januar 2015

Von Evgenia Arbugaeva

Evgenia Arbugaeva, geboren 1985 in Tiksi, Sibirien, arbeitet als Fotografin, vornehmlich in arktischen Regionen, und pendelt zwischen New York und Russland. Ihre Arbeit wurde mehrfach preisgekrönt und unter anderem in National Geographic und Le Monde 2 veröffentlicht.

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Vita Evgenia Arbugaeva, geboren 1985 in Tiksi, Sibirien, arbeitet als Fotografin, vornehmlich in arktischen Regionen, und pendelt zwischen New York und Russland. Ihre Arbeit wurde mehrfach preisgekrönt und unter anderem in National Geographic und Le Monde 2 veröffentlicht.
Person Von Evgenia Arbugaeva
Vita Evgenia Arbugaeva, geboren 1985 in Tiksi, Sibirien, arbeitet als Fotografin, vornehmlich in arktischen Regionen, und pendelt zwischen New York und Russland. Ihre Arbeit wurde mehrfach preisgekrönt und unter anderem in National Geographic und Le Monde 2 veröffentlicht.
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