Transatlantik

Ein Containerschiff, der Atlantik, ein einzelner Passagier – das sind die Zutaten einer Passage, die völlig aus dem Ruder läuft. Eine wahre Kurz­geschichte

Ich hatte ein paar Tausend Deutsche Mark auf der hohen Kante, als meine kleine Schwester mich aus der alten Heimat L.A. anrief, um mir mitzuteilen, dass sie im Mai heiraten und mich dabeihaben wolle. Ich war kein Fan von ausufernden amerikanischen Hochzeitsfeiern (bei dieser wurden 300 Gäste erwartet), und das ganze Trara kostete meinen armen Vater ein Vermögen, aber da ich meine Schwester sehr mochte, war mir ihr Wunsch Befehl. Die Hochzeit wurde dann doch ein großer Spaß. Ich hielt die Rede beim Essen, trank mir die ganze Sache zurecht und verbrachte die nächsten Wochen damit, meine Verwandtschaft zu besuchen und alte Freunde zu treffen, bis es Zeit wurde, zurück nach Hause zu fahren. Nach Berlin. Das war jetzt mein Zuhause. Dass es so war, war mir nicht klar gewesen, bis ich wieder nach L.A. gekommen war, mein angebliches Zuhause, aber zwei Wochen konventionelles Mittelschichtsvorstadtleben – und die Tatsache, dass meine kleine Schwester gerade mit allem gegebenen Tamtam und Zeremoniell in eben solch ein Leben aufgebrochen war – hatten mich zappelig gemacht. Sie hatten sogar eine Art Unwohlsein verursacht, das, so fühlte ich, nach einer Entschlackung rief und damit eine Idee akut werden ließ, die schon lange latent in mir geschlummert hatte: Ich wollte den Atlantik per Schiff überqueren. Verdammt, das hatte ich anderen schon seit Jahren nahegelegt. Das wird ein romantisches Abenteuer, hatte ich gesagt, die Menschen sind viel zu festgefahren im Antiabenteuer von Flugreisen, zu „beschäftigt“, um sich eine oder zwei Wochen Auszeit zu nehmen für eines der aufregendsten Erlebnisse, das ihnen je widerfahren dürfte – zu beschäftigt damit, Rieseneinkaufswagen durch Walmart-Filialen zu schieben und die Kinder zu und vom Fußballtraining zu kutschieren und sich in den Annehmlichkeiten des Lebens und selbstzufriedener Mittelmäßigkeit zu suhlen –, und ich meine natürlich keine Überfahrt im Kreuzfahrtschiff, sondern im Containerschiff, erhabene Einsamkeit auf dem schaum­gekrönten Atlantik, auf Du und Du mit der Crew aus alten Seebären! Vergesst die Kreuzfahrtschiffe mit ihren Casinos und Wellnessbereichen und Unterhaltungsprogrammen, bei denen man mit Trotteln zusammengepfercht ist, die tatsächlich glauben, dass sie Spaß hätten (schließlich hat man noch ein bisschen Selbstrespekt), denn nicht zuletzt geht es darum, das richtige Gefühl von Entfernung und Zeit wiederherzustellen, das nur durch ein langsameres, dem Menschen entsprechendes Tempo erreicht werden kann, im Einklang mit unserer inneren Uhr … Was sagt ihr da? Containerschiffe sind gefährlich? Im Ernst jetzt? Na, und wenn schon! Genau das ist es doch, was unse­rer Gesellschaft fehlt: ein bisschen mehr Gefahr im Alltag, ein bisschen Risiko, ein bisschen Wagnis – wobei ich persönlich nichts gefährlicher finde als ein Dasein als Lohnknecht, der ein Leben lang auf Nummer sicher geht und am Ende seiner Tage zurückblickt und feststellen muss, dass er nie einen einzigen davon GELEBT hat … 

Aus dem Amerikanischen von Julia Ritter

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 175. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 175

mare No. 175April / Mai

Von Kevin McAleer und Jan Feindt

Kevin McAleer, 1961 in Kalifornien geboren, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. „Transatlantik“ ist ein Auszug aus seinem Buch „Tales of an ­Inadvertent Traveler“, das im Herbst 2026 bei ­PalmArtPress erscheint. Sein Roman „Surferboy“ ist auf Deutsch beim mareverlag erhältlich.

Jan Feindt, Jahrgang 1975, lebt als freiberuflicher ­Illustrator in Berlin. Im Lauf seiner Karriere arbeitete er für unterschiedliche Auftraggeber, von der New York Times über den Rolling Stone bis hin zur Washington Post, vorwiegend zu politischen ­Themen. Für mare hat er sich auf hohe See begeben.

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Vita

Kevin McAleer, 1961 in Kalifornien geboren, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. „Transatlantik“ ist ein Auszug aus seinem Buch „Tales of an ­Inadvertent Traveler“, das im Herbst 2026 bei ­PalmArtPress erscheint. Sein Roman „Surferboy“ ist auf Deutsch beim mareverlag erhältlich.

Jan Feindt, Jahrgang 1975, lebt als freiberuflicher ­Illustrator in Berlin. Im Lauf seiner Karriere arbeitete er für unterschiedliche Auftraggeber, von der New York Times über den Rolling Stone bis hin zur Washington Post, vorwiegend zu politischen ­Themen. Für mare hat er sich auf hohe See begeben.

Person Von Kevin McAleer und Jan Feindt
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Kevin McAleer, 1961 in Kalifornien geboren, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. „Transatlantik“ ist ein Auszug aus seinem Buch „Tales of an ­Inadvertent Traveler“, das im Herbst 2026 bei ­PalmArtPress erscheint. Sein Roman „Surferboy“ ist auf Deutsch beim mareverlag erhältlich.

Jan Feindt, Jahrgang 1975, lebt als freiberuflicher ­Illustrator in Berlin. Im Lauf seiner Karriere arbeitete er für unterschiedliche Auftraggeber, von der New York Times über den Rolling Stone bis hin zur Washington Post, vorwiegend zu politischen ­Themen. Für mare hat er sich auf hohe See begeben.

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