An keinem Kind hätten diese Sommer in St Ives vorübergehen können, ohne Spuren zu hinterlassen. Virginia Woolf verbrachte bis zu ihrem zwölften Lebensjahr ihre Ferien an der Westküste von Cornwall: Wochen voller Badefreuden, Kricketspielen mit den Geschwistern, Wanderungen mit dem Vater entlang der Steilküste; ein Haus voller Gäste, umsorgt von ihrer empathischen Mutter. In den Nächten zählte sie den Takt der Wellen, bis sie sich der beruhigenden Monotonie ergab und einschlief. Jedes Jahr schrieb sich das Meer tiefer in ihre Erinnerungen ein.
Drei ihrer sieben Romane lassen es im Titel erahnen: „Die Fahrt hinaus“, „Zum Leuchtturm“ und „Die Wellen“. Dabei ist Woolfs Meer nicht der aus Bläue gewebte Hintergrund ihrer Figuren. Wenn das Meer in ihren Romanen brandet, lässt sie Gedanken über den Sinn allen Daseins zu Wasser, im Besonderen auch über den Tod. Anders verhält es sich in ihren Tagebüchern und Briefen. Hier offenbart sich ein spielerisches Verhältnis zur See, gekoppelt an einen vertrackten Humor. Vor allem ihre Korrespondenz mit ihrer Freundin und zeitweiligen Geliebten, der Schriftstellerin und Gartengestalterin Vita Sackville-West, ist durchtränkt von Meeresmetaphorik.
Ihre Beziehung war purer Luxus, beide waren verheiratet mit Partnern, die sie liebten und unterstützten, beide waren als Schriftstellerinnen erfolgreich. Sackville-West liebte Woolfs Intellekt und bewunderte sie als Autorin, Woolfs Begehren dagegen richtete sich durchaus auch auf den Körper der Freundin. Sie schrieb in ihr Tagebuch: „Ich mag sie & das Zusammensein mit ihr, & den Glanz – sie verbreitet ein Strahlen wie von brennenden Kerzen, wenn sie beim Krämer von Sevenoaks daherschreitet auf Beinen wie Buchen, rosaglühend, klunker- und perlenbehangen …
Da ist ihre Reife und Vollbusigkeit: wie sie so mit vollen Segeln auf hoher See kreuzt, während ich auf Nebengewässern dahindümpele …“ Und Vita schrieb an ihren in Persien stationierten Ehemann Sir Harold Nicholson, sie sei „ziemlich stolz, in Wahrheit, einen so großen, silbernen Fisch gefangen zu haben“.
Als Vita auf dessen Wunsch zu Sir Harold nach Teheran reiste, war Virginia zwar voller Sehnsucht, aber gleichzeitig frei für Inspiration. Sie verglich derartige Schaffensphasen mit einem großen, uralten Fisch, der tief in Korallenwäldern lebte und nur selten zur Oberfläche emporstieg. Manchmal reichte ihr der Anblick seiner Rückenflosse, aber dieses Mal glaubte sie, ihn in Gänze fangen zu können. Gerade erst hatte sie ihren Roman „Zum Leuchtturm“ beendet, da brannte sie bereits für ihr nächstes Projekt, das eines ihrer erfolgreichsten Bücher werden sollte: „Orlando“. Mit diesem Roman, der das Leben seiner Hauptfigur über 350 Jahre beim Wechsel ihres Geschlechts vom Mann zur Frau begleitet, setzte sie der androgynen, dem britischen Hochadel entstammenden Sackville-West ein rasant erzähltes, zum Zeitpunkt seines Erscheinens höchst skandalträchtiges Denkmal.
Aber dabei beließ sie es nicht. Woolf hatte begonnen, die Freundin als Schriftstellerin zu fördern. Deren Reaktion schwankte zwischen Dankbarkeit und Revolte. Sackville-West lebte in einer starken Abhängigkeit von ihrer manipulativen Mutter, einer Auseinandersetzung damit wich sie aus. Woolf dagegen hielt diese für absolut notwendig, Sackville-West warf ihr Kaltherzigkeit vor. Woolfs lapidare Antwort: „Ja, Du bist fest verankert in meinem Herzen – so, wie es nun einmal ist, dem kalten Herz eines Fischs; (übrigens: Pinker [der Spaniel, den Vita ihr geschenkt hat, die Autorin] frisst auf dem Square einen Kabeljaukopf, erbricht sich unter meinem Bett, und ich rufe, strahlend, ‚Liebste Vita!‘) …“
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Autorin Kerstin Ehmer würdigt 16 sehr unterschiedliche Frauen in ihrem neuen Buch „Heldinnen der Meere“. Es ist kürzlich im mareverlag erschienen. Dieser Text ist ein gekürzter Auszug daraus.
| Vita | Autorin Kerstin Ehmer würdigt 16 sehr unterschiedliche Frauen in ihrem neuen Buch „Heldinnen der Meere“. Es ist kürzlich im mareverlag erschienen. Dieser Text ist ein gekürzter Auszug daraus. |
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| Person | Von Kerstin Ehmer |
| Vita | Autorin Kerstin Ehmer würdigt 16 sehr unterschiedliche Frauen in ihrem neuen Buch „Heldinnen der Meere“. Es ist kürzlich im mareverlag erschienen. Dieser Text ist ein gekürzter Auszug daraus. |
| Person | Von Kerstin Ehmer |