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Die Notiz an den Senator ist mit Schreibmaschine geschrieben, auf schlechtem Papier, grau und durchscheinend dünn, durchwirkt mit groben Papierfasern. Es ist das Jahr 1947, eine Zeit, in der es in Deutschland an allem mangelt und das Leben rationiert ist. Das Kriegsende liegt gerade zwei Jahre zurück, und ganz Europa scheint in Bewegung. Millionen entwurzelter Menschen suchen einen Neuanfang. Auch in die Hansestadt Lübeck drängen die Flüchtlinge, Wohnraum ist äußerst knapp.
Das Schreiben, das den Lübecker Senator in diesen schweren Tagen erreicht, ist datiert auf den 30. August 1947. „Im Zusammenhang mit der beabsichtigten Einquartierung von Juden im Lager Pöppendorf möchte der Unterzeichnende auf den folgenden möglichen Stein eines Anstoßes hinweisen.“
Einquartierung von Juden im Lager – im Jahr 1947?
Pöppendorf liegt zwischen Lübeck und Travemünde, und tatsächlich finden sich in dem Dorf um 1947 herum die Baracken eines ehemaligen Wehrmachtslagers. Unmittelbar an dieses Lager grenzt der Waldhusener Forst mit einem beliebten Ausflugsziel der Lübecker, einem freigelegten Hünengrab. Aber: „Am Zugang zum Hünengrab steht ein Stein, der mit runenartiger Inschrift auf die Bedeutung des Hünengrabes hinweist. Auf diesem Denkmal befindet sich ein Hakenkreuz. Da immerhin die Möglichkeit besteht, dass bei der zu erwartenden Stimmung unter den ankommenden Juden eventuell eine Beschädigung des Hünengrabes erfolgen könnte, erlaubt sich der Unterzeichnende den Vorschlag, den genannten Stein lieber im Vorwege zu entfernen.“
Ob der Stein mit dem Hakenkreuz daraufhin tatsächlich entfernt wird, darüber gibt es kein Dokument. Historisch gesichert aber ist, dass schon zehn Tage nach dem Schreiben auf einen Schlag über 4000 Juden in Pöppendorf eintreffen, die in jenem Sommer wohl weltweit bekanntesten Holocaustüberlebenden. Müde, desillusionierte Menschen. Die vergangenen zwei Monate haben sie unfreiwillig auf See zugebracht, gefangen auf einem Flüchtlingsschiff zwischen Europa und ihrem ersehnten neuen Leben in Palästina, immerzu beobachtet von Presseleuten, „New York Times“, „Le Monde“, „Der Spiegel“. Sie alle berichten über die „Exodus“-Flüchtlinge. Es ist eine verrückte Geschichte der verrückten Nachkriegszeit.
Noch ist der Judenstaat nicht gegründet, noch verwalten die Briten dieses Fleckchen Erde. Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, Namen, die Sehnsucht auslösen. Nach dem Grauen des Holocausts haben viele jüdische Überlebende das Gefühl, hier in Europa nicht mehr sicher zu sein. Sie wollen endlich eine Heimat. Schützende Grenzen, ein eigenes Land, eine eigene Armee. Nur ein Ort kommt für sie in Frage: Eretz Israel, Verheißenes Land.
Doch dieses Land ist nicht leer. Für die ansässigen Palästinenser ist es ihr Zuhause, manche Araber dort können ihre Familiengeschichte weit über 1000 Jahre zurückdatieren. Die Briten bekommen viel Druck von der arabischen Seite. Der Zustrom jüdischer Zuwanderer, verlangen sie, müsse begrenzt bleiben. Sonst werde es Mord und Totschlag geben. Die Engländer suchen einen pragmatischen Kompromiss. Jeden Monat sollen 1500 Visa an jüdische Flüchtlinge ausgegeben werden. Aber nicht nur Tausende, sondern Hunderttausende wollen in Palästina leben. Legal oder illegal, egal. Sie haben nicht vor, sich an die britische Quote zu halten.
Die Juden, seit Jahrhunderten in der ganzen Welt verstreut, haben nach 1945 begonnen, sich entschlossen zu organisieren. Nie wieder abhängig sein – von anderen Herren, anderen Religionen, anderen Nationalstaaten. Eine ihrer Untergrundorganisationen ist die Haganah, die Kernzelle, aus der wenig später das israelische Militär entstehen wird. Auch der Mossad, der spätere Geheimdienst, spielt schon eine große Rolle.
Haganah und Mossad suchen weltweit seetüchtige Schiffe und kaufen sie verdeckt auf. Diese Schiffe – egal ob Fischerboote oder Transportkähne – werden in kürzester Zeit für die Fahrt quer übers Mittelmeer seetüchtig gemacht. Zwischen 1945 und 1948 versuchen so 65 Schiffe, randvoll mit jüdischen Überlebenden des Holocausts, die Küste Palästinas zu erreichen, illegal. Mal haben die Schiffe 100, mal über 2000 Passagiere an Bord. Das berühmteste ist die „Exodus 1947“.
In ihrem zivilen Vorleben war die „Exodus“ ein gemütliches Ausflugsschiff in Nordamerika. Die „President Warfield“, wie sie damals hieß, schipperte Vergnügungshungrige seit 1928 von Baltimore nach Norfolk, durch die gut geschützte Chesapeake Bay am Atlantik. Ein prächtiges, mittelgroßes Schiff mit getäfeltem Ballsaal, kolonialem Dining Room, diversen Bars und hübschen Kabinen.
Dann kam der Zweite Weltkrieg, und spätestens 1942 war es auch in den USA mit dem Vergnügen vorbei. Jedes Schiff wurde für den Krieg gebraucht. So ging das Binnenschiff zusammen mit anderen Booten auf große Fahrt übers Meer und landete beim englischen Verbündeten. „Badewannenflottille“, witzelte damals die Presse. Aber die „President Warfield“ wich geschickt den deutschen Torpedos aus und überlebte als Transportschiff den Krieg. Als der schließlich vorbei war, landete die „President Warfield“ zum Abwracken auf einem Schiffsfriedhof in Baltimore.
Eigentlich wäre ihre Geschichte vorbei gewesen, gäbe es nicht Zeev Schind. 1946 ist er im Auftrag der Haganah in den USA unterwegs, um sich nach brauchbaren Schiffen umzusehen. Er entdeckt die „President Warfield“ und kauft sie für rund 60 000 Dollar über eine Tarnfirma, die Weston Trade Company. Der englische Geheimdienst soll möglichst lange nichts von diesem Kauf erfahren.
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Im Lübecker Stadtarchiv fand Susanne Leinemann, Jahrgang 1968, Autorin in Berlin, jenes Dokument von 1947, in dem es um die schnelle Entfernung eines Hakenkreuzes ging. Das kam ihr vertraut vor. Schon während ihres Geschichtsstudiums erzählten ihr Zeitzeugen, wie in der Nachkriegszeit Mein Kampf-Bücher, Hitlerbilder und Parteiabzeichen in den Feuerlöschteichen der Dörfer versenkt wurden. Ein beliebtes Spiel der Kinder war es, diese wieder herauszufischen und dem Besitzer vor die Haustür zu legen.
| Seitenzahl | 44 |
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| Vita | Im Lübecker Stadtarchiv fand Susanne Leinemann, Jahrgang 1968, Autorin in Berlin, jenes Dokument von 1947, in dem es um die schnelle Entfernung eines Hakenkreuzes ging. Das kam ihr vertraut vor. Schon während ihres Geschichtsstudiums erzählten ihr Zeitzeugen, wie in der Nachkriegszeit Mein Kampf-Bücher, Hitlerbilder und Parteiabzeichen in den Feuerlöschteichen der Dörfer versenkt wurden. Ein beliebtes Spiel der Kinder war es, diese wieder herauszufischen und dem Besitzer vor die Haustür zu legen. |
| Person | Sie hatten den Holocaust überlebt und wollten die Erinnerung daran für immer hinter sich lassen. Im Sommer 1947 versuchten Tausende europäische Juden, mit einem Flüchtlingsschiff nach Palästina zu gelangen. Doch kurz vor der Ankunft im Gelobten Land |
| Seitenzahl | 44 |
| Vita | Im Lübecker Stadtarchiv fand Susanne Leinemann, Jahrgang 1968, Autorin in Berlin, jenes Dokument von 1947, in dem es um die schnelle Entfernung eines Hakenkreuzes ging. Das kam ihr vertraut vor. Schon während ihres Geschichtsstudiums erzählten ihr Zeitzeugen, wie in der Nachkriegszeit Mein Kampf-Bücher, Hitlerbilder und Parteiabzeichen in den Feuerlöschteichen der Dörfer versenkt wurden. Ein beliebtes Spiel der Kinder war es, diese wieder herauszufischen und dem Besitzer vor die Haustür zu legen. |
| Person | Sie hatten den Holocaust überlebt und wollten die Erinnerung daran für immer hinter sich lassen. Im Sommer 1947 versuchten Tausende europäische Juden, mit einem Flüchtlingsschiff nach Palästina zu gelangen. Doch kurz vor der Ankunft im Gelobten Land |