Sieben Jahre, 50 000 Kilometer

Lebenstraum(a): Ein Hamburger Elektriker paddelt um die halbe Welt – und wird von den Wirren des Zweiten Weltkriegs eingeholt

Einiges sprach dafür, dass Oskar Speck in dieser Herbstnacht im Jahr 1937 ein glücklicher Mensch hätte sein können. Der junge Hamburger hatte am Nachmittag Lakor erreicht, eine Insel am Rand Niederländisch-Indiens. Er hatte sein Faltboot über Korallenriffe an den Strand gelenkt. Seit fünf Jahren war er unterwegs, er war Zehntausende Kilometer gepaddelt und kurz davor, sein Ziel zu erreichen: Australien. Nun lag er, gewickelt in einen Sarong, im Sand, sein Boot neben ihm. Plötzlich wurde er geweckt. Specks Muskeln spannten sich an, Adrenalin schoss durch seinen Körper. Er sah die Gestalten um ihn, und er sah die Speere und Macheten, die sie auf ihn richteten. Specks Hände wühlten hastig im Boot, dann fühlten sie den Revolver. Er streckte ihn, ungeladen, in die Luft und schrie: „Pistol ada!“, „Ich habe eine Pistole!“ Doch die Gestalten kamen näher. Und Speck fragte sich hier, Tausende Kilometer entfernt vom Deutschen Reich, wohl: Werde ich diese Nacht überleben? 

Fünf Jahre zuvor, im Frühjahr 1932, hätte Speck auf einer Weltkarte kaum zeigen können, wo Niederländisch-Indien oder gar Lakor liegt. Mit gerade 25 Jahren leitet er in Hamburg-Altona einen Elektrikbetrieb. Doch Aufträge bleiben aus. Die Wirtschaftskrise, 1929 in New York begonnen, hat die Weimarer Republik und nun auch Specks Betrieb erreicht. Er muss Insolvenz anmelden und 21 Angestellte entlassen. Jeder Dritte in Hamburg ist arbeitslos und Speck nun einer von ihnen.

Doch er hat einen Plan. Er will nicht wie viele der Männer die Tage ziellos verbringen auf den Pflasterstraßen oder in der dicken Luft einer Arbeitsamtshalle mit Hunderten hoffen, eine der wenigen Stellen vermittelt zu bekommen. Er will in einer zyprischen Kupfermine ein neues Leben anfangen. Und das beginnt, notiert er in seinem Tagebuch, am 13. Mai 1932.

Warum Zypern? In seinen Notizen begründet Speck nie, warum er sich für diese Insel entschieden hat. Auch warum er das Paddelboot wählte, bleibt unklar. Doch offenbar hatte Speck nichts Tollkühneres vor, als Tausende Kilometer zu paddeln, um in einem Bergwerk zu arbeiten. Speck hat, soweit bekannt, keine Frau und keine Kinder. Doch er hat zwei Schwestern, Grete und Emmi. Ihnen wird er aus der Ferne viele Briefe schreiben. Speck, so scheint es, hat das, was folgt, nicht geplant. Er hat kein Geld für sein neues Leben gespart. Nach wenigen Tagen muss er einem Pfandleiher seine Brille überlassen, und bald wird er seine Schwester bitten, ihm Geld zu senden. 

Erst einmal reist er mit dem Zug nach Ulm. Mit im Abteil: das Faltboot, er hat es „Sunnschien“ getauft. Speck ist heute tot; er kann seine Geschichte nicht erzählen, doch die Tagebücher, Notizen und Briefe.

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mare No. 149

mare No. 149Dezember / Januar

Von Nico Schmidt

Nico Schmidt, geboren 1988, lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin. Seine Bootsabenteuer haben ihn bisher selten über den Spreewald hinausgeführt. Umso faszinierter war er, als er von Oskar Specks abenteuerlicher Reise erfuhr.

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Vita Nico Schmidt, geboren 1988, lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin. Seine Bootsabenteuer haben ihn bisher selten über den Spreewald hinausgeführt. Umso faszinierter war er, als er von Oskar Specks abenteuerlicher Reise erfuhr.
Person Von Nico Schmidt
Vita Nico Schmidt, geboren 1988, lebt und arbeitet als freier Journalist in Berlin. Seine Bootsabenteuer haben ihn bisher selten über den Spreewald hinausgeführt. Umso faszinierter war er, als er von Oskar Specks abenteuerlicher Reise erfuhr.
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