Halligalli im Pfahldorf

Ein „Dorf“ auf Stelzen in der Biscayne Bay vor Miami, eigentlich Pausenort für Fischer, wird während der US-Prohibition zur „Party Central“, mit Bars und Bordellen, in denen es hoch hergeht

An einem Tag im Herbst 1933 hat Eddie „Crawfish“ Walker seine Geldnot satt. Er lädt sein Fischerboot voll mit Sachen, die er zum Fischen nicht braucht, und tuckert aus dem Hafen von Miami hinaus in die Biscayne Bay, drei, vier Meilen weit bis zu den seichten flats südlich des Leuchtturms am Cape Florida. Dicht an dicht, wie Rippen eines Brustkorbs, liegen dort knapp unter der Wasseroberfläche Sandbänke, untergegangene Keys, die Palmeninselchen von Floridas Ostküste bis hinunter nach Key West. Crawfish wirft den Anker für eine strahlende Zukunft als Geschäftsmann.

Er hat eine besonders flache Stelle gefunden, gerade einen Fuß tief ist hier das Wasser. Nun rammt er von früh bis spät Holzstämme in den Schlick, genug, um darauf eine Plattform zu zimmern. Seine Kumpel Thomas „Tom-Tom“ Grady und Leonard „Lennie“ Edward helfen ihm dabei. So geht es zwei Wochen lang, bis die halbwegs ansehnliche Bretterbude steht. Ob sie den nächsten Hurrikan überleben wird, ist fraglich. Aber das ist Amerika, und Optimismus ist sein Geschäftsmodell.

Crawfishs Plan: Er will ein bisschen Geld machen mit dem Verkauf von Köder an seine Kollegen, damit sie nicht nach Hause fahren müssen, wenn der Fisch gerade gut steht und der Köder zu Ende ist. Dazu noch ein paar Dollar mit Glücksspiel, mehr als eine Meile vor dem Festland gibt das kein Problem mit der Polizei. Und vielleicht ja sogar bei einem Bier zum Feierabend. Wäre ja nicht mehr verboten, denn das Ende der Prohibition liegt in der Luft, die die Amerikaner seit Januar 1920 trockenlegte, jedenfalls war das die Absicht der pietistischen drys, der Befürworter des Alkoholbanns. Eine Pacht für seinen shack, wie solche Bretterbuden hier heißen, bekommt Crawfish für wenig Geld im Rathaus.

Tatsächlich endet die Prohibition am 5. Dezember 1933, keine Minute zu früh für Crawfish. In den folgenden Wochen hat er Mühe, den Nachschub an kalten Drinks zu organisieren. Bait and beer, Köder und Bier – in seinem shack ist die Hölle los, etwa so, wie sie die drys an die Wand malen. Noch vor Weihnachten sind alle Fischer der Gegend mal bei ihm, um sich ein paar schöne Stunden bei Bier, Bourbon und Poker zu machen. Ihren Frauen zu Hause sagen sie, dass es bei Eddie den besten Köder gebe, der Umweg lohne sich in jedem Fall.

Die Sache ist ein Riesenerfolg. So viel Geld hatte Eddie noch nie in der Tasche. Und die Idee, seinen chilau, eine köstliche sämige Langustensuppe, den hungrigen Gästen, die längst nicht mehr alle Fischer sind, zu kredenzen, gibt seinem shack den nächsten Boost. Eddies Traum wird wahr. Er ist Geschäftsmann, und kein schlechter.

Ein paar Jahre geht das so, dann wollen auch Tom-Tom und Lennie nicht mehr fischen. Crawfish hilft den beiden 1937 beim Bau von deren shacks, und in den folgenden zwei, drei Jahren folgen ihnen ein Boat Club aus Coral Gables und zwei Fishing Clubs aus Miami, die dort ihre eigenen Hütten haben wollen. 1937 schreibt der „Miami Herald“ zum ersten Mal über die „shack colony“, das Hüttendorf draußen am Cape Florida.

Ende der 1930er-Jahre ist Miami noch eine kleine Großstadt, die stolz ist auf ihre erste Straßenbahnlinie. Aber sie wächst rasant. Das sonnige Wetter, die warmen Winter, das üppige Grün und günstige Grundstücke locken Menschen aus den Nordstaaten an, die hier ihre Geschäfte machen wollen, mit Südfrüchten, reichen Fischgründen, mit der U. S. Coast Guard, die hier eine riesige Basis errichtet hat, und nicht zuletzt mit gut zahlenden Wintergästen. Sie sind es, die Miami den Spitznamen „The Magic City“ geben; ihnen fällt zuerst auf, dass Miami von einem Weihnachten zum nächsten so schnell gewachsen ist, als sei Magie im Spiel.

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mare No. 145

mare No. 145April / Mai

Von Karl Spurzem und Herbert Gehr

Karl Spurzem, Jahrgang 1959, mare-Redakteur, hatte Reporterglück: Während einer Recherche in Miami aß er gern in einem Restaurant im No Name Harbor von Key Biscayne, unweit von Stiltsville. Eines Abends kam er ins Gespräch mit einem Koch. Dieser kannte sich aus in Stiltsville. Sein Vater war Pächter eines shack und mit Crawfish eine Zeitlang befreundet gewesen.

Herbert Gehr (1910-1983) war ein amerikanischer Fotograf und Fernsehregisseur. Er arbeitet unter anderem für die Zeitschrift Life.

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Vita Karl Spurzem, Jahrgang 1959, mare-Redakteur, hatte Reporterglück: Während einer Recherche in Miami aß er gern in einem Restaurant im No Name Harbor von Key Biscayne, unweit von Stiltsville. Eines Abends kam er ins Gespräch mit einem Koch. Dieser kannte sich aus in Stiltsville. Sein Vater war Pächter eines shack und mit Crawfish eine Zeitlang befreundet gewesen.

Herbert Gehr (1910-1983) war ein amerikanischer Fotograf und Fernsehregisseur. Er arbeitet unter anderem für die Zeitschrift Life.
Person Von Karl Spurzem und Herbert Gehr
Vita Karl Spurzem, Jahrgang 1959, mare-Redakteur, hatte Reporterglück: Während einer Recherche in Miami aß er gern in einem Restaurant im No Name Harbor von Key Biscayne, unweit von Stiltsville. Eines Abends kam er ins Gespräch mit einem Koch. Dieser kannte sich aus in Stiltsville. Sein Vater war Pächter eines shack und mit Crawfish eine Zeitlang befreundet gewesen.

Herbert Gehr (1910-1983) war ein amerikanischer Fotograf und Fernsehregisseur. Er arbeitet unter anderem für die Zeitschrift Life.
Person Von Karl Spurzem und Herbert Gehr