Folge 5: Das Spiel von Licht und Dunkel

Über das Leben in der ewigen Nacht am Nordpol

Tageslicht hatten wir zum letzten Mal Ende November in Tromsø, schwach und fahl um die Mittagszeit. Auf unserem Weg in die Arktis war es dann auch damit schnell vorbei. Die Dunkelheit auf offener See holte uns schon ein, bevor wir ihren Zwilling, die Kälte, mit voller Wucht zu spüren bekamen. Von nun an lebten wir, nein, nicht in Dunkelheit, aber in dieser Gleichzeitigkeit von hell und dunkel: Kunstlicht drinnen im Schiff und Nacht draußen um uns herum, unabhängig vom Lauf der Uhr. Versorgt mit Vitamin-D-Tabletten, um die negativen Begleiterscheinungen der Dunkelheit, Müdigkeit und Lethargie, abzuschwächen, überlasse ich mich staunend und neugierig dieser endlosen Schwärze, der wir in der zivilisierten Welt nur noch selten begegnen.

Die Gewöhnung an die permanente Dunkelheit geschah dann unerwartet schnell, wenn auch in mehreren Etappen. Anfangs war da die Verwirrung, ach ja, stimmt, es ist dunkel draußen, wo ist nur meine Kopflampe? Ob die Batterie wohl genügend aufgeladen ist für die Unternehmungen in den nächsten Stunden? Erst als die Vorbereitung für den Gang nach draußen tägliche Routine und der Kopf wieder frei war, kam die Entdeckung der Schattenspiele, gezaubert vom Schein der Kopflampen, von hellem Schnee und glitzerndem Eis vor nachtschwarzem Horizont. Wenig später erschien der Mond über dem Horizont. Voll und orange kündigte er die nächste Etappe im Spiel mit der Dunkelheit an. Lange Belichtungszeiten bei Mondschein lieferten nun Bilder von Schneelandschaften in gleißendem Licht. Doch der Mond verschwand wieder hinter dem Horizont, und die arktische Nacht kehrte in aller Schwärze und Stille zurück. Nun waren es die Wolken, die darüber entschieden, ob die Arbeit auf dem Eis bei absoluter Finsternis oder umrahmt von einem grandiosen Sternenhimmel über uns stattfand. Dieses Schauspiel nach getaner Arbeit für einige Momente zu erleben wurde zum täglichen Ritual.

Das Erscheinen der Venus am tiefen Himmel kündigte bereits im Januar Veränderungen der Lichtszenerie an. Kaum hatten wir uns an die Geborgenheit des Dunkels gewöhnt, kamen im Februar die Dämmerungen zu Besuch. Im englischen twilight klingt das deutsche „Zwielicht“ nach und beschreibt den Zustand, der entsteht, wenn der Prozess der Dämmerung in Gang kommt: das Nebeneinander von Licht und Dunkel. Hier erlebe ich die Dunkelheit wie eine Schablone für die anderen Himmelslichter, die, bedingt durch die Strahlkraft der Sonne, die meiste Zeit unsichtbar bleiben.

Die früheste, die astronomische Dämmerung erscheint, wenn die Sonne in einem Winkel von kleiner als 18 Grad unter dem Horizont steht. Dann verblassen die ersten Sterne. Diese erste Markierung zwischen hell und dunkel erinnert an die frühe Bedeutung der Sterne als Wegweiser durch die Dunkelheit.

Auch die zweite, die nautische Dämmerung verweist auf die Bedeutung des Zwielichts für die Rastlosen und Suchenden. Die Wende zwischen astronomischer und nautischer Dämmerung markiert den Zeitpunkt, wenn auf hoher See der Horizont von den Seeleuten mit bloßem Auge wahrgenommen werden kann. Die Sonne steht dann in einem Winkel kleiner als zwölf Grad unter dem Horizont. Wenn dann die dritte im Bund, die bürgerliche Dämmerung, erscheint, hat sich der Winkel der Sonne auf weniger als sechs Grad verringert. Nun können diese Zeilen schon ohne künstliches Licht gelesen werden.

Inzwischen ist es März, und die Sonne schafft es jeden Tag ein bisschen mehr, über den Horizont zu klettern. Die blauen Dämmerungsphasen schrumpfen zusehends, und schon bald wird die Sonne nicht mehr untergehen. Auf unserer Scholle gibt es dann keine Dunkelheit mehr. Den gewohnten Tag-und-Nacht- Rhythmus werden wir erst wieder auf unserer Rückreise südlich des Polarkreises erleben. Zurück im Alltag, wird dieses beeindruckende Spiel der Dunkelheit mit dem Licht eine bleibende sensitive Erfahrung dieser Reise bleiben.

No. 139

mare No. 139April / Mai 2020

Von Ellen Damm

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