Ein besonders heisser Sommer

Im Sommer 1971 fliehen die Rolling Stones vor der Steuer an die Côte d’Azur. In einer Villa am Meer erleben sie so rauschhafte wie kreative Monate, in denen ein Werk von Weltruhm entsteht

Sie hatten Todesangst in Altamont ausgestanden, als vor der Bühne ein Zuschauer erstochen wurde, sie wurden Zeugen, wie die Beatles, ihre besten Freunde und die schärfste Konkurrenz, vor aller Augen zerbröselten, sie hatten die Trennung von ihrem Gitarristen ­Brian Jones überlebt, sie waren von immer neuen Drogen abhängig geworden, aber endgültig erledigt hätte sie beinahe das Finanzamt.

1970 waren die Rolling Stones rettungslos pleite. Ihr Manager hatte ihnen mehr Geld versprochen und sie dann nach Strich und Faden ausgeplündert. Bei ihren inzwischen akkumulierten, wenn auch nie versteuerten Einnahmen drohte eine Abschöpfung von 93 Prozent. Die Nachforderungen des Finanzamts waren so ungeheuer, dass ihnen jeder neu eingenommene Schilling weggepfändet worden wäre. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als dem Vorschlag ihres neuen Finanz­beraters zu folgen und das Weite zu suchen.

Zu Beginn des neuen britischen Fiskaljahrs am 5. April 1971 übersiedelten Mick Jagger, Charlie Watts, Bill Wyman und der neue Gitarrist Mick Taylor mit Mann und Maus, mit Frauen und Kindern, nach Frankreich und ließen sich, jeder für sich, in den Hügeln über der Côte d’Azur nieder. Keith Richards, der sich noch schnell einer Entziehungskur unterziehen musste, hatte sich von einer Assistentin etwas Passendes suchen lassen und staunte dann nur so über seine neue Liegenschaft in der Bucht von Villefranche: „Wer ist denn hier für die Einrichtung zuständig gewesen? Diese wahnsinnige Marie Antoinette?“

Nellcote war dekadenter, als selbst Richards sich das hätte träumen lassen. Die Villa auf der Halbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat war in den besten Jahren der Belle ­Époque über dem blauen Meer erbaut worden, sie prunkte mit ionischen Marmorsäulen, einem riesigen Lüster, einem Speisesaal für größere Bankette und verfügte zudem über einen dämpfigen Keller, von dem man sich raunend erzählte, die Gestapo habe dort Gefangene gefoltert. Dazu passte die nicht weniger liebevoll tradierte Legende, es habe sich im Garten eine Kiste mit Morphiumampullen gefunden, jede einzelne, vermutlich als Wirkungsverstärker, versehen mit einem Hakenkreuz. Nach dem trüben und noch winterkalten England war Keith begeistert vom Blick aufs Meer und mietete Nellcote für monatlich 10 000 Pfund. 

Diese Küste war seit je ein Traumort für Leute, die sich, wie der Schriftsteller W. Somerset Maugham oder Graham Greene, dieses Exil leisten konnten. Zelda Fitz­gerald erlebte hier in den 1920ern die Affäre, die ihre Glamourehe mit Scott zerstörte. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der internationale Jetset ein, in Monaco vermählten sich europäischer und Hollywood-Glanz, als Fürst Rainier die Schauspielerin Grace Kelly heiratete. 

Die Rolling Stones passten da nicht hin, nicht vor 50 Jahren, aber heute gehört ihr luxuriöses Exil zum mythischen Zauber der Côte d’Azur. Während sich die Beatles von der Queen einen Orden umhängen ließen, legten die Stones größten Wert auf ihr Image als böse Buben, pinkelten neben einer Tankstelle an die Wand und genossen die unvermeidliche Erregung der Öffentlichkeit. 

Mehrmals waren sie der Polizei in die Hände gefallen, waren wegen Drogenverstößen vor Gericht gekommen, Mick Jagger und Keith Richards hatten sogar einige Tage im Gefängnis verbracht. Sie verglichen sich prompt mit Oscar Wilde, der, obwohl ein berühmter Schriftsteller, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war und nach seiner Freilassung ins Exil gehen musste.

Die Rolling Stones mussten nicht länger in Haft, sondern nur eine Platte einspielen. Ohne eine neue Platte konnten sie nicht auf Tournee gehen, und ohne Tournee hatten sie kein Geld, schon gar nicht für den Dauer­exzess, den sie sich in Keith’ Haus leisteten. Dort begann eine unendliche Sommerorgie in der vorschriftsmäßigen Verbindung von Sex und Drogen. Folgt man Robert Greenfields farbiger Reportage „A Season in Hell With the Rolling Stones“, dann spielten die Musiker so ausgelassen Ferienlager, dass sich Anita Pallenberg, Keith Richards’ Freundin, im Rückblick nur wundern konnte, dass es dabei keine Toten gab. 

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 153. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 153

mare No. 153August / September 2022

Von Willi Winkler und Dominique Tarlé

Wie die Berliner Waldbühne und der Marquee Club in London ist für den Rolling-Stones-Fan Willi Winkler die Villa Nellcote ein mythischer Ort. Zu gern hätte der Autor das Anwesen durchwandert, doch das Haus ist nicht zugänglich, weder vom Meer aus noch von der Landseite, ganz so, als wollte es weiter das Geheimnis bewahren, wie der Band in ihrer wildesten Zeit das Album Exile On Main Street gelang.

Dominique Tarlé war seinerzeit mehr Freund der Band als Fotograf, aus einer nachmittäglichen Foto-Session in Nellcote wurde auf Einladung Keith Richards’ ein sechsmonatiger Aufenthalt. Keine Agentur, kein Magazin wollte damals seine Bilder kaufen, erst 2001, anlässlich der Veröffentlichung einer Deluxe-Edition des Albums, kamen sie zu ihren Ehren.

Mehr Informationen
Vita Wie die Berliner Waldbühne und der Marquee Club in London ist für den Rolling-Stones-Fan Willi Winkler die Villa Nellcote ein mythischer Ort. Zu gern hätte der Autor das Anwesen durchwandert, doch das Haus ist nicht zugänglich, weder vom Meer aus noch von der Landseite, ganz so, als wollte es weiter das Geheimnis bewahren, wie der Band in ihrer wildesten Zeit das Album Exile On Main Street gelang.

Dominique Tarlé war seinerzeit mehr Freund der Band als Fotograf, aus einer nachmittäglichen Foto-Session in Nellcote wurde auf Einladung Keith Richards’ ein sechsmonatiger Aufenthalt. Keine Agentur, kein Magazin wollte damals seine Bilder kaufen, erst 2001, anlässlich der Veröffentlichung einer Deluxe-Edition des Albums, kamen sie zu ihren Ehren.
Person Von Willi Winkler und Dominique Tarlé
Vita Wie die Berliner Waldbühne und der Marquee Club in London ist für den Rolling-Stones-Fan Willi Winkler die Villa Nellcote ein mythischer Ort. Zu gern hätte der Autor das Anwesen durchwandert, doch das Haus ist nicht zugänglich, weder vom Meer aus noch von der Landseite, ganz so, als wollte es weiter das Geheimnis bewahren, wie der Band in ihrer wildesten Zeit das Album Exile On Main Street gelang.

Dominique Tarlé war seinerzeit mehr Freund der Band als Fotograf, aus einer nachmittäglichen Foto-Session in Nellcote wurde auf Einladung Keith Richards’ ein sechsmonatiger Aufenthalt. Keine Agentur, kein Magazin wollte damals seine Bilder kaufen, erst 2001, anlässlich der Veröffentlichung einer Deluxe-Edition des Albums, kamen sie zu ihren Ehren.
Person Von Willi Winkler und Dominique Tarlé