Donner und Doria

Vom adligen Waisenkind zum Diplomaten, knallharten Seekriegshelden und Schöngeist: die glamouröse Karriere des Andrea Doria

Genua, im März 1533. Was für ein Spaß! Von der Galeere des Andrea Doria fliegen nach dem Festmahl die Teller – die goldenen Teller! – hoch über Bord und klatschen ins Hafenbecken. Abwaschen? Papperlapapp, hinfort mit dem schmutzigen Geschirr! Die aristokratischen Händler und Bankiers sind exzellenter Laune. Wenn der Kaiser kommt, wird nicht geknausert. Nicht einmal in Genua, bei den Schwaben Italiens. 

Sollte Karl V., habsburgischer Kaiser und König von Spanien, jemals Zweifel an der finanziellen Potenz seiner Verbündeten gehabt haben – nach diesem sorglosen Spektakel haben sie sich verflüchtigt. Bei den Bankiers der kleinen Seerepublik wird er sich in den nächsten Jahrzehnten bis weit über den fein gestärkten Rüschenkragen verschulden können. 

Eingefädelt hat das alles Admiral Andrea Doria, einer der mächtigsten und weitsichtigsten Männer seiner Zeit. Unübersehbar thront sein Palast in einem kunstvoll arrangierten Garten über dem Hafen von Genua. Aus dem langen, eleganten Bogengang im ersten Stock spannt sich ein Panorama über das weite, fast kreisrunde Hafenbecken Genuas auf das Meer, den Horizont. Der Admiral hat gern alles im Blick, vor allem seine Flotte, die direkt vor der Gartenmauer ankert.

Vermutlich hat Doria von dort oben den Flug der Teller verfolgt. Eine alberne Kinderei, die er bestenfalls arrangieren ließ, aber Doria ist kein Hallodri und kein Protz. Er kleidet sich schlicht, verabscheut opulente Mahlzeiten, frönt keinen Exzessen. Er ist das karge Leben an Bord seiner Galeeren gewohnt, pflegt Selbstkontrolle in Perfektion. Das prächtige Anwesen am Hafen – und vor den Stadtmauern – ist sein einziger repräsentativer Luxus.

Zwölf Tage residiert der Kaiser bei Andrea Doria in Genua, bei seinem Admiral, Verbündeten, seinem Freund. Tatsächlich, Freund. Der Kaiser ist 33 Jahre, Doria fast doppelt so alt. Vielleicht hegt der kinderlose Doria väterliche Zuneigung für den jungen Monarchen, der, wie er selbst, schon früh seinen Vater verlor. Vielleicht teilen die beiden eine gemeinsame Vision von der Welt. Vielleicht ist es ganz einfach spontane Sympathie gewesen. Den Besuch des Kaisers jedenfalls hat Andrea Doria jahrelang vorbereitet. Er ist ein Visionär, anders lässt sich seine erstaunliche Karriere nicht verstehen. 

Die beginnt er 1483 als mittelloser Waisenjunge. Nach dem Tod seiner Mutter bleibt dem 17-Jährigen nur ein einziges Erbstück: sein mächtiger Familienname. Die Doria, ansässig seit dem zwölften Jahrhundert in Genua, gehören zum alten Adel der freien Seerepublik. Eine Stadt, eingezwängt zwischen Berg und Meer, 40 000 Menschen drängen sich in dem stickigen, dunklen Gewirr der Gassen, das sich in das gleißende Licht des Mediterraneo öffnet. Dort, hinter dem Horizont, lag schon immer die Zukunft der Stadt.

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mare No. 149

mare No. 149Dezember / Januar

Von Kirsten Wulf

Kirsten Wulf, Jahrgang 1963, lebt als freie Autorin und Schriftstellerin in Genua. Schon vor der Recherche bewegte sie sich auf den Spuren Dorias: An Sommerabenden war sie mit ihrer Tai-Chi-Gruppe im Garten des Palazzo del Principe und spürte zwischen uralten Magnolien der Energie des Andrea Doria nach.

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Vita Kirsten Wulf, Jahrgang 1963, lebt als freie Autorin und Schriftstellerin in Genua. Schon vor der Recherche bewegte sie sich auf den Spuren Dorias: An Sommerabenden war sie mit ihrer Tai-Chi-Gruppe im Garten des Palazzo del Principe und spürte zwischen uralten Magnolien der Energie des Andrea Doria nach.
Person Von Kirsten Wulf
Vita Kirsten Wulf, Jahrgang 1963, lebt als freie Autorin und Schriftstellerin in Genua. Schon vor der Recherche bewegte sie sich auf den Spuren Dorias: An Sommerabenden war sie mit ihrer Tai-Chi-Gruppe im Garten des Palazzo del Principe und spürte zwischen uralten Magnolien der Energie des Andrea Doria nach.
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